Freitag, 3. April 2015

Fulget crucis mysterium! (5)

Odo Casel OSB
So verehren wir denn das heilige Kreuz in inniger Dankbarkeit und begeisterter Liebe. "Crucem tuam adoramus, Domine, ecce enim propter lignum venit gaudium in universo mundo - Dein Kreuz verehren wir, Herr! Denn siehe! Um des Holzes willen kam Freude in die ganze Welt" (Ant. aus der Kreuzverehrung). Aus dem Kreuze kommt ja alle Freude, alles Leben, ewige Freude, ewiges Leben, ewige Seligkeit.
Deshalb leuchtet das Mysterium des Kreuzes so trostvoll und himmlisch stärkend zu uns herab; fulget, es leuchtet! Aber jedes Mysterium verlangt Mitarbeit, es ist "actio". Es wirkt nicht automatisch, sondern es will Leben, Mitleben, Mittun wecken. Es verlangt Mysten, die in den Wirkungsbereich der Mysterien eintreten und in Kraft der göttlichen Gnade mithandeln.
Da nun zeigt sich die merkwürdige Tatsache, daß wir das Kreuz Christi zwar lieben, verehren, anbeten, aber das Mittun ablehnen. Christus verlangt übrigens garnicht von uns, daß wir ihm im Kreuztragen gleich seien, wir sollen nur tragen helfen. Aber schon das kleinste Kreuz lehnen wir ab. Wie verträgt sich das mit unserer Liebe zum heiligen Kreuze? Wir wollen zwar aus der Quelle des Erlösers trinken, aber es soll uns der Trank zum Munde geführt werden; wir wollen uns nicht einmal hinabbeugen zur Quelle.
Vom Heiland hingegen heißt es im 109. Psalm: "Er trank aus dem Gießbache", d. h, er ließ sich ganz hinab, "und dann erhob er das Haupt". Wir aber wollen nicht das Haupt hinabneigen. Doch das Gesetz des Mysteriums heißt: "Schöpfet in Freude Wasser aus den Quellen des Heilandes" (Is 12, 3). Der Heiland hat die Quelle gegraben, wir müssen aber selbst schöpfen, d. h. wir müssen uns hinabbeugen; und wir werden es tun - zuerst mit Mühsal, aber dann mit Freude.
Odo Casel in einer Ansprache am Fest Kreuzerhöhung 1927 - in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [nach 1954]. S. 32.

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