Dienstag, 17. Februar 2015

Regenbogen über der Flut (Teil 4 - Ende)

Fortsetzung von hier.
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Odo Casel OSB
Maria war die reinste Jungfrau, weil sie die demütigste Jungfrau war. Das heilige Pneuma konnte nur ein Gefäß überschatten und erfüllen, das sich ihm ganz rein darbot, ihm ganz geöffnet war. In Maria sammelt sich die demütige Hoffnung des Alten Bundes auf den Messias, all jener, die das Heil nicht in eigener Kraft, sondern in Gott erwarteten. In ihr war die Kirche vorgebildet, die aus der Wüste dieser Welt emporsteigt, gestützt auf ihren Geliebten. So war keine Faser an ihr, die nicht Gott ausschließlich gehörte. "Ich bin meinem Geliebten zu eigen, und seine Zuneigung gilt mir" (Hld 7, 10). Wo solch ungeteilte Hingabe herrscht, da kann das Pneuma Gottes seine ganze Fülle entfalten. Da kann es freigebig und verschwenderisch sich verschenken, da kann es das Wunderwerk seiner Gnade bewirken, ohne gehemmt zu werden.
So herrlich war die göttliche Erfüllung, daß die leibliche Mutterschaft "matris integritatem non minuit, sed sacravit" - die Unversehrtheit der Mutter nicht verringerte, sondern weihte" (Sekret am Feste der Geburt Mariens). Diese Mutterschaft aber war nicht das Erste, Hauptsächlichste. "Prius mente concepit quam corpore - sie empfing eher im Pneuma als im Leibe", sagte der heilige Leo (Sermo 21, 1). Für uns ist die leibliche Mutterschaft Mariens ein wunderbares Symbol, ein Mysterium dessen, was an der ganzen heiligen Kirche geschieht. Sichtbar wurde da das Wirken des Pneumas, wie im heiligen Sakramente das Wirken des Gottesgeistes sichtbar uns vor Augen tritt. Hier zeigte es sich, daß die heilige Jungfräulichkeit ihrem Wesen nach nicht in unfruchtbarer äußerer Reinheit besteht, sondern in fruchtbarer Hingabe an die göttliche, reine, pneumatische Liebe. Alles an Maria geschah im Dienste des großen Ur-Mysteriums, der Menschwerdung. Deren Ziel aber war, Gott die Braut zu bereiten, die in reinster und demütigster Hingabe ihm auf ewig anhangen sollte, ganz rein von dieser Welt, Jungfrau, aber in Liebe hingegeben Gott als Gattin des Lammes, und ganz fruchtbar als pneumatische Mutter.
Maria wurde nach ihrem Heimgang in die Seligkeit und ewige Lebensfülle der heiligsten Dreifaltigkeit hineingenommen. Das Weib, demütig und sich seiner Niedrigkeit bewußt, steigt durch Demut und Liebe hinauf zum Throne neben der ewigen Gottheit. So soll die ganze Kirche und besonders die gottgeweihte Jungfrau durch Demut und Liebe teilnehmen an der Natur der unendlich lichtstrahlenden Gottheit, soll ewig leuchten am Himmel und, wie der Regenbogen über der Flut, in sich spiegeln die weiße Lichtglut des heiligen Pneumas Gottes.
Aus einer Ansprache am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel 1929 - entnommen aus: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 408 f.

Kommentare:

viasvitae hat gesagt…

Ich habe die Predigt sehr gerne gelesen, vielen Dank!

Andreas hat gesagt…

Vielen lieben Dank für die Rückmeldung - tut gut! Ich bin mir ja nie ganz sicher, ob dem Aufwand, solche Texte wieder neu zu publizieren, überhaupt ein entsprechendes Interesse der Leser hier gegenübersteht ...