Samstag, 25. April 2015

Das Kreuz als Tor zum Leben beim Vater - Die selige Pentekoste (4)

Odo Casel OSB
Die Pentekoste, d. h. die Fünfzig-Tage-Zeit zwischen Pascha und "Pfingsten", galt in der alten Kirche als das Osterfest. Zwar begann man bald auch den Ostersonntag Pascha zu nennen; aber die Grundidee der alten Pentekoste besteht auch heute noch; denn sie ist auf der Schrift und der Überlieferung der Kirche begründet.
Schrift und Tradition kennen zwei Arten, die Heilstaten des Herrn zu betrachten und demgemäß zu feiern. Beide sind wesenhaft christlich und ergänzen einander. Die eine Art ist mehr metaphysisch und pneumatisch; sie überschaut mit einem Blicke die Heilstat Gottes in ihrem ewigen Plan; diese Art wird im Neuen Testament vor allem durch Paulus und Johannes vertreten. Die andere Art betrachtet mehr den historischen Verlauf der Heilsereignisse, schaut diese also mehr vom Menschen aus; sie kann etwa durch Lukas charakterisiert werden. Ambrosius sagt darüber in seinem Lukaskommentar:
"Johannes scheint mir, da er Apostel war, das Größere und Höhere berührt zu haben, Lukas aber die geschichtliche Reihenfolge und die menschliche Seite; Lukas schreibt gemäß der historischen Entwicklung, Johannes aber hat die Zusammenschau. An Johannes dürfen wir nicht zweifeln; denn er legt Zeugnis von dem ab, wobei er selbst zugegen war, und sein Zeugnis ist wahr. Ebenso müssen wir aber auch von Lukas, der Evangelist geworden ist, den Vorwurf der Nachlässigkeit oder der Lüge abwehren. Beide also halten wir für Künder der Wahrheit" (In Luc. X, 171).
Wir sind heute daran gewöhnt, zuerst das Leiden des Herrn betrachtend zu feiern, dann seine Auferstehung, schließlich am 40. Tage seine Himmelfahrt und am 50. die Sendung des Heiligen Geistes. Die älteste Kirche sah alles mehr mit dem einen Blick der Beschauung. Auch heute noch kann uns die johanneische Art zur tieferen Erkenntnis der Pentekoste und damit des Osterfestes helfen; sie läßt uns das Mysterium der Erlösung in seiner grandiosen Einheit schauen, so wie es seit Ewigkeit vor den Augen Gottes stand, wie es sich dann aber in unserer Zeitlichkeit allmählich vollzog und entfaltete.
Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [n. 1954]. S. 227 f.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Meine Wenigkeit fände es ja nicht unbedingt schade, käme die "Casuistik" nicht nur einmal alle Woche ... ;-)

Andreas hat gesagt…

In diesen Tagen fehlen mir einerseits ein wenig Zeit und Muse zum Bloggen, andererseits möchte ich nicht nur Texte aus der - man sehe den leicht unpassenden Begriff nach - Konserve anbringen ... (und die Osterzeit dauert ja auch noch eine Weile).

Tarquinius hat gesagt…

Dann werden wir uns eben weiter mit dem "gestreckten Stoff" zufrieden geben müssen. ;-)