Mittwoch, 11. Februar 2015

Regenbogen über der Flut (Teil 1)

Odo Casel OSB
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Unsere Zeit erinnert an die Tage vor der Sintflut. Ob es nicht ein Zeichen ist, daß der Herr bald kommt? "Wie in den Tagen Noes, so wird es bei der Parusie des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und verheiratet wurden, bis zu dem Tag, da Noe in die Arche ging - sie aber verstanden nichts, bis die Flut kam und alles wegriß -, so wird es auch bei der Parusie des Menschensohnes sein" (Mt 24, 37-39).
Die Menschen vor der Sintflut versanken in fleischlicher Lust - "Sie sind Fleisch", heißt es in der Genesis (6, 3). -, sie vergaßen des Geistes. Ebenso ist es auch vor der Parusie. Das Pneuma ist vergessen; nur die Lust der Welt: die Begierde des Fleisches und der Augen und die Hoffart dieser Welt herrschen. Der Heiland selbst hat das charakterisiert durch die oben zitierten Worte.
Aber die Schuld der Menschheit ist am Ende der Tage noch viel größer als die der Menschen vor der Sintflut. Jene galten bei den Juden als die größten Sünder, und deshalb bezeichnet auch Petrus sie in seinem ersten Briefe als die, die "ungehorsam waren, als die Langmut Gottes auf sie wartete" (1 Petr 3, 20). Aber ihnen war Christus noch nicht erschienen, sie hatten noch nicht das Pneuma, die Gottesgabe des Neuen Bundes, empfangen. Wie groß ist dann erst die Schuld derer, die nach Christi Erscheinen, nach der Aussendung des Pneumas dem Fleische allein dienen!
Mehr noch als der Mann leidet das Weib, wenn Fleisch und Sünde regieren. Das Weib wird dann ganz in den Strudel hinabgezogen, wird entwürdigt und entwürdigt sich selbst. (...) Vielleicht hat das Weib noch nie die Gesetze der Schamhaftigkeit und Sitte so mit Füßen getreten wie heute.
Über der Sintflut aber strahlte in den Tagen Noes der Regenbogen auf, voll wundersamer, himmlischer Harmonie, ein trostvolles, erhabenes Himmelszeichen. Es war das Wasser, das eben noch die Sünde der ganzen Welt bedeckt und alles Fleisch ertränkt hatte. Jetzt war es emporgestiegen zum Himmel, ließ sich vom Lichte durchglänzen und wurde zum Unterpfand der göttlichen Versöhnung. Das weibliche Element, das Wasser, wurde zum göttlichen Lichtträger. Dasselbe Wesen, das der Sünde und dem Fleische diente, es strahlte vom Himmel herab voll Licht und Harmonie, als Labsal für die durstigen, nach der Reinheit verlangenden Seelen, als Friedenszeichen über den Wassern des Gotteszornes. Die sündige Welt sehnt sich nach nichts so sehr wie nach dem reinen Weibe.
In Maria, der reinen Frau, der Jungfrau im Pneuma ist der Regenbogen des Neuen Bundes über uns aufgegangen. Seit Eva im Paradiese verdorben wurde, ist sie die erste Frau, die wieder ganz rein, das heißt von Gott ganz und gar erfüllt ist. Deshalb schaut die Welt nach ihr aus. "Nach deinem Antlitz sehnen sich alle Reichen des Volkes" (Ps 44, 13).
Aus einer Ansprache am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel 1929 - entnommen aus: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 404 ff.

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