Montag, 16. Februar 2015

Regenbogen über der Flut (Teil 3)

Fortsetzung von hier.
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Odo Casel OSB
Nicht aus eigenem kann die Frau sich erheben. Will sie über sich selbst hinausschreiten aus eigener Kraft, dann sinkt sie tatsächlich unter sich selbst hinab. So erging es Eva, die gottgleich werden wollte durch Ungehorsam: sie sank hinab in das Elend des Fleisches. Maria aber, die sich in Demut unter sich selbst erniedrigte, wurde erhöht durch Gottes Pneuma. "Er schaute auf die Niedrigkeit seiner Magd" (Lk 1, 48). Eva sank also durch ihren Stolz hinab zum Fleische, zu Verwesung und zum Tode dieser Welt. Maria aber stieg durch Demut hinauf zum Pneuma, zur Unverweslichkeit, zum ewigen Leben, zur Jungfräulichkeit.
Demut und Jungfräulichkeit gehören wesentlich zusammen. Das ist ein Gesetz, das aus der Natur Gottes selber fließt. Denn Gott kann nur jenes Geschöpf zur Teilnahme an sich selbst, das heißt zur Geistigkeit und Reinheit, berufen, das von sich selber frei geworden ist. Wer in sich selber ruht und von sich ausgefüllt ist, der bleibt auch in sich befangen, kann nicht über sich selbst hinaussteigen. Wer aber rein von sich selber ist, der wird zum köstlichen Gefäße des Pneumas. Den Stolzen kann Gott nicht erfüllen. "Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen aber gibt er seine Gnade" (Jak 4, 6).
Jungfräulichkeit ist also in erster Linie Hingabe an das göttliche Pneuma, ungeteilt und ohne Abstrich, ist Brautschaft des Logos. Eine solche pneumatische Brautschaft muß ganz rein sein. Deshalb fließt aus der ungeteilten Hingabe die Reinheit der Seele und des Leibes. "Du läßt deine Frommen nicht schauen die Verwesung" (Ps 15, 10). Aber die Jungfräulichkeit ist nicht etwa in erster Linie körperliche Reinheit. Nein, sie ist in erster Linie Demut und völliger Gehorsam gegen Gottes Pneuma. Alles andere fließt nur daraus.
Jede Sünde gegen die Demut, jeder Stolz, jeder Ungehorsam, jede Selbstsucht, jede Lieblosigkeit richtet sich auch gegen die jungfräuliche Reinheit, gegen die Gemeinschaft mit Gott. Deshalb nennt die Heilige Schrift den Hochmut gegen Gott "fornicatio" - Unzucht, Ehebruch -, weil ja die Schöpfung sich dadurch von ihrem Herrn und Bräutigam trennt und fremden Buhlen nachläuft. Durch diese Unzucht aber, durch ihre Gottesvergessenheit und Gottlosigkeit fielen die Menschen in die Verwesung und in den Tod.
Aus einer Ansprache am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel 1929 - entnommen aus: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 407 f.

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