Donnerstag, 23. April 2015

Sankt Jürg und das Kirchenlied

 hl. Georg - Münster Unserer Lieben Frau, Freiburg 
Zur Zeit des Dritten Reiches erschien unter dem Namen Kirchenlied eine kleine - so der Untertitel - Auslese geistlicher Lieder. Seinen Ursprung nahm das Büchlein in Kreisen katholischer Jugendverbände jener Tage. Als überdiözesane Sammlung mag man es einen Vorläufer des Gotteslob nennen. Zudem wagte es auch den ein oder anderen ökumenischen Brückenschlag - erstmals fand eine größere Anzahl protestantischer Choräle (etwa heutige "Klassiker" wie Macht hoch die Tür oder Lobe den Herren) Aufnahme in ein katholisches Gesangbuch. Nicht zuletzt ist es vor allem ein Spiegel seiner Zeit: Singend sollten Kraft und Mut gebündelt werden, um den zunehmenden Übergriffen des nationalsozialistischen Staates auf die katholische Jugend widerstehen zu können. 
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Besonders deutlich wird dies zum Beispiel an einem Lied zum hl. Georg, gedichtet von Georg Thurmair und vertont von Adolf Lohmann im Jahr 1934. Zum heutigen Gedächtnis des Heiligen sei es erinnert:
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Wir stehn im Kampfe und im Streit
mit dieser bösen Weltenzeit,
die über uns gekommen.
Sankt Jürg, du treuer Gottesmann,
wir rufen deinen Namen an,
weil unser Mut beklommen.
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Das Böse überkommt Gewalt,
und keiner sagt dem Satan Halt;
wir sind in argen Nöten.
Sankt Jürg, du bist allzeit gerecht,
schaff Urteil über Gut und Schlecht,
du kannst die Drachen töten.
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Die Lüge ist gar frech und schreit
und hat ein Maul so höllenweit,
die Wahrheit zu verschlingen.
Sankt Jürg, behüte diesen Hort,
bewahr die Sprache und das Wort,
du kannst die Lüge zwingen.
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Die böse List zerbrach den Bann
und fiel so manche Menschen an
und hat den Mut zerschlagen.
Sankt Jürg, du bist der Heldenmut,
der Ritter stolz, der Adel gut,
du kannst den Trug verjagen.
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Erhebe dich, besteig dein Pferd,
nimm Lanzenschaft und Schild und Schwert,
dann hilf uns tapfer kriegen!
Sankt Jürg, du unser Schutzpatron,
befreie uns und brich die Fron,
daß wir im Glauben siegen.
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Man braucht wenig Phantasie, um zwischen den Zeilen heraus zu lesen, wer und was als das Böse chiffriert wird, was oder wer gemeint ist, wenn etwa von der "Lüge" und deren "Maul so höllenweit" die Rede ist.
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Die Sprache dieses Liedes mag uns altertümelnd dünken und der Wehrgedanke nicht in unsere Zeit passen. Je nachdem, wie wir heute - in Zeiten subtilerer Anfechtungen - zwischen den Zeilen lesen, ist das Lied aber nach wie vor aktuell. Das Böse hat heute viele Masken; zumeist schmeicheln sie uns mehr, als daß sie offen angeriffen - Sankt Jürg reiße sie allsamt herunter, damit wir die Fratzen dahinter sehen und uns mit seinem Beistand ihrer erwehren ... ora pro nobis!
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Bild: Der heilige Georg im Themenfenster "Fortitudo" von Fritz Geiges im Münster Unserer Lieben Frau zu Freiburg.

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