Samstag, 21. Februar 2015

Psalm 63, die Schreibtischtäter und unsere Furcht

Zu den Psalmen der Laudes nach der Ordnung des Breviarium Romanum zählt an Samstagen Psalm 63 - ein Gebet, das vom Gericht Gottes über hinterlistige Verfolger spricht. Dieser Psalm ist sowohl der gewöhnlichen Psalmodie unter dem Jahr eingeschrieben als auch jener zweiten Psalmfolge für Bußzeiten, die derzeit das Stundengebet prägt. Die begleitenden Antiphonen, die dem Beten eine gedankliche Richtung mit auf den Weg geben, unterscheiden sich aber in den beiden Ordnungen. 
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Im üblichen Jahreslauf kontrastiert der "Leitvers" den Gedankengang des Psalms; ist darin nicht wenig von den Nachstellungen und Verfolgungen die Rede, denen sich der Gerechte von feindlicher Seite ausgesetzt sieht, so spricht die Antiphon - sozusagen aller Anfechtung zum Trotz - von der Freude des Gerechten, die dieser vertauensvoll von Gott empfängt: "Freuen wird sich der Gerechte im Herrn, auf ihn wird er vertrauen".
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In Bußzeiten aber, die ja auch den Blick für Grenzsituationen schärfen, in denen wir hinter unseren Möglichkeiten bleiben, umrahmt ein ernsterer Ton den Psalm; die Worte sind dem zweiten Vers entnommen:
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A timore inimici * eripe, Domine, animam meam.
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Der timor inimici kann nun auf zwei Arten übersetzt werden: Der Herr möge den Beter dem "Feindesschrecken" entreißen, ihn mithin vor den Feinden schützen. Das wäre eine - und wahrlich nicht unübliche - Lesart. Möglich wäre aber auch, und das begleitete mich heute in der Frühe:
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Aus der Furcht vor dem Feind * reiße, Herr, mich heraus.
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Nun sehen wir uns hierzulande nicht jenen Gefahren gegenüber, wie sie zum Beispiel vielen Christen in islamisch geprägten Regionen drohen. Aber auch in unseren Breiten ist es eine, wie ich denke, sehr wichtige und notwendige Bitte - in unserem Lebenskreis zielt sie auf den Kleinmut (die Altvorderen sprachen in diesem Zusammenhang zuweilen auch von "Menschenfurcht"), den Glauben in einer Umwelt zu bekennen, die diesen Glauben entweder gleichgültig und desinteressiert zur Kenntnis nimmt oder die den Glauben gar verspottet, ins Lächerliche zieht, den Gläubigen als "Religioten" diffamiert und ihm womöglich grundlegende Rechte in einer demokratischen Gesellschaft bestreitet (deutlich wird dies etwa bei den lautstarken Protesten gegen den "Marsch für das Leben"). 
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Denn bei Anfechtungen aus letztgenannter Richtung ducken wir uns im Alltag gerne weg, um nicht zu sehr im Abseits zu landen, und sind oft geneigt, unseren Glauben und das Zeugnis für Gott unter den Teppich zu kehren. Je lauter nun die Gegenseite (von "wissenschaftlichen" Atheisten bis hin zu "emanzipatorischen" Autonomen) brüllt und schreit oder agitiert (und man brüllt, schreit, agitiert, spottet und höhnt zunehmend intensiver), desto mehr zieht sich auf unserer Seite die Schweigespirale zusammen, desto mehr werden wir kleinlaut, bis hin zu endgültigem Verstummen und faktischer Unsichtbarkeit.
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Es ist übrigens interessant, sich in Psalm 63 die Charakterisierung der Feinde näher anzuschauen. Übersetzt man das beschriebene "Feind-Bild" in die Gegenwart, dann zeigt sich uns weniger die Fratze eines eine Kalaschnikow schwingenden und den Kopf eines "Ungläubigen" in eine Kamera haltenden Islamisten (passende Bilder zu diesem Szenario finden sich andernorts in der Schrift). Der Feind kommt hier eher jenem Typus nahe, den wir mit dem Begriff des "Schreibtischtäters" bezeichnen ...
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... die wie ein Schwert ihre Zunge wetzen, 
ihre giftigen Worte gleich Pfeilen anlegen, 
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um aus dem Versteck den Schuldlosen zu treffen,
jählings auf ihn zu schießen - sie scheuen sich vor nichts.
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Fest fassen sie den bösen Beschluß,
bereden, wie heimlich sie wollen Schlingen legen,
und sagen dabei: "Wer wird uns bemerken?"
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Sie ersinnen Frevles, verbergen die Pläne, die sie ausgedacht,
und Sinn und Herz eines jeden sind abgründig (Ps 63, 4-7).
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Doch fürchten wir sie nicht und rufen wir einander zu, daß wir uns vor nichts fürchten müssen! Fürchten wir nichts und niemanden aus diesem Aion, nicht den Nachbarn mit seinen schalen Witzen über Heiliges, nicht den Kollegen mit seinen Tiraden über die Religion, nicht die Heerschar giftender Kommentatoren in den Medien und nicht jene Medienleute, die sie mit Nahrung versorgen, nicht die johlende Menge am Straßenrand und nicht die nackten Weiber auf den Altären, sondern bekennen wir Christus, den Kyrios, in unseren Worten und - ebenso wichtig - beglaubigen wir diese Worte und Gottes ewiges Wort in Leben, Tun und Liebe! Stärken wir einander im Glauben, lassen wir uns nicht einschüchtern ... und eines ist am Ende gewiß:
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Doch trifft sie Gott mit dem Pfeil,
unversehens sind sie mit Wunden geschlagen.
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Und den Sturz bereitet ihnen ihre Zunge:
das Haupt schütteln alle, die sie sehen (Ps 63, 8 f.).

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Genau wegen solcher Beiträge liest man so besonders gerne hier. Dankeschön!

einfachentfachend hat gesagt…

Recht hat er, der Tarquinius!

Andreas hat gesagt…

Gratias Deo et lectoribus!