Samstag, 14. Februar 2015

Regenbogen über der Flut (Teil 2)

Fortsetzung von hier.
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Odo Casel OSB
Welch ein Gegensatz! Auf der einen Seite Eva, die lockende Verführerin, die den Mann hinabzieht in Sinnlichkeit und Sünde und deshalb selbst "Fleisch" wird und die Last des Fleisches tragen muß! Auf der anderen Seite Maria, voll pneumatischer reinster Schönheit, die alle über sich selbst hinaus emporreißt zur Ur-Reinheit, die in allen Herzen Sehnsucht erweckt nach der Erfüllung mit dem Pneuma, nach vollendeter Jungfräulichkeit; vor deren Auge die Sünde und alle Gemeinheit fliehen und sich schämen. 
Wie ist es möglich, daß ein Wesen derselben Art so grundverschiedene Gestalt annehmen kann?
Wollen wir das tiefer verstehen, so müssen wir die Idee betrachten, die Gott mit der Erschaffung des Weibes verwirklichte. Gott nennt in der Heiligen Schrift das Volk Gottes - zunächst Israel, dann die Ekklesia - sein Weib, seine Braut. Da aber die Gottesgemeinde die Blüte der Schöpfung ist, ergibt sich, daß er in dem Weibe die Schöpfung symbolisieren wollte. Gott spricht zu uns durch Taten und Bilder. Er hat den Menschen männlich und weiblich erschaffen, um sein Verhältnis zur Kreatur auszudrücken. Wie der Mann um das Weib, so wirbt Gott im Gesetz, in den Propheten und im Evangelium um seine Braut, die Ekklesia, die erlöste Schöpfung.
Die freie, geistige Schöpfung - denn nur um freie Wesen kann man werben - ist also das, was das Weib sinnbildet. Auch hier finden wir wieder die geheimnisvolle Verwandtschaft zwischen Weib und Wasser. Die erste Schöpfung war ein gewaltiger Abgrund von Wassern. Finster und ungeordnet lag das Urmeer da. Denn das Wasser ist aus sich dunkel und zerfließend, ohne Licht und Gestalt. Wenn aber das Licht über ihm leuchtet, wird es selber voll Licht und unendlicher Schönheit der Harmonie. So ließ Gott auch das Licht von oben herabstrahlen über die Urwasser: "Er sprach: Er werde Licht, und es ward Licht!" (Gen 1, 3). Das Licht ist immer licht, weil es das Göttliche darstellt. Das Wasser aber wird erst licht, wenn es das Licht aufnimmt.
Auch jetzt noch hat das Wasser eine doppelte Natur. Es ist verführerisch, lockt zur Sinnlichkeit und zieht in den Tod hinein, aber es reinigt auch, wäscht den Schmutz ab, wird zum Taufwasser, zur Mutter neuen Lebens.
Weil das Weib die Schöpfung, die Natur darstellt, hat es auch diese beiden Seiten: eine dunkle, die zur Materie hinabzieht, aber auch eine helle, lichte, die das Himmlische abspiegelt in vollendeter Klarheit und Reinheit. So verstehen wir: Eva - Maria. Eva ist die Natur, die dem Gewichte der Materie nachgibt, die sich nicht dem Gebote Gottes unterwirft, die sich vielmehr auf sich selbst stellt und dadurch erst recht hinabsinkt. Maria ist die gottzugewandte Schöpfung, die Ekklesia, die sich vergißt und sich dem göttlichen Lichte ganz übergibt und so selbst zur Lichtträgerin, zum Regenbogen des Friedens- und Gottesbundes wird.
Aus einer Ansprache am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel 1929 - entnommen aus: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 406 f.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Was mir gerade mal so beim Betrachten des Casel'schen Portraitbilds auffällt ... war eigentlich seinerzeit in deutschen Landen keine monastische Tonsur mehr üblich, oder nur noch eine nach Art der Weltkleriker?

Andreas hat gesagt…

Gute Frage, nächste Frage ... wobei ich mich nun frage, ob ich überhaupt schon einmal einen deutschen Benediktiner mit einer typischen Le-Barroux-Rübe wahrgenommen habe ... aber eigentlich achte ich nicht so besonders auf diese Fragen (wahrscheinlich eher was für Rubrikenmysten) ...