Sonntag, 10. Mai 2015

Das Kreuz als Tor zum Leben beim Vater - Die selige Pentekoste (6)

Odo Casel OSB
Diese Art der Schau, die mit einem Blick Erniedrigung und Erhöhung, Kreuzestod und Auferstehungsherrlichkeit umfaßt, kennzeichnet, wie wir schon andeuteten, besonders das Johannesevangelium. Es heißt dort im siebten Kapitel, daß Jesus am letzten großen Tage des Festes gerufen habe: "Wenn jemand dürstet, komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt". Der Evangelist sieht darin die Erfüllung des Schriftwortes: "Ströme werden von seinem Leibe fließen lebendigen Wassers. Dieses aber sagte er von dem Pneuma, das die an ihn Glaubenden erhalten sollten; noch war kein Pneuma da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war" (Joh 7, 37-39). Diese Verherrlichung Jesu deutet Johannes dann später als seinen Durchgang durch die Passion. Je näher das Ende rückt, umso häufiger spricht der Herr von seiner Verherrlichung. Beim Einzug in Jerusalem betet er zum Vater: "Vater, verherrliche deinen Namen. Es kam nun eine Stimme vom Himmel: Ich habe verherrlicht und werde wiederum verherrlichen ... Jesus sprach: Nicht meinetwegen ist diese Stimme gekommen, sondern euretwegen. Jetzt ist das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden; und ich werde, wenn ich von der Erde erhöht werde, alle an mich ziehen. Dies aber sagte er, andeutend, welchen Todes er sterben sollte" (Joh 12, 28 ff.). Und als Judas hinausging, um seinen Meister zu verraten, da sprach Jesus: "Jetzt wurde der Menschensohn verherrlicht, und Gott wurde in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht wurde, dann wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und sofort wird er ihn verherrlichen" (Joh 13, 31 f.). In seinem letzten Gebete vor den Jüngern sprach Jesus zum Vater: "Vater, die Stunde ist da; verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche" (Joh 17, 1). Wie jene Voraussage erfüllt wurde, zeigt dann Johannes später in dem Bericht von der Auferstehung, wo er erzählt, wie der auferstandene Jesus zu Maria Magdalena spricht: "Halte mich nicht auf; denn ich bin noch nicht zum Vater emporgestiegen. Gehe aber zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich steige empor zu meinem Vater und eurem Vater und zu meinem Gott und eurem Gott" (Joh 20, 17). Vom Vater aus bringt er dann seinen Aposteln das Pneuma*, wie der Vers 22 uns belehrt: "Er hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget heiliges Pneuma". Auch hier sehen wir also, wie der Evangelist die Himmelfahrt des Herrn und seine Pneumasendung mit der Auferstehung zusammenschaut in einem Blick.
* Nach dem Evangelium des hl. Johannes ist der Herr sogleich bei der Auferstehung zum Vater erhöht worden. "Er kommt also zu ihnen (den Jüngern) als der, welcher zu seinem Vater hinaufgestiegen ist, er kommt vom Himmel, vom Vater her" (Belser; zit. nach Alfr. Wikenhauser, Das Evangelium nach Johannes [1948] S. 281).
Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [n. 1954]. S. 229 f.

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