Freitag, 31. Oktober 2014

Einstimmung


Die Heiligen trennen uns also nicht, wie man wohl gesagt hat, von Gott und Christus; nein, richtig verehrt, führen sie uns hin zur Ekklesia, zu Christus, zum Vater. Sie sind ja Bilder Christi, die von seinem Glanze leuchten. Klemens von Alexandreia (Protr. 59, 21) sagt von den Christen, das heißt den Heiligen:
"Wir sind es, die das Bild Gottes herumtragen in diesem lebendigen, sich bewegenden Standbilde, dem Menschen; ein Bild, das mit uns wohnt, sich mit uns berät, mit uns verkehrt, mit uns haust, mit uns leidet, das über die Leidenschaften erhaben ist. 
Wir sind ein Weihebild an Gott für Christus, wir, 'das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, einst Nicht-Volk, jetzt Gottes Volk' (1 Petr 2, 9 f.), wir, die wir nach Johannes nicht 'von denen sind, die unten sind' (Joh 8, 23), sondern die von dem von oben Gekommenen (das heißt von Christus) alles gelernt haben; die wir den Heilsplan Gottes erkannt haben; die wir darin bewandert sind, 'in der Neuheit des Lebens zu wandeln' (Röm 6, 4)".
Aus einer Ansprache von Odo Casel OSB am Fest Peter und Paul 1932. In: Odo Casel OSB: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 172.

Mein Wort zum Reformationstag

St. Wolfgang - Kapelle auf dem Thurner / Schwarzwald
Etwas griesgrämig schaut er aus dem Ornat, der hl. Wolfgang, dessen die Ekklesia am 31. Oktober gedenkt. Angesichts des "Reformationstags", den die bürgerlichen Kalender heute auch anschleppen, kann ich's verstehen - welcher Heilige läßt sich 497 Jahre abendländische Kirchenspaltung schon gerne auf den Festtag packen, nur weil ehedem ein durchgeknallter Mönch seinen skrupulösen Glauben mit dem Reformbedarf der Kirche durcheinander warf, um mit dem einen letztendlich die andere fahren zu lassen ... dabei herausgekommen ist der Protestantismus, dessen Verdienst gewiß nicht darin liegt, der fortschreitenden Entchristlichung des Abendlandes Einhalt zu gebieten. Ganz im Gegenteil: In gewisser Weise markiert das Jahr 1517 den Beginn der Säkularisation.
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Wolfgang widmete sich ebenfalls der Kirchenreform, erneuerte das klösterliche Leben im Ausgang des ersten christlichen Jahrtausends, erinnerte Kleriker und Ordensleute an ihre Pflichten und Regeln. Er starb, so wird berichtet, vor dem Altar. Seine Fürsprache helfe uns, in der beständigen Reform der Ekklesia zumindest in jenem Glied, das wir selbst sind, voranzukommen ... ora pro nobis!
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Das Bild oben zeigt eine Kirchenfahne aus der Kapelle St. Wolfgang auf dem Thurner im Schwarzwald (Bilder unten).

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Am Morgen und am Abend

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Zweimal täglich hält das Breviarium Romanum den Beter dazu an, mit dem Daumen ein kleines Kreuz zu zeichnen. Das erste Mal tagfrüh (zu Beginn des Stundengebetes mit der Matutin) auf den Mund mit Worten:
Domine, labia mea aperies. * Et os meum annuntiabit laudem tuam.
Tu auf, Herr, meine Lippen, * damit mein Mund dein Lob verkünde (Ps 50, 17).
Das zweite Mal zur heraufbrechenden Nacht. Ein weiterer Psalmvers leitet hier vom vorgeordneten Bußakt zur eigentlichen Eröffnung der Komplet über, und dabei ist ein kleines Kreuz auf die Brust zu zeichnen:
Converte nos, Deus, salutaris noster. * Et averte iram tuam a nobis.
Kehre uns zu dir, Gott, unser Heil, * und wende ab von uns deinen Zorn (Ps 84, 5).
Seit einigen Tagen versuche ich mir anzugewöhnen, morgens den oberen Vers zu sprechen und meinen Mund mit dem Kreuz zu bezeichnen, ehe ich ihn zu irgendeinem Alltagsgeschäft öffne. Das Sprechen, ob nun einem Gegenüber vernehmlich oder nur als innerer Monolog, ist ja die gängigste Art und Weise, unseren Geist, unser Denken und unser Wesen auszudrücken. Rufe ich nun zu Gott, er möge mir sozusagen über die Lippe kommen, dann geht es mithin keineswegs nur um all die Dinge, über die ich konkret sprechen werde, sondern es geht auch um die Haltung, aus der heraus ich rede, und es geht um den Geist, der hinter dieser Rede steht. All das empfehle ich Gott und bitte ihn: Öffne, ja: führe du mir den Mund, wie es recht ist und deiner Ordnung entspricht, damit ich dein Lob verkünde, indem ich aus dem Wesen heraus meiner Umwelt deine Herrlichkeit zu erschließen versuche, anstatt sie zu verdunkeln. 
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Der Schlüssel nun zu diesem Tagwerk ist das Kreuz, welches ich mir auf den Mund zeichne - es ist uns Symbol, das davon spricht, den eigenen Willen und das eigene Dünken zurückzustellen, um sich der Fügung, fast möchte man sagen: dem Schicksal Gottes anheim zu geben und seinem Weg, seiner Wegleitung zu vertrauen. Der heraufziehende Tag wird mit vielen Momenten aufwarten, in denen wir einen Weg wählen können; darunter gewiß Entscheidungen, die wir nur mit Gottes Hilfe treffen können, weil erst sein Licht den rechten Weg weisen kann. Daneben stehen Augenblicke an, in denen es geradezu auf der Hand liegt, wo entlang der Weg des Kreuzes verläuft und wo jener der Welt - trotzdem tun wir uns schwer mit der Entscheidung, wählen womöglich den für uns bequemeren, verlockenderen ... falschen Weg.
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Der Vers aus der Komplet ist mir vertrauter als der Eröffnungsvers der Matutin. Diese bete ich selten, jene umso öfter. Der Bußakt, an den sich das Verslein anschließt, führt mir dabei vor Augen, daß ich dem Anspruch meines Christsein oft nicht genüge: Ich sündige Tag um Tag in Gedanken, in Worten und - daraus resultierenden - in Werken. Im Wissen um meine Schuld, in der Reue meiner Sünden wegen und indem ich gewahr werde, immer neu auf die Gnade Gottes angewiesen zu sein, bitte ich ihn, er möge mich zu ihm bekehren und mit Zürnen innehalten. Und ich weiß, daß ich zu meinem Vater spreche, und ich höre, daß dessen Barmherzigkeit größer ist als meine Sünde, wie es in eben jenem Psalm 84 einige Verse später heißt: "Lauschen will ich, was Gott, der Herr, zu uns redet: Wahrlich, er redet Frieden zu seinem Volk und seinen Frommen, denen, die sich von Herzen zu ihm kehren" (9).
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Wieder bezeichne ich mich mit dem Kreuz, diesmal auf die Brust, in der das Herz sitzt. Ich schließe mit dem Kreuz den Tag darin ein - das Gute wie das Mißratene. Denn beides kann ich annehmen, das eine in Dankbarkeit, das andere im Wissen um die Liebe Gottes, die sich durch das Kreuz in der Hingabe Gottes an uns Menschen ... an mich ... größer erwiesen hat.

Dienstag, 28. Oktober 2014

Wege öffnen und für Wege offen machen

Ohmenkapelle, St. Märgen
So ganz weiß ich ja nicht, was ich vom heutigen Apostelfest halten soll. Schon dieser Doppelpackgestus dünkt mich verdächtig: St. Simon und Thaddäus. Hat das Jahr so wenig Tage, daß Mamma Ekklesia damit knapsen müßte? Man blättert im Brevier herum und wartet eigentlich nur noch darauf, daß so ein Fest "drittklassig" sei ... ist es nicht, aber es gibt in der außerordentlichen Form des römischen Ritus auch "drittklassige" Apostelfeste, man muß zum Beispiel nur den hl. Apostel Barnabas fragen: Und so erscheint der Streit der Zwölf, wer denn nun der Größte sei im Himmelreich (vgl. Mk 9, 33 ff.), angesichts diverser liturgisch kratziger Zuteilungen in einem nochmals ganz neuen Licht.
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Und überhaupt: Der arme Simon! Irgendwo stets im Hintergrund, irgendwie immer ein Anhängsel des hl. Thaddäus, der ob seines Patronats "in aussichtslosen Anliegen" die Herzen des katholischen Volks besser höher schlagen läßt! Aber schauen wir doch genau hin ... "Helfer in aussichtslosen Anliegen" ... das mag man für schmeichelhaft erachten, man könnte dabei aber auch ein "G'schmäckle" erschnüffeln (Motto: Dir ist eh' nicht zu helfen, da kannste auch gleich zum Thaddäus gehn) ...
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Genug gescherzt! Den hl. Judas Thaddäus rufe ich täglich an und ich bin mir sehr sicher, daß ich so manch' (meines Dafürhaltens) "aussichtsloses Anliegen" durch seine Fürsprache bislang gut überlebt habe. Nicht, daß Gott uns jeden Wunsch erfüllt; manchmal zeigt er uns nur Wege, auf die wir nie gekommen wären. Die Heiligen helfen uns dabei, diese Wege zu öffnen und uns für diese Wege offen zu machen ... in diesem Sinne helfe uns die Fürsprache der hl. Apostel Simon und Thaddäus ... ora pro nobis!
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Das Bild oben zeigt einen Votivleuchter in der dem hl. Judas Thaddäus geweihten Ohmenkapelle zu St. Märgen um Schwarzwald. Die weiteren Darstellungen der beiden Apostel befinden sich in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt zu Ehrenkirchen-Kirchhofen.

Weitere Ladies aus dem Ordinariat

Die Reihe mit ansehnlichen Eindrücken aus dem Freiburger Ordinariat entbietet sich einer Fortsetzung. Darum bringe ich eine weitere Damen ins Spiel: Die Ladies Sculptura und Architectura sollen beim Soli Deo Gloria natürlich nicht außen vor bleiben:
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Der Architekt  des Freiburger Ordinariatsgebäudes und der für dessen Ausmalung verantwortliche Künstler arbeiteten bei meiner Pfarrkirche ebenfalls zusammen; dort holte man als Dritten im Bunde mit Joseph Dettlinger einen der wirklich besseren Bildhauer des Historismus mit ins Boot. Der Geist von "Das Konzil" sorgte einige Jahrzehnte später dafür, daß die Innenausstattung dieser Kirche weitestgehend ruiniert wurde - aus Sicht der heutigen Denkmalpflege mag man das (un-) getrost eine Barbarei erster Güte nennen.
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¶ Ein paar Informationen und einige Bilder aus dem Ordinariat hatte ich bereits hier auf der Seite.

Montag, 27. Oktober 2014

Sententiæ LXXIV

... wenn man so entschieden sein könnte wie dieser herrliche Alte, dachte er und sah Padre Damiano, es war vor mehr als zwanzig Jahren, in dieser Bibliothek vor sich stehen, dasselbe Buch, nicht dasselbe Exemplar, in der Hand. Und der dicke Mann hatte schnaufend gesagt: "Sie brauchen's ja nicht gerade zu predigen oder den Beichtkindern zu sagen, aber die alte Kirche kannte das Beichten in unserer Form nicht. Man schloß die Ehebrecher, Mörder und Renegaten aus der Kirche aus, fertig! Das war die Kirche der Heiligen. Wir sind eine Kirche der Sünder geworden. Ohne die Beichte wäre die Kirche wie eine Stadt ohne Feuerwehr. Nötigen sie niemanden zur Beichte, wer aber von selber kommt, bei dem brennt's; und wenn Sie merken, daß es nicht brennt, jagen Sie die Person zum Kuckuck, doch geben sie acht: es kann auch ein verzehrendes, heiliges Feuer nach der Vollkommenheit der Beichte bedürfen, dann haben sie nur Asche zu hieven, Sie verstehen?"
Stefan Andres, Wir sind Utopia

Zur "Geistlichen Kommunion"

Die Frage nach der "Geistlichen Kommunion" hat in letzter Zeit die Blogozese ein wenig umgetrieben, zumal das Thema auch am Rand der Bischofssynode zur Sprache kam. Zuweilen wird ja geraten, Geschiedene, die hernach eine Zivilehe eingegangen sind, sollten, da zur sakramentalen Kommunion nicht zugelassen, geistlich kommunizieren. Nun stehen die Weichklopfer der kirchlichen Lehre natürlich mit der Frage auf der Matte, warum eine geistliche Vereinigung mit Christus zwar statthaft sei, nicht jedoch in sakramentaler Form?
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Vor einigen Tagen blätterte ich in einem der älteren Freiburger Diözesangesangbücher und stieß dabei auf die folgenden interessanten Ausführungen zu diesem Thema - sie legen nämlich nahe, daß für Katholiken, die sich im Stand einer schweren Sünde befinden, auch eine geistliche Kommunion im strengen Sinn wohl kaum möglich sei:
Die geistliche Kommunion besteht darin, daß man ein gläubiges, demütiges, inbrünstiges Verlangen erweckt, den lieben Heiland im heiligsten Sakramente zu empfangen. Wer im Stande der Gnade ist, kann dieses Verlangen ohne weiteres zu jeder Zeit erwecken. Wer im Stande der Todsünde sich befindet, sollte möglichst vollkommene Reue erwecken und sein Verlangen in der Art fassen, daß er denkt und sagt: "O wenn ich doch würdig wäre, dich, meinen Heiland, im heiligsten Sakramente jetzt zu empfangen!" - Die geistliche Kommunion ist Gott höchst wohlgefällig und uns sehr nützlich. Denn wie die Begierdetaufe in ihren Wirkungen der wirklichen Taufe entspricht, so wird auch die Begierdekommunion (d. i. eben die geistliche Kommunion) uns ähnliche Gnaden vermitteln, wie die wirkliche Kommunion; und sie ist überdies eine kräftige und wirksame Vorbereitung auf dieselbe ...
Nun ersetzen geistliche Erwägungen in einem Gesangbuch keineswegs eine fachliche Antwort, zumal nicht vergessen sein soll, daß die ersten Auflagen dieses Buches zu einer Zeit erschienen sind, als eine sakramentale Kommunion seitens der Gläubigen eher selten war. Andererseits wird sich der Redaktor den entsprechenden Abschnitt mit seiner klaren Unterscheidung kaum aus den Fingern gesogen haben.
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Zuletzt kann man natürlich auch die Frage stellen, ob der Rat, geistlich zu kommunizieren, wirklich sinnig ist. Denn das eigentliche Ärgernis, der fortgesetzte Ehebruch, bleibt schließlich bestehen - insofern macht man sich auch auf der traditionsfrohen Seite die Sache womöglich etwas zu einfach, wenn man den Betroffenen zu einer solchen "Lösung" rät.
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Der zitierte Abschnitt aus: Magnificat. Katholisches Gebet- und Gesangbuch für die Erzdiöcese Freiburg. Freiburg 1909. S. 108 f.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Das BamS!

... eine buchstäblich "malende" Allegorie, zu sehen im Treppenhaus des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg - taugt ganz vortrefflich zur Illustration einer Strophe aus dem Hymnus Te sæculorum principem, welcher am heutigen Fest Christkönig zur Vesper gesungen wird:
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Te nationum præsides / Honore tollant publico,
Colant magistri, iudices, / Leges et artes exprimant.
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Dich sollen die Regierenden der Völker
erheben in öffentlichem Ehrerweis;
Anerkennung dir zollen sollen Gelehrte und Richter,
Gesetze und Künste zum Ausdruck dich bringen.

Die Erde selbst Gottes Thron - Christkönig

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Gott thront auf seinem erhabenen Sitze;
... er thront als Richter und Herr ...
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Dann wird die ganze Welt, die jetzt noch den Herrn
ablehnt, ihn nicht zum König haben will,
voll sein von seiner Herrlichkeit;
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was ihm in Liebe untertan ist, wird sein Tempel sein;
aber das andere
- alles, was seine Liebe abgelehnt hat -
wird hinausgefegt,
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so daß nun die Erde selbst
Gottes Thron ist,
den die Seraphim umstehen.
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Odo Casel OSB
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Christus, der Kyrios - Fresko von Rudolf Kaufhold an der Chorwand der Pfarrkirche Heilige Dreifaltigkeit zu Freiburg.

Samstag, 25. Oktober 2014

Einstimmung

... Anderseits würde derjenige sich schwer irren, der Christus als Mensch die Macht über alle zeitlichen Dinge absprechen wollte. Denn er hat vom Vater ein so unumschränktes Recht über alle Geschöpfe bekommen, daß alles seinem Willen unterstellt ist. Doch hat er sich während seines Erdenlebens der Ausübung dieser irdischen Herrschergewalt völlig enthalten. Er selbst hat Besitz und Erwerb menschlicher Dinge verachtet, und beließ sie und beläßt sie noch heute ihren Besitzern. (...) 
So umfaßt also das Reich unseres Erlösers alle Menschen, wie dies folgende Worte Unseres Vorgängers Leo XIII., unsterblichen Andenkens, ausdrücken und die Wir gerne zu Unsern eigenen machen: "Seine Herrschaft erstreckt sich nicht nur auf die katholischen Völker, auch nicht nur auf jene, die durch die Taufe von Rechts wegen der Kirche angehören, mögen auch irrige Anschauungen sie fernhalten oder Uneinigkeit sie von der Liebesgemeinschaft scheiden, sondern sie umfaßt auch jene, die den christlichen Glauben nicht besitzen; somit untersteht im vollsten Sinne die ganze Menschheit der Herrschaft Jesu Christi" (Rundschreiben Annum sacrum).
Auch ist in dieser Hinsicht kein Unterschied zu machen zwischen Einzelmenschen und häuslichen oder bürgerlichen Gemeinschaften, denn die in Gemeinschaften vereinigten Menschen stehen nicht minder unter der Herrschermacht Christi als die Einzelmenschen. Es gibt ja nur eine Quelle des Heiles, des persönlichen wie des gemeinschaftlichen: "Es ist in keinem andern Heil; und kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, durch den wir selig werden sollten" (Apg 4, 12). Ein und derselbe ist Urheber des Gedeihens und wahren Glückes für die einzelnen Bürger wie für die Staaten: "Das Glück des Staates fließt nicht aus einer andern Quelle als das des Einzelmenschen, denn der Staat ist nichts anderes als eine Vielheit von Menschen, die in Eintracht zusammenlebt" (hl. Augustinus, Epist. CLV ad Macedonium, c. III 9). Wenn daher die Staatenlenker Unversehrtheit ihrer Autorität sowie Gedeihen und Fortschritt des Vaterlandes bezwecken, so dürfen sie sich nicht weigern, in ihrem persönlichen Namen und mit ihrem ganzen Volke der Herrschermacht Christi ihre Verehrung und Ergebenheit öffentlich zu bezeugen.
Denn was Wir zu Beginn Unseres Pontifikates über die stark erschütterte Autorität des Rechtes und die merklich verminderte Achtung vor der öffentlichen Gewalt geschrieben haben, das gilt nicht weniger für die Gegenwart: "Hat man Gott und Jesus Christus aus der Gesetzgebung und der Politik hinausgewiesen und leitet man die Autorität nicht mehr von Gott her, sondern von den Menschen, dann fehlt den Gesetzen ihre wahre und wirksame Sanktion, dann fehlen ihnen die höchsten Kriterien des Rechtes - und das haben schon heidnische Philosophen wie Cicero begriffen, daß Menschengesetze nur im ewigen Gesetz Gottes verankert sein können; ja sogar die Grundlage der Autorität ist zerstört in dem Augenblick, da man die Quelle verschüttet, aus der den einen das Recht zufließt zu befehlen, den andern die Pflicht zu gehorchen. So mußte mit unerbittlicher Notwendigkeit das ganze Gesellschaftsleben erschüttert werden; es war eben jeder festen Stütze und jedes Schutzes beraubt und wurde ein Tummelplatz für die Parteien; diesen aber ist es nur zu tun um den Besitz der Macht, nicht um das Wohl des Vaterlandes" ( Rundschreiben Ubi arcano) ...
Pius XI. im Rundschreiben Quas primas über die Einsetzung des Christkönigsfestes. Der vollständige Text ist hier zu finden.

Ringelpiez oder Römerbrief?

Wie meistens am Samstag (dem Tag mit den Prozenten) stolperte ich heute im Diakonie-Laden herum und trug drei Bücher davon, nebst Görres' Roman Die siebenfache Flucht der Radegundis die beiden da:
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Fragt sich nur, welches dieser Schriften nun das "katholischere" Werk sei? Karl Barths erneute publizistische Hinwendung zum Römerbrief ... auf der Grundlage von Kursen, die in den 1940er-Jahren gehalten wurden und hier einer breiteren Öffenlichkeit entboten werden? Oder Klemens Richters Durchblick zu Fragen aus der "Gemeinde von heute" zur Messe? 
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Schon das Titelbild mit 80er-Ringelpiez schreckt irgendwie ab. Und eigentlich will ich ja lieber nicht wissen, was man (etwas mehr als ein Jahrzehnt) nach der "Liturgiereform" (also am Ende der heißen Phase) "von der Messe wissen wollte". Andererseits sind solche Bücher nicht uninteressant, um zu verstehen, woher das Chaos jener und heutiger Tage rührt. Erstes Hin- und Herblättern legt jedenfalls den Eindruck nahe, daß es kaum einen liturgischen Krampf geben könnte, zu dessen Anwalt sich Richter nicht machen wollte: Tischmessen ("Das Sitzen um einen Tisch bringt ... Gemeinschaft mit dem Auferstandenen ... gut zum Ausdruck"), Sackalben ("Die Tragweise der Stola unter dem ... Meßgewand ergibt ohnehin keinen Sinn"): alles drin, wie's scheint.
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Ich fürchte, der Barth könnte eher frommen ...

Freitag, 24. Oktober 2014

Die Grünen setzen sich für das ungeborene Leben ein!

Es soll fürderhin niemand behaupten können, bei den Grünen fände der Schutz des ungeborenen Lebens kein Gehör. Sie selbst werfen sich nun gar heftig dafür in die Bresche, wie ich heute der Badischen Zeitung entnehmen konnte: "Wir fordern", so die grüne Bärbel Höhn MdB quasi in Sachen Lebensschutz, "die Bundesregierung auf, hier voranzugehen" und "nicht länger tatenlos zuzusehen", denn es gehe um "Vermeidung von Schmerzen und Leiden bei Föten"! Das ist doch mal ein Wort!
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Und nein, es geht nicht darum, potentiell behinderte Kinder abzutreiben und so vor einem mutmaßlich beschwerlichen Leben zu bewahren, wie der Skeptiker nun denken mag, der die Grünen auch dieses Zynismus für fähig hält. Es geht wirklich darum, daß dem Nachwuchs im Mutterschoß kein Leid geschehe und die Leibesfrucht vor Schmerzen bewahrt bleiben möge. Zumindest, wenn es sich um die Leibesfrucht von Kühen handelt. Von Kühen? Richtig gelesen ... es geht um ungeborene Kälber.
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Rund 180.000 Rinder, so die geschätzte Zahl, werden in Deutschland jährlich geschlachtet, obwohl die trächtig sind, also etwa jede zehnte Kuh in den Schlachthäusern der Republik. Das ist gewiß nicht schön und müßte nicht sein; auch der Jäger legt schließlich das Gewehr zur Seite, wenn Hinde, Ricke und Bache trächtig sind oder ihren Nachwuchs hegen. Ich bin auf die Grünen keineswegs sauer, daß sie damit ein Problem haben. Nur leider haben sie überhaupt kein Problem mit rund 110.000 Kindern, die Jahr um Jahr vor der Geburt zerstückelt, abgesaugt und abgetrieben werden ... da sind die Grünen völlig schmerzfrei.
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¶  Hier der Artikel in der Badischen Zeitung zum Thema. Die Kühe tummelten sich diesen Sommer in Biederbach im Schwarzwald.

Diener göttlicher Hoheit und menschlicher Niedrigkeit

Engel - am Hochaltar der Kirche St. Johannes Baptist, Forchheim
Unser Bild der heiligen Engel bestimmt sich vor allem aus den Texten der Heiligen Schrift, die uns davon berichten, was diese Boten Gottes tun: So gebietet ein Engel Abraham Einhalt, als dieser seinen Sohn Opfern wollte. Jesaja sieht die Seraphim über Gottes Thron schweben und hört sie das Dreiheilig anstimmen. Der Engel Gabriel verkündete der Jungfrau, daß sie gebären solle. Michael streitet mit dem Satan um den Leichnam des Moses und führt das himmlische Bannerheer am Ende der Zeit. Über sich selbst geben die Engel zumeist keine Auskunft; aus ihrem Handeln allein erschließen wir uns, soweit wir dazu in der Lage sind, deren Wesen, das ganz Dienen ist, ganz Hören auf den Logos Gottes: "Preiset den Herrn, ihr seine Engel alle, ihr Starken an Kraft, die ihr seine Befehle vollbringt, Seinem Worte Gehorsam erweist" (Ps 102, 20).
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Ein wenig anders verhält es sich mit dem Erzengel Raphael, dessen Fest die Ekklesia heute feiert. Während dem Auftreten anderer Engel in der Heilsgeschichte zumeist etwas Episodisches anhaftet (was keineswegs der Tatsache widerspricht, daß Engeln bei vielen bedeutenden Momenten eine wichtige Rolle zugedacht ist), begegnet uns Raphael als eine der Hauptpersonen einer biblischen Schrift: dem Buch Tobias. Gewiß, über weite Strecken bleibt er zunächst unerkannt - bis er sich dem alten Tobit, dessen Sohn Tobias ... und uns allen offenbart. Ein Stück daraus:
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Nun, als du betetest und deine Schwiegertochter Sara,
da brachte ich eueres Gebets Gedächtnis vor den Heiligen.
Als du Verstorbene begrubest, war ich gleichfalls bei dir.
Als du nicht säumtest, aufzustehen und deine Mahlzeit zu verlassen,
zu gehen und den Toten zu verbergen, 
entging dies gute Werk mir nicht. Ich war bei dir.
Jetzt hat mich Gott gesandt,
dich und die Schwiegertochter Sara heil zu machen.
Ich bin ja Raphael,
von jenen sieben heiligen Engeln einer,
die hochempor der Heiligen Gebete tragen
und vor des Heiligen Herrlichkeit einherschreiten
(Tob 12, 12-15).
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Das Buch Tobias gehört für mich zu jenen Schriften, in denen sich das Höchste im Alltäglichen in einer menschlich besonders ans Herz greifenden Weise spiegelt; fast möchte man sagen: eine Welt kleiner Leute, und mittendrin ein Engel. Ein großer, ein bedeutender Engel, der hier als Diener Gottes diesen Menschen dient und sich um deren Sorgen und Nöte kümmert. Aber auf der anderen Seite: Er trägt die Gebete der Heiligen empor und schreitet vor dem Heiligen einher!
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Der Canon Romanus, das Hochgebet der Eucharistia, bewahrt eine alte Bitte, in der ein namenloser Engel in unseren Blick tritt:
Supplices te rogamus, omnipotens Deus: iube hæc perferri per manus sancti Angeli tui in sublime altare tuum, in conspectu divinæ maiestatis tuæ ...
In tiefer Demut bitten wir dich, allmächtiger Gott: Heiße dieses Opfer durch die Hand deines heiligen Engels emporgetragen auf den himmlischen Altar in die Schau deiner göttlichen Erhabenheit ...
In diesem Gebet, das die Einheit der in diesem Aion gefeierten Mysterien mit der Leiturgia des Himmels ausspricht, und welches uns verdeutlicht, daß "unser Altar ... der Altar im Himmel" sei (Odo Casel OSB), in diesem Gebet also sehe ich den Erzengel Raphael als einen jener Engel des Opfers, der "hochempor der Heiligen Gebete" trägt, unsere Sorgen und Nöte, so wie er einst die Gebete, die Sorgen und Nöte von Tobit vor das Angesicht Gottes getragen hat. Nur enthüllt sich uns die Größe des göttlichen Geheimnisses völlig erst im Neuen Bund: Unsere Gebete sind hineingenommen in den Tod, die Auferstehung und die Herrlichkeit des Kyrios Christus, denn er ist dieses Opfer, das der Engel in die Schau der göttlichen Erhabenheit trägt, in den Blick des allmächtigen Vaters.
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Der heilige Erzengel Raphael, der des höchsten Dienstes vor dem Heiligen würdig und sich nicht des Dienstes an menschlicher Niedrigkeit zu schade ist, begleite unsere Pfade durch dieses Aion, wie er Tobias ehedem zur Seite stand auf dessen Reise, er führe uns an den Altar des Neuen und Ewigen Bundes und trage unser Beten, Loben und Bitten in der Feier der Eucharistia vor Gott ... ora pro nobis!
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Bild: Engelsdarstellung am Hochaltar der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Forchheim in Baden.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Sententiæ LXXIII

In der Stunde des Mysteriums wird Christi Opfertat gegenwärtig. Die Engel sind anwesend. Der ewige Hohepriester vollzieht zusammen mit seiner Braut sein Mysterium, das auf Erden begonnen hat und im Himmel vollendet wird. Unser Altar ist der Altar im Himmel, auf den, wie wir beten, der Engel das Opfer emporträgt. Himmel und Erde sind vereint, und wir sind eingegangen in die unmittelbare Gegenwart des Vaters.
Odo Casel OSB

Samentragend Bildsinniges

Noch findet sich, wenngleich gezeichnet von beginnendem Verfall, die eine oder andere Schönheit längs der Wege, einst aufgegangen aus gutem Samen, der in die Erde fiel; doch wird aus neuem Samen Unversehrtes gleicher Art aufblühen ... (allerdings war da noch Mt 13, 25).
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Im Witz liegt Wahrheit?

Daß in Rom so mancher Bischof, Kardinal oder gar Präfekt Gefahr läuft, ins Abseits weggelobt oder anderweitig versetzt zu werden, wenn er keinen Tango tanzen will (oder bereits weiland dem Erzbischof von Buenos Aires in die Parade grätschte), konnte in letzter Zeit hinlänglich beobachtet werden, um die pure Mutmaßung mit dem Verdacht der Faktizität zu polstern. Selbst Spiegel Online fällts schon auf: hier lang.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Kardinal Kasper richtungsweisend

Mit der jüngsten Familien-Synode und deren Protagonisten sind einige katholische Blogger harsch ins Gericht gegangen, derweil sich andere hernach mit Stil, Stoßrichtung und Sturzflug solcher Einlassungen beschäftigt hatten und deutlich Kritik am Hauen und Stechen übten, das sie bemerkt haben wollen (war ja manchmal kaum zu ignorieren). In den kommenden Tagen werde ich vielleicht versuchen, ein paar Gedanken anzubieten, wie sich das traditionsfrohe Lager anstellen könnte oder sollte oder müsste, sieht es sich in der Zwickmühle, den Glauben gegen eine Hierarchie zu verteidigen, der man schließlich lieber Wertschätzung, Vertrauen und Gehorsam entgegen brächte.
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Eine kleine Eselei kann ich mir jedoch nicht verkneifen ... Wie wir wissen, wurden auf den Konzilien der Alten Kirche Meinungsverschiedenheiten nicht dauernd, aber auch nicht selten mit erstaunlich harten bandagen ausgetragen (Gift- und Gallespucken, Handgreiflichkeiten inbegriffen), wogegen manch Tirade und Tatütata des konservativen Lagers heute wie ein liebevoll gepflücktes Sträußlein Gänseblümchen frommt. Nun las ich ein Interview mit Kardinal Kasper, der dran herzerfrischend anknüpft:
Die Synode wollte bewirken, dass die einfachen Katholiken sich wieder für das interessieren, was in Rom gesagt wird. Es erinnert mich an die alte Kirche, wo die Leute anlässlich der Konzilien auf den Marktplätzen stritten. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt.
Wenn wir uns also so sehr "für das interessieren", was "in Rom gesagt wird", daß darob gefochten und gestritten wird, so mag man davon halten, was man will, mags mögen oder auch nicht. Man mag aber kaum behaupten können, es sei nicht im Sinn des Kardinals ... ;-)
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Das Interview mit Kardinal Kasper, über das man ebenfalls trefflich fechten und streiten könnte, ist hier auf Zeit online zu finden.

Seite eins (4)

Stefan Andres: Wir sind Utopia
Das braune, eintönige Plateau lag unter der jeden Tag gleich wiederkehrenden Sonne zurpulvert da, und um das Gefährt, das in den sanften Senkungen des Weges verging und wieder hügelan strebte, hatte sich eine so dichte Staubwolke gebildet, daß man nur an seiner Schnelligkeit, dem Benzingestank und dem nachmittäglichen langen Schatten einen Lastkraftwagen erkennen konnte. Wer aus der Ferne die knatternde, gelbe Wolke in der Einöde dahinkriechen sah, konnte die groteske Vorstellung haben, daß sich ein Stück des Weges erhoben und auf Wanderschaft begeben habe, um die rätselhafte Linie seines Auf und Ab und alle Windungen selber einmal zu verfolgen, in einem goldenen Federbusch dahinstäubend und eine lange, immer dünner und niedriger gleitende Schleppe hinter sich herziehend.
Aber es gab keine Zuschauer. Die wenigen Bauernhäuser starrten mit schwarzen Fenstern ausgestorben in den Sonnenbrand, nur ein paar Hunde hoben gegen das sich nahende Monstrum aus Staub und Lärm die Nasen, duckten sich und sprangen in die versengten Felder, um dann wieder auf den leeren Weg zurückzukehren, an dessen Rand sie entlangsuchten, um bei einem umgeworfenen Gepäckstück und dem aufgedunsenen Körper einer Pferdes herumzuschnüffeln, zögernd und miteinander zankend, bis der Hunger ihre Abscheu vor dem Aas überwand.
Die Staubwolke aber kroch unentwegt in die Weite, und dort, wo auf der goldbraunen Höhe die ebenso braune Ringmauer einer im Mittelalter liegengebliebenen Stadt wie eine natürliche Felsenstufe sich erhob, verschwand sie unter dem Torbogen wie eine Lokomotive in einem Tunnel, und die Wachsoldaten unterm Tor sahen, wie auf dem Katzenkopfpflaster der Staub um den Wagen plötzlich verging und Bajonette hervorblitzten, ein eiserner Verhau und die wie aus Lehm gebackenen Gestalten, die auf dem offenen Lastwagen hockten und mit stumpfen Gesichtern den unerwarteten Schatten genossen und kaum den Kopf zu einem verstohlenen, flüchtigen Umblick erhoben.
Die enge, düstere Gassenrinne fuhr der Wagen langsam dahin, wiewohl kein Mensch, weder Zivilist noch Soldat, ihm begegnete. Auf dem weiten, gleißenden Platz nahm er die Kehre und im Schatten vor der Freitreppe der in ihrem starrenden Prunk unfreudig wirkenden Barockfassade des Karmeliterklosters stand er dann still.
¶ Stefan Andres: Novellen und Erzählungen. München 1962. S. 225.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Vom Schiff und dessen Ziel

hl. Ursula und Gefährtinnen - Freiburger Münster
Auf einem Schiff dem Martyrium entgegen fahrend ... so zeigen uns nicht wenige Bilder die heilige Ursula und deren Gefährtinnen; sie alle sind heute dem Gedenken der Ekklesia eingeschrieben. Seit altersher wird das Schiff gerne als ein Bild des christlichen Lebens beschworen: 
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Wann mein Schifflein sich will wenden
in den Port der Ewigkeit,
wann sich wird mein Leben enden
in dem letzten Seelenstreit;
O Maria, steh zur Seiten,
laß mich dir befohlen sein;
leit mein Schifflein, hilf mir streiten,
hilf mir, liebste Mutter mein!
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So etwa ein Lied, das früher gerne in der Erzdiözese Freiburg gesungen wurde, bis es im Gotteslob keine Aufnahme mehr fand.
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Besonders prägend wurde dieses Bild im Rahmen der Verehrung von Ursula - so sehr, daß man die vielzähligen Bruderschaften, die sich um die Heilige sammelten, oft als "Ursula-Schiffchen" bezeichnete, die ihre Mitglieder sicher ans Ziel bringen sollten: in Gottes Herrlichkeit. Daher rührt wohl auch der Brauch, Ursula "um einen seligen Tod" anzurufen.
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Das ist gewiß eine gute Übung: Zu bitten, daß wir nicht einfach "abends einschlafen und morgens nicht mehr aufwachen", wie sich das mancher Zeitgenosse wünscht, zu bitten auch, daß wir nicht unversehens (und unversehen) sterben, sondern daß uns Zeit gegeben sei, dieser Stunde gewahr zu werden - unter dem Beistand der Ekklesia und ihrer Mysterien der Buße, der Eucharistia und der heiligen Ölung. Die heilige Ursula helfe uns hierzu mit der Schar ihrer Jungfrauen ... ora pro nobis!
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Bild: Martyrium der hl. Ursula und ihrer Gefährtinnen; Glasfenster im Kapellenkranz des Freiburger Münsters.

Macht Stimmung!

I want you ...
... bei der Robusta 2014 als Wählerin und Wähler, derweil die jetzt in die ganz heiße Phase schippert: Denn ab sofort kann abgestimmt werden. In vier Kategorien wurde diese Seite nominiert: Qualität - Spiritualität - Augenhonig - Zwerchfell. Daß ich in letzterem Zoo gelandet bin, ist so eine typische Geistbraus-Aktion. Die zielt nämlich weniger darauf ab, mir eine Robusta reinzuwerfen (wofür auch?), sondern soll mutmaßlich und sozusagen etwas mehr den Lust- aus dem Alte-Messe-Molch rauskitzeln. Mal sehen, was mir in Zukunft dazu einfällt, aber aktuell hoffe ich nicht, daß die Texte dieser Seite in letzter Zeit so viel Heiterkeit und Belustigung losgetreten haben, daß man's preisen möchte. 
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Für Kultur hätte ich mir dann eher eine Nominierung gewünscht, schon allein der ganzen Reinhold Schneider-Einträge wegen und einiger anverwandter literarischer Einsprengsel; nun gut, vielleicht ist es ein kleines Zeichen für die Vergessenheit, in welche die wichtige katholische Publizistik vergangener Tage heute geraten sind, daß sie auch in der Blogozese eher wenig Interesse findet und als "kulturelles" Thema nicht recht wahrgenommen wird. Aber ich will nicht meckern und wehklagen, denn erstens sind vier Nominierungen mehr als genug und zweitens hätte ich mich zur Not auch selbst nominieren können.
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Herzlichen Dank an dieser Stelle allen, die Pro Spe Salutis aufgestellt haben! Ganz abgesehen davon, ob am Ende nun die eine oder andere Medaille herausspringen mag oder auch nicht, ist allein dies schon eine wunderschöne Anerkennung für diese Seite, über die ich mich sehr freue!
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Nun denn: I want you - schau dich nochmal genau um, such Dir Deine Favoriten, gib Deine Stimme ab (hier gehts zu den Wahlurnen, indem man in der Aufstellung der nominierten blogs zuerst auf die jeweilige Kategorie klickt) und hilf mit, daß die Robusta 2014 noch mehr an Fahrt gewinnt! Denn seit das Teil wieder in Aussicht gestellt wurde, scheint mir - einfach so ein Eindruck - die Blogozese aus leichtem Dornröschenschlaf erwacht. Und da gilt's dann auch dem Herrn Alipius kräftig dankend auf die Schulter zu klopfen, an dem die ganze Arbeit hängt: Vergelt's Gott!
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Bild: Putto an der Emporenbrüstung der Pfarrkirche St. Petronilla zu Kiechlinsbergen am Kaiserstuhl.

Montag, 20. Oktober 2014

Gottes Utopia

Die Frage, ob der Glaube sozusagen die "Lebensqualität" steigere, unsere ... und vielleicht mittels "Wirkung" auch die der anderen, zum Teil am vergangenen Sonntag hier bereits zur Sprache gebracht, läßt sich auch an einem anderen Stück Literatur entfalten - anhand der Novelle Wir sind Utopia von Stefan Andres, geschrieben 1942. 
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Stefan Andres führt den Leser in ein Kloster während des Spanischen Bürgerkriegs, welches von republikanischen Truppen besetzt ist. Die Ordensleute wurden bei Einnahme des Klosters, das jetzt als Gefängnis dient, erschossen. Unter den Gefangenen befindet sich ein Söldner im Dienst Francos, Paco Hernandez. Der Konvent ist ihm vertraut, denn zwei Jahrzehnte zuvor zählte Hernandez als Padre Consalves selbst zu dieser klösterlichen Gemeinschaft, ehe er seinen Glauben und seine Berufung, von Zweifeln zernagt, über Bord warf. Zernagt im Gewissen ist überdies der republikanische Leutnant, der nun den Befehl über das ehemalige Kloster führt. Er bittet den einstigen Padre, seine Beichte zu hören. Paco winkt zuerst ab, erkennt aber die Gelegenheit, mit einem Messer, welches er sich verschaffen konnte, den Leutnant dabei zu töten und zu versuchen, sich und seine Mitgefangenen zu befreien ... doch das führt an dieser Stelle schon zu weit ab vom Thema.
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Es geht mir um eine bestimmte Szene zuvor: Paco, den eine Fügung in jene Zelle zurückbrachte, in der er weiland als Padre Consalves lebte, entdeckt an deren Decke einen allzu sehr vertrauten Wasserflecken. In vielen Nächten hatte sich dieser Fleck einst in eine Insel, in "Utopia" verwandelt, hatte sich Padre Consalves in eine bessere, ideale Welt hinüber geträumt. Die Idee gewann immer mehr an Macht über den jungen Priester - eines Tages gesteht er diese nächtlichen "Fahrten" seinem Beichtvater. Hier setzt der Abschnitt ein, um den es mir heute geht; er berührt wiederum sacht die Frage, welche Widerfahrung der Glaube unserem Leben eintragen mag - ein deutlicher Schwerpunkt liegt freilich auf der "Auswirkung", der "Außenwirkung" dieses Glaubens ...
Er beichtete also seinem alten Dogmatikprofessor, dem Padre Damiano, seine Fahrten nach Utopia. Der zog die Brauen zusammen - er war ein unsagbar nüchterner Mystiker! -, und ihm mit der Hand das Gesicht zu sich heraufhebend (Padre Consalves kniete vor ihm in der Zelle), knurrte er nur: "Wechseln Sie die Zelle oder lassen Sie ihre Insel zustreichen, oder noch besser: Fahren Sie nicht mehr hinüber. Vergessen Sie nicht: noch keiner hat die Welt zu einem Utopia reformieren können, keiner, selbst Er nicht! Wenn Sie bedenken, Padre Consalves, daß die ganze Welt eine Börse ist (Padre Damiano war früher ein bekannter Bankier gewesen), und wenn Sie sehen, wie schlecht die Aktien Gottes stehen und Sie trotzdem kaufen, dann denken Sie also heimlich: Wollen sehen, man kann nie wissen? - Ich kann Ihnen sagen, Sie spekulieren daneben! Kaum haben Sie gekauft, schon sinkt der Kurs von neuem, sinkt, sinkt und sinkt, Sie gelten allgemein als ein Trottel, man lacht Sie aus. - Sie behalten aber das Papier, Sie behalten es, nun ja, weil Sie es ohnehin nicht mehr anständig loswerden. Wegwerfen, ja, das wohl, aber verkaufen? - Sie wissen ja, die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichtes. Und nun beginnen Sie heimlich und leise, um ihre wertlos gewordene Aktie doch vielleicht wieder auf den Markt zu bringen, eine Utopia zu gründen, irgendwo, keiner hat es gesehen, aber Sie erzählen davon, ach ja: was das Christentum alles doch bewirken könne; und das Ergebnis: ein richtiger Bankkrach! Die Leute erfahren: das gibt es ja garnicht, dieses Utopia, diese erlösten, friedlichen Christen, diese losgelösten, nur nach dem Ewigen trachtenden Priester, überhaupt dies besondere Leben, das die Erde liebt, wie nur die Heiden es können, und zugleich für nichts erachtet, wie es den Christen aufgegeben ist, nein, dies besondere Leben, das gibt es ja nicht. Die Christen sind nicht anders als die übrigen Menschen. Wenn das dann wieder neuerdings feststeht, muß ihr Utopia als ein Schwindelunternehmen angesehen werden, und was sind Sie in diesem Fall? Und wo gehören Sie hin? Ich sage Ihnen, ins Gefängnis, genau wie dieses und jenes Finanzgenie, das am Mississippi oder in Alaska eine Gesellschaft gründet, die nur auf dem Papier existiert".
Paco hatte damals flehentlich die Hände erhoben: "Ja, aber unser Glaube!? Christus hat doch gesagt, daß wir noch größere Zeichen und Wunder als er verrichten würden".
Padre Damiano lachte grob: "O gewiß! Das größte Wunder ist nämlich, an diese scheinbar faule Aktie zu glauben, und nicht einmal, weil es in der Offenbarung steht - das könnte ja ebenfalls ein leeres Versprechen sein -, sondern weil unser Herz erkannt hat: die Aktie ist echt. Hier ist der Weg, die Wahrheit und das Leben - und nicht da und nicht dort, wenigstens nicht für mich. Und nun sei treu und kühn, glaube, hoffe und vor allem liebe! Und deine Aktie gibt dir mehr als ein Utopia: sie gibt dir den Mut, ein Mensch zu sein, dem nichts mehr schadet und den nichts mehr enttäuscht! Denn alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber seid Gottes".
Ich überspringe an dieser Stelle den weiteren Zuspruch des Beichtvaters; nicht, weil dessen Worte nun weniger interessant wären (wie ich überhaupt die Lektüre dieser Novelle in mehrfacher Hinsicht empfehlen möchte), aber die Ausführungen des alten Padre Damiano entwickeln sich doch in eine etwas, sagen wir: unorthodoxe Richtung, für die man als Theologe zumindest bis zu "Das Konzil" vor dem Heiligen Offizium gelandet wäre. In der Schlußpassage dieser Beichtszene steckt ohnehin noch genug Sprengstoff für unser aller traditionsfrohe Gemüter:
Und nun neigte sich der Alte zu Padre Consalves' Ohr: "Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er - immer wieder! Denn hier ist unendliche Armut, unendliches Leid! Gott liebt das ihm ganz Andere, liebt den Abgrund, und er braucht - verstehen Sie mich um seines heiligen Namens willen recht -, braucht die Sünde! Sie verstehen mich. Er ergießt sich. Er erneuert, Gott schafft Götter. Der Kosmos ist sein geliebter Sohn, der von ihm, dem Vater, alles empfängt im Geist, in der Liebe. Und dieser Sohn wird so, wie der Vater es will! Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. - Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!"
Zwei Aussagen nehme ich gerne mit ... gewiß ist auch damit keineswegs das Tiefste gesagt und ausgelotet, sind allein Aspekte dessen berührt, was uns und der Welt widerfährt, wenn wir "glauben", aber doch scheinen mir diese Sätze in das Zielfeld der Fragen rund um diesen Glauben zu treffen:
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Daß Gott auf diese tränenfeuchte Erde kommt ... zu uns ... die wir Gottes Utopia sind ... im Werden.
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Wir sind Utopia - in: Stefan Andres: Novellen und Erzählungen. München 1962. S. 247 ff.

Von der Distanz zur Gabe Gottes

hl. Wendelin - Eisenbach, Pfarrkirche St. Benedikt
Fahre ich ein wenig aus der Stadt hinaus, etwa hoch in den Schwarzwald oder in die oberrheinische Landschaft, so begegnet mir in den Kirchen auf dem Land häufig der hl. Wendelin, der im Wechsel vom sechsten zum siebten Jahrhundert, von Irland kommend, in jener Gegend als Einsiedler lebte, in der später die nach ihm benannte Stadt Sankt Wendel erbaut wurde. Die Altvorderen baten ihn - heute wird seiner gedacht - um Fürsprache bei Gott: Es sei das Vieh vor Seuchen und Verderb bewahrt.
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Heute, angesichts der Rinder in Reih und Glied aus industriellen Produktionsbetrieben samt Antibiotika oder handgestreichelter Kühe von der Schwarzwaldwiese in artgerecht-achtsamer Behegung, heute also scheinen solche Patronate anachronistisch, wie auch Flurprozessionen, Wettersegen, Erntedank, vielleicht auch Tischgebet oder die Bitte an den Vater im Himmel um das tägliche Brot. Natürlich höre ich jetzt den Widerspruch gutgesinnter und frommer Leser ... so mag jeder für sich erwägen, wie sehr ihm unmittelbar und selbstverständlich verinnerlicht ist, daß das Schnitzel auf dem Teller und die Tomate im Korb und die Milch im Kühlschrank und selbst noch das Wasser aus der Leitung nicht allein vom Metzger oder vom Bauern oder aus der Molkerei oder dem Wasserwerk rühren, sondern im Ursprung Geschenk Gottes sind. 
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Daß all dies leicht und rasch verfügbar (man ist ja froh drum), daß wir nicht erst nach Wasser graben müssen und es herbeitragen, daß wir Rind und Schwein nicht selbst füttern und Korn und Obst und Gemüse nicht selbst säen müssen und wachsen sehen, daß wir auch nicht fürchten müssen, es könnte womöglich nicht wachsen oder vor der Ernte zunichte werden - diese "Distanz" zur Gabe Gottes, die uns hier so reich zufließt, kann dazu führen, daß der Geber nach und nach aus dem Blick rutscht.
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Durch Wendelins Fürsprache bleibe uns das tägliche Brot nicht allein erhalten (es werde auch jenen zuteil, die daran darben), sondern sie helfe zudem, nie zu vergessen, wer uns diese Gaben schenkt ... ora pro nobis!
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Darstellung des hl. Wendelin in der Pfarrkirche St. Benedikt zu Eisenbach im Schwarzwald.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Vom Leiden, das der Glaube bringt

Auf dem Weg von Basel nach Freiburg (Zeit hatte man heute ja wahrlich genug, wenn man mit der Bahn fährt) las ich die Erzählung Die dunkle Nacht von Reinhold Schneider, geschrieben 1943. Schneider nähert sich darin der Gestalt des hl. Johannes vom Kreuz an und zeichnet ein Bild jener Monate, in denen der Heilige - unter dem Vorwurf, gemeinsam mit der hl. Teresia von Ávila Verwirrung zu stiften und Häresien Vorschub zu leisten - in ein enges Verlies geworfen worden war, das Damoklesschwert einer kirchlichen Verurteilung stets über dem Haupt. Ich möchte auf eine Szene zu sprechen kommen, die ein Thema berührt, das mich immer wieder einmal beschäftigt:
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Macht "Glauben" unser Leben, unsere Lebenszeit wirklich glücklicher, reicher, ausgeglichener, besser, schöner, erfolgreicher, harmonischer, geradliniger oder was auch immer sonst an Annehmlichkeiten damit verbunden werden mag ... wie das zuweilen gesagt wird, manchmal unterschwellig, manchmal offen und deutlich, beinahe im Sinn eines "Erfolgsevangeliums"? Ja -stimmt denn der Satz, daß nicht allein sei, wer glaube, wirklich? Natürlich tut er das im Letzten. Aber stimmt er - noch vor diesem Letzten - auch in unserem Herzen? Ich müßte nun lügen, wollte ich behaupten, ich könnte es für jeden Augenblick meiner Glaubensbiographie beschwören.
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Wer glaubt, kann sich durchaus zuweilen alleingelassen sehen, von Gott wie von seinen Mitchristen, so geht es mir jedenfalls. Gründe mag es viele geben; gewiß ist die Verstrickung in die Sünde ein sehr bedeutender Grund, daß Gott uns unheimlich fern scheint - aber sind nicht das die Momente, wo wir seiner Nähe besonders bedürfen? Zumal, wenn wir zu ihm zurückkehren wollen, an die Tür klopfen, aber niemand da zu sein scheint, der uns auftut, allen Verheißungen zum Trotz? 
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Gott ist nicht verfügbar, müssen wir dann lernen ... wir können ihn nicht mit Schriftworten herbeizitieren, ihn auch nicht festnageln auf das, wovon wir denken, er müsse doch dieses oder jenes jetzt an uns tun, weil es unseres Dafürhaltens das Beste sei. Das erleben wir sowohl im Bereich unserer geistlichen Regung, vielleicht auch in unserer materiellen Existenz - Wo bist Du, Gott? Ich brauche Dich. Jetzt ... "Warum doch stehst Du so fern, o Herr, verbirgst Dich in Zeiten der Not?" (Ps 9, 22).
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Reinhold Schneider läßt Johannes vom Kreuz auf den Prior des Klosters treffen, in welchem der Heilige gefangen gesetzt ist; dabei konfrontiert der Prior seinen Häftling mit einigen Einwänden, die dem Reformwerk, das Johannes mit der hl. Teresa begonnen hat, gelten:
"... Wo die Gnade ist, da müßte auch Friede sich ankündigen; das Buch, in dem die Nonne von Ávila ihr Leben beschrieb, liegt vor dem geistlichen Gericht. Im Widerspruch zur Verkündung könnte es uns lehren, daß kein Friede auf Erden ist. Was aber zeugt vom Himmel, wenn nicht der Friede?" - "Wo Gnade ist", antwortete Johannes, "da ist namenloses Leid". (S. 16).
Wo Gnade ist, da ist namenloses Leid: Ich weiß nun nicht, ob Schneider diesen Satz aus den Schriften des Johannes vom Kreuz entnommen oder dem Heiligen nur in den Mund gelegt hat. Aber das tut hier letztlich nichts zur Sache, denn ich glaube, in diesem Satz eine tiefe Wahrheit zu hören. Wo Gnade ist, da ist namenloses Leid ... namenlos, weil dieses Leid unüberschaubar vielgestaltig ist und es jedem auf je eigene Weise widerfährt. Ich kann es womöglich aus meiner Wahrnehmung heraus benennen, aber nicht in ein Wort fassen, das für alle gelten könnte. Fest aber steht wohl: Der Glaubende kommt nicht daran vorbei, denn es gibt keine Gnade, die uns nicht irgendwann zum Kreuz führt, zum Kreuz in meinem Leben, zum Kreuz in der Ekklesia, zum Kreuz im geschichtlichen Lauf dieses Aion: zum Kreuz, an dem selbst der Sohn Gottes angefochten war: Eli, Eli, lema sabachtani (Mt 27, 46).
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Mit diesem Augenblick werden wir immer wieder konfrontiert; unser Glaube bewahrt uns nicht davor, sondern führt ihn erst herauf. Und vielleicht sind wir gerade dann und in diesem Augenblick auf einem Weg, wie wir ihn selbst und besser niemals finden könnten und beschreiten würden, und doch ist es jener Weg, der uns mit Gott eint. Es scheint freilich zu diesem "namenlosen" Leid auch zu gehören, daß uns gerade dann dieser Gedanke so unfassbar fremd, so unbegreiflich ist. 
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Bitten wir Gott, daß wir dann nicht daran irre werden.
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Reinhold Schneider: Die dunkle Nacht. Erzählungen. Freiburg 1960. Die erste Seite der genannten Erzählung ist hier bei Elsa zu lesen.

Das BamS!

Heute zu einem Fest ursprünglich portugiesischen Herkommens - dem Fest Unserer Lieben Frau von der Reinheit; dazu die dem Meister H.L. zugeschriebene Marienkrönung vom Hochalter der Kirche St. Michael zu Niederrotweil am Kaiserstuhl:
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Samstag, 18. Oktober 2014

Bestechendes aus dem Wäschekorb

Vor einigen Tagen brummte ein ansehnlich Tier aus der Familie der Vespidae durch die Wohnung. Was nun passieren kann, hortet man getrocknete Wäsche junggesellig zusammengeworfen im Korb statt gefaltet im Schrank, habe ich heute morgen erfahren. Ich griff mir ein Leibchen, zogs mir über und spürte einen Stich in der Brust. Derweil ich das Unterhemd hochschob, purzelte eine Wespe heraus, bemerkenswert groß und mächtig ... wohl der Brummer von neulich ... eine junge Wespenkönigin? Im Wäschewust, hochgeadelt zum Winterquartier?
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Wir waren danach wohl beide etwas daneben. Während ich den Stachel suchte, der in solchem Fall ja nicht vorhanden, beömmelte sich das Tierchen auf dem Fußboden. Ich habe es dann eingefangen und nach einer Weile an die Luft gesetzt, wo es sich rasch aus dem Staub machte ... und womöglich kann ich jetzt von mir behaupten, daß ich einen Stich habe, einen königlichen gar.
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Draußen wartete derweil ein wunderbarer Herbsttag ...
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Freitag, 17. Oktober 2014

Mal wieder was vom King

Kann es sein, daß sogar in dieser Sache sehr unverdächtige Spiegel-Archivare in den Tiefen des ansonsten sturmgeschützten Unterbewußten aus dem größten theologischen Ego aller unserer Zeit den größten Affentheateraffen King Kong machen? Woran könnte das nur liegen?
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Screenshot aus dem Spiegel-Heftarchiv von hier.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Der Heilige und die Problembären

... Zum Unterschied von Kolumban sprach Gallus fließend alemannisch, was ihm zu großem Vorteil wurde. Er ließ sich im Steinachtal, wo heute St. Gallen steht, nieder und gründete 613 das gleichnamige, für Kunst und Wissenschaft und die gesamte Kultur Europas sehr wichtige Kloster. Nach der Überlieferung hing er seine Reliquienkapsel an einem Dornengestrüpp auf und pflanzte das Kreuz auf den Hügel. Ein Bär, der während der Nacht die Reste der Mahlzeit aufzehrte, mußte nach der Legende dafür Holz herbeischaffen. Gallus wird deswegen oft mit einem Bären dargestellt. Schlangen mußten von der Stelle weichen, wo der Mönch seinen Wohnsitz aufschlagen wollte. Der Herzog Gunzo hörte von ihm und ließ ihn zu seiner, von einem Dämon geplagten Tochter bitten. Gallus befreite sie von dem bösen Geist ...
Heilige, die sich mit Bären abgeben, sind mir besonders sympathisch. Bären sind faszinierende Tiere, freilich mit Vorsicht zu genießen. Durch seine Fürbitte unterstütze der hl. Gallus heute besonders Kardinal Burke und dessen Mitstreiter in der Auseinandersetzung mit einigen römischen und synodalen Problembären ... ora pro nobis!
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Das Bild zeigt den hl. Gallus auf einer Prozessionsfahne der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Wittnau bei Freiburg. Das Zitat ist entnommen aus: Richard Dold: Gottesfreunde am Oberrhein. Freiburg 1949. S. 16 f.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Eine Hand voll Korn

hl. Theresia von Avila - Ringsheim, St. Johannes Baptist
Friede? Es gibt kaum eine Gewißheit. Denn immer wieder wird der Glaube an die Sendung erschüttert, ja erstickt, sobald er erwachen will. Die Sendung bestätigt sich im Leiden, im unablässigen Zweifel. Später wird man gerade an seiner Verzweiflung den Auserwählten erkennen; dann, wenn er sie ganz durchlebt hat. Hier kann es keine Rettung geben, keine gesucht werden; gerade die Rettung würde gefährlich, hinderte die Vollendung. Dieser Gipfel steigt an wie der Berg Peña Lara in der Guadarrama, der in einer Mulde noch im Juni und Juli unter glühender Sonne den Schnee, das Eis der Verweiflung bewahrt.
Dennoch erwartet den Mystiker ein Glück. Es ist das Glück der Blitze. Das Leben rollt sich für Momente ab. Aus der schweren Garbe eines Daseins, dem vollen Bündel der Jahre, rinnt eine Hand voll Korn. Wieder gilt die Zeit nicht als Maß. Vielleicht ergäbe sich, wenn man die höchsten Momente des Lebens zusammentrüge, ein Tag, der ganz voll unendlichen Lebens ist. Aber dieser Tag ist zeitlos, wie alle Augenblicke, die ihn bilden, zeitlos sind. Wie lange dauert die Unio, die Vereinigung mit Gott, für die der Mystiker lebt? Minuten, von deren Feuer die ganze Last toter vorbereitender Jahre verschmilzt. Als Gegenwärtiger, Begrenzter teilzuhaben am Unendlichen, ist die einzige Rechtfertigung des Lebens. Das Glück, vor dem jedes Glück zergeht, ist die Zeitlosigkeit in der Zeit.
Vor diesen Augenblicken, die die Zeit entwaffnen, hat das Leiden keine Bedeutung mehr; sie treiben unwidersprechlich zum Ja. Und wenn die Heilige, vom Licht getroffen, auf den steinernen Boden stürzt; wenn sie, in der Qual der Scham, nach ihrem Erwachen die Blicke Fremder, so unsagbar Fremder ertragen muß; wenn sich, wider ihren Willen, gegen alle ihre Anstrengungen und Gebete, immer sichtbarer das Zauberlicht der Ekstase um sie verbreitet und die Welt sich zu einer neuen Feindschaft rüstet, so führt sie dies alles nur sicherer zum großen Augenblick hin. Von nun an kann sie nicht mehr ganz unterliegen, wenn auch der Kampf nicht schweigt. Mitten in der Verfolgung der Welt, für die sie betet, die nichts mehr haßt, als das Zeichen des Außerordentlichen, lebt sie demütig der neuen großen Stunde entgegen.
Reinhold Schneiders Worte über Teresa von Àvila mag ich hier jetzt nicht näher kommentieren; über das Phänomen dieser Heiligen hinaus rührt er mir hier und da an einige Saiten, die in diesen Tagen verstimmt klingen (und keineswegs sind immer "die anderen" daran schuld). Die heilige Teresa wirke uns durch ihre Fürsprache die Hilfe Gottes auf dem Weg zur Vereinigung mit ihm ... ora pro nobis!
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Reinhold Schneider: Philipp der Zweite oder Religion und Macht. Leipzig (2) 1938. S. 143. - Das Bild der hl. Teresa ist in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Ringsheim in Baden zu finden.