Dienstag, 24. März 2015

Seite eins (7)

Der Himmel heller als Azur
Durch die Hauptstraßen von Peking schallte grell aus vielen Lautsprechern das neue Volkslied, das sich durch seine aufregenden Rhythmen die Aufmerksamkeit aller Fußgänger erzwang:
"Der Himmel des neuen China erstrahlt heller als Azur! Das Volk des neuen China genießt endlich Glück und Freude!"
Auf dem Heimweg von ihren Arbeitsstätten sollten die Arbeiter, die Angestellten, die Beamten an die kommunistische Wirklichkeit erinnert werden. Zu Hause angekommen, wartete ihrer bereits die erzieherische Sorge der örtlichen Agenten, der Bezirksvorsteher und eifrigen Nachbarn, die voller Ungeduld tätig sein wollten, um ihr eigenes Guthaben an politischen Verdiensten bei der Regierung zu erhöhen:
"Die Sonne des neuen China soll niemals untergehen! Das Lied vom neuen China soll ewig nicht verstummen!"
In einer Seitenstraße stoppten zwei Polizeiwagen. An die dreißig politischen Agenten sprangen auf das Pflaster der Straße. Sie hatten den Auftrag, das Haus Koeribstraße Nr. 2 zu umzingeln. Der ganze Häuserblock wurde umstellt und alle Ausgänge bewacht. Etwa zehn Mann drangen in das Haus ein, den Finger an der Maschinenpistole, bereit, jeden Widerstand sofort zu brechen.
Ich war in diesem Augenblick in der Kapelle, wo eben die Salve-Andacht begonnen hatte. Da sah ich plötzlich einen Mann in der Türöffnung stehen, eine große Gestalt in Khaki-Uniform, auf dem Kopf das Käppi. "Ein politischer Agent", blitzte es mir durch den Kopf, "der kommt meinetwegen!"
Die Augen des Uniformierten irrten suchend durch den Raum der Kapelle, unsere Blicke begegneten sich. Er hob die Hand, durch einen Wink befahl er mir, ich sollte kommen. Mich durchrann ein Zittern: "Gott, meine Stunde ist da!".
Äußerlich ruhig nahm ich mein Brevier und meinen Rosenkranz, ging durch die Reihen der Gläubigen nach vorn zum Altar und kniete vor dem ausgestellten hochwürdigsten Gut nieder. Ich nahm Abschied von dem Heiland in der Monstranz und flehte: "Herr, nun steh mit bei! Gib mir deinen Segen!"
Ich ging hinaus. Die Schwelle der Kapellentür war auch die Grenze meiner Freiheit.
Dries van Coillie: Der begeisterte Selbstmord. Im Gefängnis unter Mao Tse-tung. Freiburg (2) 1967.

Keine Kommentare: