Montag, 16. März 2015

Tagessplitter

Manchmal braucht man keine Fastenzeit, um besser Distanz zur Welt zu gewinnen, weil man aus ureigenem Antrieb schon das Weite sucht. Dazu muß man zuweilen nur am Radio drehen oder die Glotze einschalten, und das keineswegs der offenkundigen Widrigkeiten dieser Tage wegen; es reicht bereits, wenn - wie am Wochenende - Kameras und Mikrophone in Richtung Leipziger Buchmesse geschwenkt werden.
.
Auf 3sat talkten Teile der in Leipzig vertretenen Kulturschickeria. Mit dabei: die Autorin und Kolumnistin Sibylle Berg. Daß ich über deren Textproben den Geist bisher nicht aufgegeben habe, ist allein jenem Trieb der Selbsterhaltung geschuldet, der einem nahelegt, auf weitere Lektüre zu verzichten. Vor wenigen Tagen erst erschien ein neues Miststück auf Spiegel online zum Thema Schwulesbigendergedönx und Kirche, gefertigt nach jenem bewährten Rezept, ungelittene Meinungen zu verkürzen und zu entstellen, um sie in nächstem Schritt und Tritt feste und wohlfeil einstampfen zu können.
.
Aber eigentlich interessiert mich an dieser Stelle nicht die Berg, sondern der Moderator der Talkrunde. Der warf nämlich mit einer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit ein Stalin-Zitat ("Schriftsteller seien Ingenieure der menschlichen Seele") in das Gespräch ein, als handele es sich bei dessen Urheber nicht um einen der größten Bluthunde und Massenmörder des vergangenen Jahrhunderts (was die Bilanz anderer Bluthunde und Massenmörder keineswegs schmälert), sondern um eine Art Reich-Ranicki der russischen Revolution. Nun gut, das Zitat flattert bereits im Rang eines geflügelten Wortes durch den Literaturbetrieb unserer Zeit: daran gewöhnen mag ich mich trotzdem nicht. 
.
Ebensowenig wie an den Schweizer Soziologen Jean Ziegler, dem DRadio Kultur eine Werbeplattform für dessen neuestes Buch bot: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen heißt der linke Schmöker, der treppenwitzigerweise bei Bertelsmann erschienen ist - was auf den ersten Blick so wunderlich deucht wie weiland die vom linksradikalen Frankfurter Sponti-Verlag Roter Stern besorgte textkritische Hölderlin-Gesamtausgabe. Ziegler und Bertelsmann! Das nennt man dann wohl Zweckehe, bei der man sich auf beiden Seiten einig ist, daß Geld halt doch nicht stinkt.
.
Für manche von Zieglers Positionen kann man Sympathien hegen. Ich bin mir sehr sicher, daß ich mit ihm auf einer Wellenlinie liege, wenn ich es als schlicht teuflisch erachte, etwa mit Grundnahrungsmitteln zu spekulieren: In Chicago, dem wohl wichtigsten Börsenplatz für Lebensmittel, läßt sich auf Weizen spekulieren, ehe auch nur ein Halm davon gewachsen ist. Sogar Mißernten können Kassen klingeln lassen, wenn man den richtigen Riecher hat ... und nach einmal Däumchendrehen mehr Kohle auf dem Konto findet, als die Agrarwirtschaft eines halbwegs funktionierenden afrikanischen Staates in einem Jahr erwirtschaftet.
.
Höre ich aber, wie Ziegler irgendeinen offenkundig wichtigen Sozialisten (keine Ahnung mehr, um wessen Leiche es genau sich handelte) samt irgendeiner offenkundig ganz zentralen Aussage rühmt und beschwärmt und als Orientierung preist, wobei dabei und darinnen jede Menge "Leichen den Weg" zum Paradies "säumen" (sowas passiert halt), dann frage ich mich, warum solche Haltungen eigentlich kaum noch hinterfragt werden - haben wir uns schon so an die linke Weltdeutung samt mitgelieferter Metapherisierung der brutalen Umsetzung gewöhnt? 
.
Und als wärs nicht schon genug, schwelgte Ziegler noch lang und breit in seinen Erinnerungen an "Che" Guevara, den er einst ein paar Tage durch die Schweiz karrte und nach dessen Ansichten (von Taten und Toten ganz zu schweigen) etwa Nordkorea das revolutionäre Modell darstelle, welches Kuba anstreben solle ... also ward es Zeit, den Funk abzudrehen: Stellt man den Linken den Blutzoll in Rechnung, der noch ein jedes Mal auf dem Weg in jene bessere Welt (die sich seltsamerweise nie einstellen will) zu entrichten war, und vergleicht man ihn mit dem, was am Ende faktisch herauskam und herauskommt, dann werden einem selbst die übelsten Kapitalisten noch irgendwie sympathisch, beinahe ...

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

*grinsloser Grusel* Gib's zu, Du hörst diese garstigen Programme nur, um Dich im Nachhinein darob echauffieren zu können ...! ;-)

Andreas hat gesagt…

Keienswegs, aber vielleicht sollte ich doch probieren, Radio Regenbogen anzusteuern und nur noch Sachen wie CSI Miami, Law and Order NY, Dr. House und Gotham einschalten.