Montag, 30. März 2015

Fulget crucis mysterium! (1)

Odo Casel OSB
Fulget crucis mysterium! Aufstrahlt das Kreuzmysterium! So singt die Kirche in der Passionszeit ... in ihrem Hymnus zur Vesper. Was dieses Wort besagt, läßt sich in etwa durch einen Vorgang im antiken Mysterium verdeutlichen. Dort gab es nämlich Höhepunkte, wo das Symbol der Gottheit dem Mysten in überreichem Licht gezeigt wurde, um die Epiphanie des Gottes symbolisch darzustellen (Es handelt sich hierbei um die sogenannte Epoptie, die Schau, in den Mysterien, wie sie etwa in den eleusinischen Mysterien oder in den Isismysterien stattfand ...). Aus der gleichen Idee heraus, die aber bei uns in einem viel höheren Sinn erfüllt wird, singt der Dichter:
Fulget crucis mysterium! Kreuz und Mysterium gehören also zusammen. Doch feiern wir das Kreuz erst dann wahrhaft als Mysterium, wenn es uns im innersten Herzen aufstrahlt. Jede Festfeier soll ja in uns die himmlische "virtus mysteriorum", die Gotteskraft, die aus dem Mysterium kommt, neu wecken und stärken. Sie soll den inneren Gehalt des Mysteriums wieder in uns Wirklichkeit werden lassen; das Mysterium soll in uns Leben werden. Wir beten oft um diese Kraft und Wirklichkeit, um die "virtus" und den "effectus" der Mysterien.
Das Kreuz hat, wenn es vor uns aufleuchtet, in Wahrheit diese "virtus mystica", diese mystische, pneumatische Kraft. Es ist ein Mysterium im vollen christlichen Sinne.
Odo Casel in einer Ansprache am Fest Kreuzerhöhung 1927 - in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn o.J. [nach 1954]. S. 28.

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