Freitag, 23. Januar 2015

Duruflé und das Paradies

Vor ein paar Tagen legte ich mir das Requiem von Maurice Duruflé (1902-1986) auf, komponiert in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre. Ich schätze die Musik von Duruflé, nicht zuletzt besagtes Requiem; der Komponist hüllt hierbei - nicht das einzige Mal in seinem Schaffen - Melodien gregorianischen Herkommens in ein spätromantisch-impressionistisches Gewand: Klänge, die mich im Schlußsatz an ein Wort aus Psalm 103 erinnern, sozusagen Musik "wie aus Licht" - es geht dabei um einen Text aus der Begräbnisliturgie, mit dem diese Totenmesse schließt:
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In paradisum deducant te angeli;
in tuo adventu suscipiant te martyres,
et perducant te in civitatem sanctam Ierusalem.

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Chorus angelorum te suscipiat,
et cum Lazaro, quondam paupere,
æternam habeas requiem.
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In das Paradies sollen empor dich führen die Engel,
bei deiner Ankunft die Martyrer dich aufnehmen
und dich hinein führen in die heilige Stadt Jerusalem.
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Der Chor der Engel nehme dich auf;
und mit Lazarus, der einst ein Armer war,
mögest du ewige Ruhe finden.
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Die beiden ursprünglich eigenständigen Antiphonen aus dem frühen Mittelalter wurden später zu obigem Text vereinigt, der heute eigentlich in jenem Augenblick gesungen werden soll, da ein Verstorbener der Erde übergeben wird.
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Duruflé übernahm diese gefügte Antiphon, um sein Requiem damit zu beschließen, und deutet die Zweiteilung an, indem er zuerst die einstimmig gesungene Choralmelodie über sanften Streicherakkorden schweben läßt, zuweilen behutsam koloriert durch das ein oder andere Soloinstrument. Dann werden die Rollen sozusagen getauscht: Die harmonische Grundlage wird im zweiten Teil vom Chor dominiert, während über dessen - weiterhin von den Streichern gestützten - Gesang die Orgel den weiteren Verlauf der gregorianischen Melodie intoniert.
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Dem, der glaubt, können die wenigen Worte eine atemberaubende Vision vor Augen stellen: Der Aufstieg in die heilige Stadt; Engel, die uns die Hand entgegen strecken; die Heiligen, die sich noch über die geringste Seele freuen, sie der Heimat im himmlischen Jerusalem versichern.
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Nicht zuletzt rührt das Wort vom Armen Lazarus an mir: Dieser Lazarus ist zuerst einmal nur eine Figur aus einer Beispielerzählung Christi (Lk 16, 19-31) und keine historische Persönlichkeit. Von diesem Lazarus nun wird gesagt, "daß der Bettler starb und hingetragen wurde von den Engeln in den Schoß Abrahams" (22): In der Antiphon In paradisum wird Abraham zwar nicht erwähnt, ist aber durch die Lazarus-Gestalt dennoch einbegriffen und präsent. Abraham ist zugleich die Urgestalt des Pilgers, des hominis viator: Er steht im Glauben am Anfang und am Ende unseres eigenen Weges hin zu Gott, in seinen Spuren sind auch wir mit und in aller Arm-Seligkeit auf dem Weg "in die heilige Stadt Jerusalem" ...


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