Donnerstag, 2. April 2015

Daß auch ihr tut, wie ich euch getan

Fußwaschung - Mulhouse, Pfarrkirche Saint-Étienne
An einem Gott, der nicht nur die Demut preist, sondern sich in Zeichen und Tat selbst demütigt und erniedrigt, nahm nicht allein die antike Welt Anstoß. Noch in jüngerer Vergangenheit wurde selbst im einst christlichen Abendland das Christentum erneut als "Sklavenreligion" von jenen zur Schande erklärt, die den "Über-" oder "Herrenmenschen" predigten und erschaffen wollten. An seine antiken Hörer - aber auch an uns und unsere Zeit - stellt der hl. Gregor von Nazianz in einer Predigt auf die Epiphanie Christi (38, 14) eine Reihe anspielungsreicher Fragen:
... Machst du Gott seine Wohltat zum Vorwurf? Ist er deshalb klein, weil er sich deinetwegen erniedrigt hat? Weil der gute Hirt, der sein Leben für die Schafe hingibt, des verirrten wegen auf die Berge und Hügel ging, auf denen du (den Göttern) geopfert hast, das verirrte fand und das gefundene auf die Schultern nahm, auf denen er auch das Kreuzesholz trug, es nahm und zum himmlischen Leben heimführte und das heimgeführte dann denen beizählte, die geblieben waren? ... Tadelst du dies an Gott? Hälst du ihn deshalb für gering, weil er sich mit dem Tuch umgürtet und seinen Jüngern die Füße wäscht und als besten Weg zur Erhöhung die Demut lehrt? Weil er um der Seele willen, die am Boden liegt, sich erniedrigt, um, was sich unter der Sünde nach unten neigt, mit sich zu erheben? ...
Im Rahmen dieser Aufzählung verschiedener Taten und Zeichen des Kyrios zieht der Kirchenvater auch das Gleichnis von der verlorenen Drachme (Lk  15, 8-10) heran. Solle man Gott gering erachten ...
... Weil er sein Fleisch als Fackel entzündete, das Haus auskehrte, die Welt von der Sünde reinigte, und die Drachme suchte, das königliche Bild, durch die Leidenschaften verloren, und seine Freundinnen zusammenruft, die Engelmächte, als die Drachme gefunden war, und sie, die er in seinen Heilplan eingeweiht hatte, teilhaben läßt an seiner Freude? ...
Die verlorene Drachme: der Sünder - die wieder gefundene Drachme: das königliche Bild - der Mensch, wie ihn Gott gedacht hat, die Krone des Schöpfungswerkes, die so rasch in den Schmutz und Staub getreten wurde und verloren gegangen ist. Es ist nicht die Demut und Selbsterniedrigung Gottes, die anstößig ist. Sie ist vielmehr der Gradmesser, wie tief der Mensch durch Vermessenheit und durch die Sünde gesunken ist und wie tief er immer wieder sinken kann und sinkt - und wie tief sich Gott neigen mußte, um den Menschen in seinem Fallen dennoch aufzufangen.
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Dies alles sollte Grund genug sein, daß wir uns selbst immer wieder zurücknehmen müssten und versuchen, in den Maßstab Gottes hineinzutreten; einerseits in der Nachfolge Jesu, im Dienen an den Menschen, in denen Gottes Bild - wie bei uns - nur verschüttet liegt, und andererseits, um an unserer Erlösung mitzuwirken, indem wir tun, was uns möglich ist, um Gottes königliches Bild in und an uns freizulegen und neu erstrahlen zu lassen; am Ende des Berichtes von der Fußwaschung hören wir darum die Worte:
Wenn nun ich eure Füße gewaschen - ich: der Kyrios und Lehrer - so schuldet auch ihr, einander die Füße zu waschen. Denn: Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß auch ihr tut, wie ich euch getan (Joh 13, 14 f.).
Die Zitate aus der Predigt des hl. Gregor von Nazianz sind entnommen: Lothar Heiser: Jesus Christus - Das Licht aus der Höhe. Verkündigung, Glaube, Feier des Herren-Mysteriums in der Orthodoxen Kirche. St. Ottilien 1988. S. 516. Im Bild: Die Fußwaschung der Jünger in einem Fenster der Pfarrkirche Saint-Étienne zu Mulhouse im Elsass.

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