Dienstag, 19. Mai 2015

Das Kreuz als Tor zum Leben beim Vater - Die selige Pentekoste (Schlußteil)

Seit dem vierten Jahrhundert hat die Kirche sich mehr der Einzelbetrachtung der geschichtlichen Gottestaten zugewandt. Aber der tiefere theologische Sinn des Osterfestes wurde dadurch nicht aufgehoben. Die heilige Pentekoste, die aus dem Pascha, dem Kreuz hervorblüht, ist für immer das Kultmysterium der Erlösung und Erhöhung. In ihr wird nicht gefastet und nicht gekniet, sondern es ist eine Zeit beständigen Jubels und heiliger Freude, ein ununterbrochenes Alleluja. Die Pentekoste ist das liturgische Symbol der Vollendung der Kirche im Reiche Christi, ihrer ewigen Ruhe in Gott, die dann vollkommen wird, wenn alle Auserwählten durch das Kreuz hindurch sich zum Leben in Gott durchgekämpft haben werden. Im Mysterium ist die Pentekoste schon der dem Volke Gottes versprochene Sabbat, die Verklärung in der ewigen Agape, wenn die ganze erlöste Gottesgemeinde ein Opfer für Gott geworden ist und, von der Sünde gereinigt, von aller Unruhe befreit, ewig in den Armen des Vaters ruht und das Loblied der heiligen Dreifaltigkeit singt.
Odo Casel OSB
Es ist dies aber nicht bloß ein Zukunftsbild, nicht bloß eine leuchtende Hoffnung, sondern auch schon Wahrheit und Wirklichkeit: "Wenn ihr mit Christus auferweckt seid, so sucht das Droben, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt; denket das Droben, nicht das Irdische. Ihr starbet ja, und euer Leben ist mit Christus in Gott verborgen" (Kol 3, 1-3). Dies gilt schon jetzt für uns, und auch der folgende Vers wird sich erfüllen: "Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar in Herrlichkeit" (ebd. 4).
Die Pentekoste ist das Leben in der gegenwärtigen Gotteskraft Christi, die uns zum Heroismus im sittlichen Leben befähigt. Unser Leben im Fleische ist noch Pascha, d. h. Durchgang, steht noch unter dem Kreuze. Wir befinden uns noch im Torbogen zwischen der Wüste der Welt und der Heimat. Der Blick voraus zur Heimat hin, den uns die Pentekoste vergönnt, gibt uns Kraft, zunächst mit Jesus dem Gekreuzigten noch den Weg des Pascha zu gehen, d. h. den Kreuzweg. Zugleich aber gibt uns die heilige Pentekoste die Sicherheit, daß wir schon jetzt als Christen in einem neuen Leben wandeln, das sich einst in der ewigen seligen Pentekoste siegreich durchsetzen und allein herrschen wird.
Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [n. 1954]. S. 232 f.

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