Montag, 2. Februar 2015

Begegnung

Darstellung des Kyrios im Tempel - Relief am Marienaltar im Jakobusmünster zu Titisee-Neustadt
Wir Lateiner tun uns etwas schwer mit dem liturgischen Namen des heutigen Festes: Reinigung der seligsten Jungfrau Maria wird es in der außerordentlichen Form des römischen Ritus geheißen, Darstellung des Herrn nennt man es seit der Liturgiereform. Das ist beides nicht falsch, denn Maria und Joseph gingen in Treue den Weg des mosaischen Gesetzes, das zum einen von einer Frau vierzig Tage nach der Geburt eines männlichen Nachkommen eine kultische Reinigung verlangte (vgl. Lev 12, 1-8), zum anderen den Eltern die Pflicht auflegte, den erstgeborenen Sohn vor Gott darzustellen und auszulösen (vgl. Ex 2, 1 und Lev 4, 16), beides verbunden mit einem Opfer.
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Doch wie hätte Maria, die der hl. Theodotos von Ankyra in einer Predigt auf die Gottesgebärerin und Simeon "weiße und reine Taube" nennt und "heiliges Zelt unserer Hoffnung, in welcher sich die Heiligkeit und Großherzigkeit niedergelassen" habe (7, 13), wie nur hätte Maria einer Reinigung bedurft - sie, die ohne Makel der Erbschuld empfangen ward, die der Engel als Hochbegnadete grüßte und die als Jungfrau empfing und Gottes Sohn unversehrt gebar, sie, die "Jungfrau, die in übernatürlicher und gottgefälliger Weise auf unbefleckten Armen den trägt, der durch sein Wort das All trägt" (so nochmals Theodotos von Ankyra)? 
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Und wie hätte man diesen Sohn, des Vaters von Ewigkeit gezeugten Logos, lösen können aus dem Anrecht Gottes auf diesen Erstgeborenen? Man mag das Fest nun "Reinigung" oder "Darstellung" nennen, gefeiert werden kann, genau genommen, weder der eine noch das andere Anlass, denn gerade einmal vierzig Tage sind verstrichen, seit in Christus der Neue Bund Gestalt gewinnt, und schon ist das Gesetz, schattenhaft von Beginn weg, zunehmend als Dienst des Buchstabens entlarvt.
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Die Christen im Orient, woher das Fest ursprünglich rührt, nennen es Hypapanté, Fest der Begegnung, der Begegnung zwischen dem fleischgewordenen Erlöser und den Frommen, die in Israel des Messias harrten. Begegnung - das liegt ganz auf der Linie des Berichtes, den Lukas erstattet (2, 22-38); kurz, knapp und nicht einmal vollständig erläutert der Evangelist die Vorschriften des Gesetzes, um seinen mutmaßlich heidenchristlichen Lesern den Beweggrund für diesen Tempelgang zu vermitteln, um dann aber weit ausführlicher auf das zu sprechen zu kommen, was ihm weit wichtiger scheint: eben jene Begegnung des Kindes mit Simeon, dem Gerechten, und Hanna, der hochbetagten Prophetin.
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Wie Simeon und Hanna sind auch wir heute wieder Wartende, den Kyrios Er-Wartende. Unser Weg ist ein Weg der Hoffnung hin auf das Reich Gottes, in die Wiederkunft seines Gesalbten und in die Begegnung mit dem erhöhten Kyrios, der die Schöpfung von innen und außen erneuert. Das Beispiel Hannas, die in heiligem Pneuma damals von jener Begegnung "zu allen" redete, "die auf die Erlösung Israels warteten" (Lk 2, 38) und der hymnische Zeugnis Simeons (Lk 2, 29-32) stärken unsere Hoffnung: "Meine Augen haben dein Heil gesehen"!
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Bild: Simeon hält den Erlöser auf seinen Armen - Relieftafel am Marienaltar des Jakobusmünsters zu Titisee-Neustadt, von Joseph Dettlinger einem Original von Tilman Riemenschneiders Marienaltar zu Creglingen nachgeschaffen.

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