Sonntag, 15. März 2015

Durch die Fastenzeit mit Psalm 90

Auf Worte aus dem 90. Psalm griff der Teufel bei der Versuchung Jesu zurück - das Euangélion am ersten Fastensonntag rückte uns jüngst diese Szene erneut in den Blick:
Darauf führte ihn der Teufel in die Heilige Stadt und stelle ihn auf die Zinne des Tempels. Und er sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab. Denn es steht geschrieben: Seine Engel hat er um deinetwillen befohlen, sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß ja nicht an einen Stein stoße ... (Mt 4, 6).
Es scheint geradezu, als ob es die Ekklesia nicht ertragen könne, daß sich der Teufel an dem Schriftwort vergriffen hat. Sie entringt es ihm und schöpft am ersten Fastensonntag sämtliche Eigengesänge der Messe - einmalig im Missale Romanum - aus einer einzigen Quelle: Indem sie ihre Mysterien mit Worten des 90. Psalms umkleidet, erobert sie sich den mißbrauchten Text und holt ihn in die heilige Ordnung der Leiturgía zurück.
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Der Psalm prägt aber nicht nur die Texte jenes Sonntags, mit dem ursprünglich die Fastenzeit begann - er begleitet die betende Ekklesia im Breviarium Romanum auch durch das Fastenoffizium: Ohnehin wie gewohnt am Herrentag ad Completorium, dann aber auch täglich in den Kurzversen und Wechselgesängen der Tagzeiten: in den Laudes, zu Terz, Sext und Non und nochmals im Abendlob der Vesper: Wenngleich nur in wenigen ausgewählten Versen, bleibt der Psalm dennoch dem aufmerkenden Beter präsent.
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Zur Passionszeit scheint er weitestgehend wieder zu verstummen. Das aber war nicht immer der Fall, denn nach alter römischer Ordnung klang der 90. Psalm am Karfreitag erneut auf, und zwar im Herzen der Leiturgía, unmittelbar vor der Lesung der Passionsberichtes in der Feier des Leidens und Sterbens Christi - an jener Stelle, an die später - unter fränkischen Einfluß - der heute gängige Wechselgesang Eripe me rückte, dessen schmerzhafte Geste man im frühen Mittelalter der Passionsminne womöglich zupassender fand. Unterschwellig aber sollte uns präsent bleiben, daß Psalm 90 geradezu wie eine Klammer den weitesten Teil dessen umschloß, was wir heute "österliche Bußzeit" nennen: Geöffnet sozusagen am ersten Fastensonntag, wurde sie mit einem großen Wechselgesang am Karfreitag vor der Passionslesung geschlossen.
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Was kann uns das bedeuten? Der Psalm singt vom Vertrauen, welches der Gerechte in Gott setzt und das nicht enttäuscht wird. Ältere christliche Deutungen lasen diesen Psalm aber vor allem mit Blick auf den 13. Vers in österlicher Freude und sahen in diesem Gerechten den in Tod und Auferstehung siegreichen Kyrios Christus, den ...
... Sproß Mariens, von dem der Prophet sagt: "Über die Natter und den Basilisken wirst du schreiten und zertreten den Löwen und den Drachen" (Irenäus: Gegen die Häresien 3, 23, 7).
Spätere Kirchenväter wechselten in ihrer Auslegung zunehmend die Perspektive: Christus wurde nicht mehr mit dem Gerechten identifiziert, der im Vertrauen auf den Vater erhöht wird, sondern mit Gott selbst, dem der gerechte Mensch unverbrüchliches Vertrauen entgegenbringt. Eine Reminiszenz an die ältere Deutungstradition findet sich dennoch zum Beispiel prominent bei Augustinus (der den Psalm insgesamt entlang der jüngeren Exegese auslegt) im Blick auf den 9. Vers:
"Denn Du, o Herr, bist meine Hoffnung, im Höchsten hast Du Deine Zuflucht aufgestellt". Das heißt: Darum standest Du von den Toten auf und stiegest zum Himmel, damit Du im Aufstieg "Deine Zuflucht" droben aufstellest und meine Hoffnung würdest, der ich auf Erden verzweifelte ... Denn das ist die Stimme der Kirche an ihren Herrn, Stimme des Leibes an sein Haupt (Über die Psalmen 90, 2, 4).
Unserem Beten liegt in der Regel die jüngere Deutung zugrunde: Indem wir die Worte sprechen, suchen wir immer tiefer das Vertrauen auf Gott zu einer Konstante unseres Lebens werden zu lassen (was nicht heißt, daß wir diesen Psalm nicht auch mit dem Kyrios gemeinsam beten, uns mit der vox Christi vereinen können). Wie immer wir uns nunmehr Psalm 90 aneignen mögen - die Ekklesia legt ihn uns in diesen Tagen besonders nachdrücklich auf die Lippen. Es sind vier Verse (3, 4, 5 und 11), die in den genannten Tagzeiten - vor allem in den meditativen Ruhemomenten der Wechselgesänge - immer wiederkehren:
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(3) Ipse liberavit me de laqueo venantium, *
et a verbo aspero.
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Er befreite mich aus der Schlinge des Jägers *
und von dem schroffen Wort.
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(4) Scapulis suis obumbrabit tibi: *
et sub pennis eius sperabis.
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Mit seinen Schwingen wird er dich decken, *
hoffen wirst du unter seinen Flügeln.
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(5) Scuto circumdabit te veritas eius: *
non timebis a timore nocturno.
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Einem Schild gleich wird die Wahrheit dich umbergen, *
nicht wirst Furcht du hegen vor dem Schrecken der Nacht.
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(11) Angelis suis mandavit de te: *
ut custodiant te in omnibus viis tuis.
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Seine Engel hat er über dich befohlen, *
damit sie dich beschützen auf allen deinen Wegen.
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Man mag auf das bisher Gesagte einwenden, es sei keineswegs nur ein Ruf für die Fastenzeit, sich Gottvertrauen als Grundhaltung zu gewinnen. Doch gerade auf dem Weg zum Kreuz ist es gut, sich darauf zu besinnen - ein Weg, der uns auch in jene Irritation führt, den Schrei Christi vom Kreuz in die (sich kurz vor ihrem Ende noch einmal aufblähende) Leere einer durch den Menschen Schuld und Tod ausgelieferten Schöpfung zu hören: "Eli, Eli, lama sabakthani? ... Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27, 46). Und wir glauben diesen Schrei wieder zu hören im blutigen Zeugnis so vieler unser verfolgten Schwestern und Brüder gerade auch in diesen Tagen: Mein Gott, warum läßt du deinen Kindern dies widerfahren? 
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Natürlich: Wir wissen im Licht des Glaubens, daß sich die Verheißung Gottes an ihnen herrlich erfüllen wird. Das Gottvertrauen aber, das dennoch - sagen wir: aus dem Bauch heraus - ins Wanken geraten kann oder gerät, dieses Gottvertrauen soll unsere gesamte Existenz umfassen: eben auch das "Bauchgefühl" (das durchaus Spiegel unserer Befindlichkeit ist), wenn ich so sagen darf. Jeder kann nun für sich entscheiden, wie weit die Übung der österlichen Bußzeit vielleicht auch der Not oder gar der Krise unseres Gottvertrauens abhelfen könnte, um Gott auch gegen unsere Eindrücke unser Vertrauen zu schenken aus ganzem Herzen und ganzer Seele und mit all unserem Gemüt. Oder anders gefragt: Wie wollen wir Gott, gesetzt den Fall, mit unserem eigenen Blut bezeugen, wenn unser Gottvertrauen bereits wankt, wenn das martýrion von unseren Brüdern und Schwestern in der Verfolgung gefordert wird? 
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Zuletzt noch ein weitere Gedanke, warum es gut sein mag, daß uns die Ekklesia mit beständigem Erinnerung an Psalm 90 das Gottvertrauen derzeit intensiver nahelegt: Die vierzig Tage bringen uns schließlich auch die Distanz zu Bewußtsein, in welcher der Christ zur Welt lebt: "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, vielmehr die zukünftige suchen wir" (Hebr 13, 14). Die Fastenzeit stellt unser Leben in Frage, unseren Alltag mit all seinen Abgründen, mit seinen Sicherheiten auch: das alles gerät in den prüfenden Blick der notwendigen Umkehr; die Quadragesima entwurzelt uns zumindest ein Stück weit aus unseren Gewohnheiten und auch aus der Geborgenheit, die wir im Gewohnten zu finden glauben: echte Veränderung - worin stets auch ein Abschied vom Bisherigen liegt - kann hierbei nur im Vertrauen auf und mit Gottes Hilfe gelingen: 
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Er nämlich allein kann die Schlinge des Jägers lösen, er allein uns über die Parolen und die Propaganda dieses aión hinausheben unter dem Schild seiner Wahrheit. Wenn uns seine Flügel decken und seine Schwingen uns bergen, dann sind wir seinen Engeln befohlen und beschützt, und es wird uns jeder Weg zum Weg werden in seine gute Ewigkeit. Bitten wir ihn um die Gnade, vertrauen zu können, und beten wir darum.

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