Dienstag, 21. April 2015

Sententiæ XC

Aber wir haben einen unwiderstehlichen Hang, die gegenwärtige in Europa entstandene Kultur mit dem Christentum zu identifizieren und dies nicht nur, weil uns noch ein vages Bild vom Mittelalter vorschwebt, als einer Zeit, in der der Sauerteig des Glaubens die abendländische res publica christiana wirklich durchdrungen hatte, sondern vor allem, weil die im Verfall begriffene moderne Kultur, an die wir schicksalhaft gebunden sind, sich an die christliche Religion, von der sie das Heil erhofft, wie ein Schmarotzer anklammert, ohne jedoch ihre Forderungen annehmen zu wollen, und weil das Christentum seinerseits an den Zusammenbruch seiner wurmstichtig gewordenen traditionellen Stützen nur mit Furcht denkt.
Marcel de Corte: Das Ende einer Kultur (1949)

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