Donnerstag, 30. April 2015

Betäubtes (2)

 "Die Sanftmut" im Emblem - Klosterkirche St. Trudpert 
Auf der Suche nach einer täubischen Darstellung für den gestrigen Eintrag stieg aus dem Photoarchiv auch obige Taube auf - sie gehört zu einem Bilderzyklus über die acht Seligpreisungen in der Klosterkirche zu St. Trudpert und ist der Darstellung der Sanftmut beigeordnet. Jede Seligpreisung wurde durch den Barockmaler Francesco Antonio Giorgioli mittel zweier Fresken illustriert: durch eine recht rasch verständliche Allegorie und - darüber liegend - ein Emblem. Bei letzterem handelt es sich um eine vor allem im Barock sehr beliebte Komposition aus Bild und Vers, beides zu einer Art "Meditationsbild" vereint. Mehr noch als den Menschen damals sind uns heute diese Embleme oft rätselhaft. Einige Anmerkungen mögen helfen, es ein Stück weit zu entschlüsseln ...
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Zu sehen ist eine aufsteigende Taube mit einem Zweig im Schnabel - wir kennen sie aus der Erzählung vom Ende der Sintflut (Gen 8, 11): Sie zeigt nicht nur an, daß über den alles verheerenden Wassern wieder Erde, Land und Frucht zu finden sei, sondern vor allem, daß sich Gottes Zorn über das verderbte Menschengeschlecht gelegt habe. Gott wird mit Noë einen Bund schließen: "Es soll niemals wieder alles Leben von den Wassern der Flut ausgerottet werden" (Gen 9, 11). Die Taube wurde mithin Symbol des abgewendeten Zornes - oder, positiv formuliert: der Sanftmut.
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Zudem glaubte man in der Antike, Tauben verfügten über keine Galle - darauf bezieht sich der Vers viscera felle carent: "den Innereien ermangelt die Galle" und deren Saft, welcher im Menschen Verbitterung auslöse und der Sanftmut zuwider ströme.
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Als letzter kleiner Schlüssel zum obigen Emblem diene ein Zitat aus einer Leich- und Ehren-Predig des Jesuiten P. Andrea Sax, gehalten anlässlich der Exequien für Kaiser Leopold I. (1705), in welcher der Taube mit jenem Vers dann jene Bedeutung zugemessen wird, die wir in der Ikonographie vor allem mit ihr verbinden:
... Achtens Mansuetudo, die Sanfftmuth / welche Leopoldus der Grosse hieß zum höchsten Gipffel erstiegen; da sich seine Majestät nicht geweigert in der Schuel deß Sohns GOttes zu erlehrnen die haubtsächliche Lection, so der höchste Magister, und Praeceptor Christus Matth. 11 gelehret: Discite a me, quia mitis sum, lehrnet von mir / dann ich bin sanftmüthig; ja Er hat sich nicht geschämet die christliche Demuth zubegreiffen: & humilis corde: und von Hertzen demüthig; da Er sich in selber prächtigen Bildsaul / die Er zu Wienn auf den Graben zur Ehr der Allerheiligsten Dreyfaltigkeit auffgerichtet / nicht anders unterschrieben / als: humilis servus tuus Leopoldus: dein demüthiger Diener Leopoldus. Oder aber hat Er mit dem heiligen Geist der gantzen Welt in Gestalt eines Täubels erscheinen wollen / dem billich beygesetzet wird der Vers: nescia sunt fellis viscera, felle carent. Wie sanfftmüthig das Täubel ohne Gall / so war beschaffen der Gottseelige Käyser in allem Fall.
Mag nun jeder, denn das ist das Anliegen eines Emblem, bei sich bedenken, was ihm das Bild oben bedeuten möchte ...

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