Samstag, 7. Februar 2015

Ein paar Gedanken zum Zölibat

Ein Priester aus der näheren Region unterhält eine Beziehung zu einer Pastoralreferentin und hat nun um Laisierung gebeten. Auch wenn der Betroffene jedes "Memorandum" für stroherne Reformen unterschrieben hat, das unter dem Klerus im Erzbistum herumgereicht wurde, und nun die Versuchung nahe liegt, mit dem Finger auf den Mann zu zeigen (Motto: "War ja klar"), so bleibt doch Gott allein Richter in dieser Angelegenheit. Mir schmeckt's nicht, wenn Priester ein Doppelleben führen, aber die Aufgabe des Priestertums schmeckt mir auch nicht. 
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Ich gebe freilich zu, ein Problem damit zu haben, daß Geschiedene bis zur Scheidung durch Gevatter Tod sich nicht neu verheiraten dürfen, während Priester ihre Weihe notfalls sozusagen ad acta legen können. Natürlich weiß ich, daß die Pflicht zur Treue dem Sakrament der Ehe eingestiftet ist, während das Priestertum - vom Menschen aus betrachtet - nur als letztlich extrem radikaler Versuch der Nachfolge Jesu funktionieren kann oder eben garnicht - und daß für Männer, die dieses Sakrament empfangen haben, dann aber an den Anforderungen scheitern, eine (Not-) Lösung her muß. Schließlich ist der Zölibat für das Weihesakrament nicht konstitutiv wie die Treue bei der Ehe, die sich bestenfalls in eine Trennung von Tisch und Bett ummünzen läßt. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack, geht ein Priester ab von der Fahne, vom sacramentum, dem "Fahneneid" ...
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Was tun? Den Zölibat abschaffen, um das Problem umschiffen zu können? Der Zölibat als Verpflichtung scheint mir in der Tat eigentlich ein Unding. Denn versteht man Priestertum als radikale Nachfolge Jesu, dann ist der Zölibat letztliche eine pneumatische Lebensform, die sich aus dieser Nachfolge zwingend ergibt: Der Kyrios lebte zölibatär, ganz dem Gottesreich zugewendet, das sich in ihm verkörperte. Es scheint der Schwäche der menschlichen Natur geschuldet, daß nunmehr als "Pflicht" auferlegt werden muß, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. 
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Insofern interessiert es mich auch nicht die Bohne, ob die Apostel verheiratet waren und ausgerechnet Petrus eine Schwiegermutter hatte oder ob Paulus aus einem praktischen Impuls heraus in den jungen, in Gründung und Konsolidierung begriffenen Gemeinden erprobte Ehemänner als Bischöfe sehen wollte: Marginalien auf dem Weg, derweil das Pneuma die Ekklesia tiefer in die Wahrheit führt. Referenzgestalt des Priesters sind nicht die Apostel, sondern Christus selbst ist es, er allein.
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Priestertum heißt eben mehr, als nur in "der Spur Jesu" zu bleiben, um eine Wendung des eingangs erwähnten Pfarrers zu gebrauchen (was heißt schon solch wachsweiches Gerede?). Priesterliche Nachfolge ist etwas weit Tieferes, das alles in Beschlag nimmt und nehmen muß: Die Seele, deren Wesensform zölibatärer Leib wird - eine mímesis, an deren Ende die kátharsis von allem steht, was nicht unmittelbar dem Reich Gottes dient.

Kommentare:

Ester hat gesagt…

Ich finde schon immer, dass der Zölibat ein Segen für etwaige Ehefrauen und etwaige Kinder ist, einfach weil so ein Leben als Pfarrersfrau und Pfarrerskinder schlimmer ist, als der Zölibat, besonders unter den Bedingungen heutzutage.
Das ist nämlich ein Leben unter den Argusaugen der Gemeinde, vergleichbar dem irgendwelcher Promikinder, nur dass so ein Pfarrer echt nicht die Kohle hat, die notwendigen Abschirmungsmaßnahmen zu bezahlen.

Tarquinius hat gesagt…

Mal ganz abgesehen vom Zölibat, es ist doch auch ganz interessant, dass nach geltendem Kirchenrecht - ganz zu schweigen von der ältesten Tradition der Kirche - lateinische Kleriker zur Enthaltsamkeit verpflichtet sind. In diesem Sinne kann freilich auch in der "Spur Jesu" bleiben, wer verheiratet ist. Das mag eine Seite der gleichen Medaille sein, aber irgendwo doch "zwei paar Schuh'".
In den unsrigen Zeiten wohl schwierig zu vermitteln. Häufig scheint der Zölibat nämlich mit der vollkommenen Keuschheit verwechselt zu werden, an die jeder Single gebunden ist. Mit dieser Klarstellung erntete ich nicht selten staunende Blicke, die Ansicht ist wohl verbreitet, dass die Sache mit der Keuschheit nur fürs Presbyterat gilt.

Mich gruselts ja vor allem bei dem Gedanken an einen eventuellen ekklesialen Rollentausch: Frau Referentin als Hierophantin am Altar, der mit dem sacramentum in der Kirchenbank?!

Andreas hat gesagt…

Ester, diese Einschätzung würde ich jetzt nicht teilen, denn evangelische Geistliche (oder auch orthodoxe, auf die Tarquinius hinweist) kriegen "Familie und Pfarrhaus" in der Regel auf die Reihe. Umso ärger natürlich ist es, wenn bei "Pfarrers" dann doch mal der Haussegen schief hängen sollte, mißgünstige Gemeindemitglieder inbegriffen.

Andreas hat gesagt…

Tarquinius, daß Ehe in den orientalischen Kirchen (uniert oder auch nicht) mit der Priesterweihe als vereinbar angesehen wird, ist mir bewußt. Ich sehe das eher als Konzession an die menschliche Natur, denn zum einen ist (soweit ich weiß) eine Eheschließung nur vor der Priesterweihe möglich, nicht aber danach, zum anderen können verheiratete Priester kein Bischofsamt übernehmen. Es scheint mir daher durchaus eine unterschwellige Ahnung vorhanden, daß der zölibatäre Weg im Kern der zu bevorzugende sei.

Tarquinius hat gesagt…

Man scheint mich etwas missverstanden zu haben, und ich habe mich wohl auch nicht sehr klar ausgedrückt. Mir ging es weniger um die orientalischen Kirchen, als um die Praxis der klerikalen continentia als verschieden vom Zölibat. Denn die alte Kirche, ob Ost oder West, kannte wohl verheirateten Klerus ... die Norm und Richtschnur war dabei aber immer ein enthaltsamer Klerus. Ein gewichtiger Aspekt, der bei derlei historischen Betrachtungen oftmals zu kurz kommt.

Gut, vielleicht hat das jetzt nicht so viel mit dem vorliegenden Fall zu tun, aber ich wollte es doch mal erwähnt haben ...

Andreas hat gesagt…

Nee, werter Tarquinius, da muß ich die Rübe einziehen, denn ich habe Deinen Kommentar in der Tat zu oberflächlich gelesen. Besten Dank für die Präzisierung!

Ester hat gesagt…

Also was die Orthodoxie angeht, so ist festzuhalten, dass die Spiritualität viel klosterzentrierter ist, als bei uns, und der Pfarrer im Grunde gar nicht so wichtig ist, sondern so ne Art Notlösung ist.
Davon abgesehen kennt auch die Orthodoxie den Zölibat, weil der einmal geweihte nicht mehr heiraten darf, jedoch der verheiratete geweiht werden kann, was ein kleiner, aber feiner Unterschied ist.
Andreas hat da ja erhellendes zu gesagt.
Dann, im Zuge der Ökumene rede ich ja auch mit evangelischen :-D, und den Spruch "Pfarrers, Kinder, Müllers Vieh geraten selten, quasi nie" der wird bei den Evangelischen, sofern sie nicht Konvertiten aus dem katholischen sind, eigentlich immer mit bestärkendem Kopfnicken, zitiert, was mich zumindest, zu Beginn, echt verwundert hat.
Mittlerweile halt ich ihn für das vox populi, das meine These untermauert.
Dazu, noch vor meiner katholischen Zeit, fiel mir irgendwann mal auf, dass auffällig viele der Linken, die da um mich herumsprangen, und echt freakig und ausgeflippt waren, evangelische Pfarrerskinder waren.
Mit einigen war ich so nahe befreundet, dass man sich mit über diese, für einen gestandenen Linken, schon peinliche Tatsache,länger ausgetauscht hat, um es abzukürzen "so ein Leben auf dem Präsentierteller der Gemeinde, stresst die Eltern, weil du nicht die bist mit dem faulen Strick von Kind, das in der Schule abloost, sondern die Frau Pfarrer mit eben einem solchen Kind, und das ist einfach was anderes, die als Eltern fehlt die Gelassenheit, weil...
Von daher ist die aktuelle zeit die verkehrteste um am Zölibat rumzufuchten, sprich ihn aufzuheben, das halten die dann entstehenden Familien, wo die Familien im Allgemeinen,heutzutage eh unter Dauerbeschuss stehen, nun echt nicht aus.
dann noch ein anderer Aspekt, der Zölibat,. sprich die Jungfräulich, die ja eigentlich für jeden nicht verheirateten gelten sollte, ist in der aktuellen Zeit eine lebende Provokation, was ne Menge von dem Druck unter dem er steht, erklärt.
Aber so ein verheirateter Pfarrer, wäre verpflichtet sich an Humanae Vita zu halten, und das wäre die gleiche Provokation wider den Zeitgeist nur, eben mal 2 plus Anzahl der Kinder, also 10 bis 12!

Andreas hat gesagt…

Vielen Dank, Ester, für die einst gewonnenen Einblicke ins evangelische Pfarrhaus ... :-)