Sonntag, 12. April 2015

Welchen ihr die Sünden behaltet ...

Wenn wir am Oktavtag des Osterfestes das Euangélion (Joh 20, 19-31) hören, dann richtet sich unsere Aufmerksamkeit im überwiegenden Fall auf das Geschehen rund um den Apostel Thomas. Zweifel und Unglaube des Apostels rühren schließlich unmittelbar an, denn auch wir könnten zuweilen fester glauben und froher hoffen, zeigte sich uns der Kyrios in der Herrlichkeit der Auferstehung und hätten wir die Möglichkeit, unsere Hand in seine Seite zu legen.
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Das alles geschah am achten Tag. Auf dem Hintergrund aktueller Debatten rund um die Barmherzigkeit Jesu scheint mir aber auch sehr aktuell, was zuvor berichtet wird (zunächst nämlich schildert das Euangélion dieses Herrentages eine Begebenheit vom Abend des Auferstehungstages):
Nun sprach Jesus zu ihnen abermals: Friede mit euch! Wie der Vater mich gesandt hat, so sende auch ich euch. Und als er das gesprochen, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt heiliges Pneuma! Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten (Joh 20 21-23).
Mit diesen Worten setzt der Kyrios das heilige Mysterium des Bekenntnisses und der Umkehr ein: die sakramentale Beichte. Er überantwortet der Ekklesia die Vollmacht, Sünden zu vergeben, wie er selbst in der Zeit seines öffentlichen Wirkens den Menschen Sünden vergeben hatte - eine hohe Verantwortung!
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Dem aufmerksamen Leser fällt aber auf, daß es nicht nur eine Vollmacht ist, Sünden zu vergeben, sondern auch eine, Sünden zu behalten - also: nicht zu vergeben. Diese "doppelte" Vollmacht stellt der Kyrios zudem unmittelbar in Kontinuität zu seiner eigenen Sendung, die er vom Vater empfangen hat; besiegelt aber wird der Auftrag durch die Hauchung des heiligen Pneuma. Eingeleitet wird all das durch den (im Kontext wiederholten und damit besonders hervorgehobenen) Zuspruch des Friedens, der mithin über aller Weisung des Kyrios liegt.
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Die wenigen Zeilen, in denen diese Episode geradezu lapidar von Johannes überliefert wird, dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um einen hoch bedeutenden Moment der Heilsgeschichte handelt - denn Heilsgeschichte ist im Kontext des Neuen Testaments zuerst unmittelbare Zuwendung Gottes zum Einzelnen; das Reich Gottes wächst alsdann aus der Summe seiner Teile.
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Der Kyrios betont also die Kontinuität dieser Aussendung zu seiner eigenen Sendung. Wir können daraus rückschließen, daß sich Jesus Christus in der Zeit seines irdischen Lebens die Möglichkeit vorbehalten hat, Sünden nicht zu vergeben, und von dieser Möglichkeit, nicht weniges spricht dafür, auch Gebrauch machte. Auf jeden Fall scheint eine Notwendigkeit bestanden zu haben, die Jünger explizit auch mit einer Vollmacht auszustatten, Sünden nicht zu vergeben. Womöglich sah Jesus voraus, wie rasch seine Verkündigung eines liebenden und barmherzigen Gottes einer Laissez-faire-Haltung Vorschub leisten kann - so wie er in das Innere jener Menschen sah, denen er - nur vordergründig "bedingunslos" - die Sünden vergeben hatte. Man lese etwa unter dem Aspekt "bedingungsloser" Vergebung einmal das erstaunlich ausführlich geschilderte Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4, 7-25 und ff.), übrigens auch ein Bericht über eine Ehebrecherin!
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So gilt es, Vorsicht walten zu lassen, wenn leichtfertig die "bedingungslose Vergebung" Jesu behauptet oder die Ekklesia gar der Unbarmherzigkeit gescholten wird, weil sie nicht jedem Sünder (ob nun faktisch oder habituell "bedingungslos") die Absolution erteilt. Denn hierzu hat sie sowohl Auftrag als auch Vollmacht des Kyrios und handelt in seinem Namen und gemäß seines Willens.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Nach dem Überfliegen der tagesaktuellen Bulle - mit allerlei die-Kirche-ist-zu-streng-Rhetorik - liest sich hiesiger Beitrag ja fast als deren Verurteilung ...

Andreas hat gesagt…

Die Bulle habe ich noch nicht in Augenschein genommen; man möchte eher vermuten, es könnte mein spezifischer Beitrag zum "Barmherzigkeitessonntag" sein; aber letztlich ist er schlicht dem Umstand geschuldet, daß ich diese Gedanken bereits eine Weile mit mir herumgetragen habe und das heutige Euangélion den Ansporn gab, was dazu zu schreiben ...

KH hat gesagt…

Sowohl der Hl. Pfarrer von Ars als auch Pater Pio haben öfter die Absolution verweigert.

Tarquinius hat gesagt…

... was mich öfter mal im Beichtstuhl befürchten ließ, dass sich ein traditionstreuer Pater auch für einen heiligen Curé oder Kapuziner hält und meint, mich mit harter Hand heiligen zu müssen. Glücklicherweise blieb das bislang aus - Horrorstories aus Beichtstühlen habe ich aber dennoch leider schon viel zu viele gehört ...