Sonntag, 31. August 2014

Der wahre Weg zum Paradies

Odo Casel OSB
So zeigt uns der Gekreuzigte den Weg zum Vater der Liebe. Von der Welt ist er erhöht, getrennt; er hat nichts mehr von dieser Welt an sich; deshalb hat Satan, der Fürst dieser Welt, keine Gewalt über ihn, wie der Herr selber bei Johannes sagt: "Et in me non habet quidquam - Nichts an mir ist von ihm" (Joh 14, 30). 
Der Herr ist frei, rein, wahrhaft arm im Pneuma, ganz Demut und Gehorsam. Er ist auf dem Wege zum Himmel. Noch hängt er in Schmerzen zwischen Himmel und Erde. Aber der Himmel wird sich auftun, um ihn verklärt aufzunehmen. 
Tot der Welt, lebt er für Gott.
Der Gekreuzigte zeigt uns so das wahre Ziel des Menschen. Es ist nicht der Genuß dieser Welt, nicht Genuß des Leibes, Genuß der Macht und des Reichtums, Ehre vor der Welt; auch nicht irdische Liebe und Wohltätigkeit, Dienst an der Menschheit oder was immer es sein mag. Nein, das Ziel ist Gott, er, dem unser ganzes Sein, unsere Liebe, unsere ganzen Kräfte gehören, ausschließlich gehören.
So wird der Gekreuzigte zum exemplum, zum Vorbild unseres wahren und ewigen Berufes, nämlich rein und ungeteilt der göttlichen Liebe zu dienen und durch Reinheit und Gehorsam in diese Liebe einzugehen. Denn wenn Jesus schon zu dem reumütigen Schächer sprach: "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein", wieviel mehr muß er dann selbst vom Kreuze aus in die Arme des Vaters eilen. 
Vom Kreuze ins Paradies, welch wunderbarer und doch naturgemäßer Weg! Denn das Kreuz hat ja die Sünde, die uns aus dem Paradiese stieß, getilgt; nun ist das Paradies durch das Kreuz neu erschlossen. Wessen Liebe gekreuzigt ist, der darf wieder in das Paradies Gottes eintreten, in dem jetzt keine Schlange mehr schleicht, keine Prüfung mehr droht. Dieses Paradies ist ewig.
Aus einer Ansprache von Odo Casel OSB zum Fest Kreuzerhöhung 1928 in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn [nach 1954]. S. 61 f.

Das BamS!

... die Auf- und Umräumaktion, aus deren Umtrieb die vor einigen Tagen präsentierte "Hersteller Ecke" hervorgegangen ist, hat auch einen Ort geschaffen, an dem man beten und geistlich gut oder weltlich lesen und arbeiten kann. Um 90 Grad vom Rechner abgewendet, hügeln sich mir jetzt nicht mehr wildwuchernder Weise Bücher und Blätter und allerhand Kram und Schnick und Schnack auf. Stattdessen:
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Samstag, 30. August 2014

Liebe aus göttlicher Tiefe

Odo Casel OSB
Dieser Mensch aber hat sich aus Liebe kreuzigen lassen. Ein anderer hatte den schrecklichen Tod verdient - ER hat ihn auf sich genommen (...) Selbst für die Guten stirbt kaum einmal jemand, ... Christus aber ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren (Röm 5, 6-8). Welche Liebe mußte in diesem Menschen brennen, der für die Sünder starb, für jene, die ihn kreuzigten, der am Kreuze noch für sie betete! Solche Liebe ist etwas der Welt Unbegreifliches; nur aus göttlichen Tiefen konnte sie hervorquellen (...). 
Wahrlich, der Gekreuzigte ist die erschütterndste Offenbarung der Liebe Gottes. Gott liebt seine eigene Liebe; deshalb mußte er an seinem geliebten Sohne die durch die Sünde der Menschen beleidigte Liebe rächen. Gott liebt aber auch die Welt, und so sehr, "daß er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht untergehe, sondern das ewige Leben habe" (Joh 3, 16) Welches exemplum ist also der Gekreuzigte für die echte, wahre, tatkräftige Liebe! Für die Liebe, die nicht sich sucht, sondern den Willen der göttlichen Liebe erfüllt!
Aus einer Ansprache von Odo Casel OSB zum Fest Kreuzerhöhung 1928 in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn [nach 1954]. S. 61.

Herrgottswinkel und Teufelskapelle

Auch der Levit geht vorüber. Er mag ähnliche Überlegungen bei sich angestellt haben. Vielleicht hatte er abends einen Vortrag über die Nächstenliebe in Jericho zu halten. Er rechnete schnell und genau: Halte ich mich bei dem armen Wicht auf, dann fällt mein Vortrag aus. Hier würde ich einem helfen, mein Vortrag über die Nächstenliebe aber würde den Anstoß zur Gründung eines ganzen Samaritervereins bilden. Ergo: Das Rechenexempel ist eindeutig. Der Teufel ist immer ein guter Mathematiker und leistet sich keinen logischen Schnitzer.
Und der Levit merkt über dieser Teufelsmathematik gar nicht, daß er auf zwei verschiedenen Gleisen fährt: daß er um seines Vortrages über die Nächstenliebe willen den Nächsten in seinem Elend sitzen läßt; daß er Gott dienen will und ihn in seinen Kindern schändet, daß er betet und seinem Herrn ins Angesicht speit.
Darum ist das zweite Gebot der Nächstenliebe: Kontrolle unseres Lebensraumes! Bestandsaufnahme, ob im Hause unseres Lebens der Herrgottswinkel nicht durch eine hauchdünne Wand von der Teufelskapelle getrennt ist. In unseres Herzens Hause sind viele Wohnungen - unheimlich viele. Es liegen tolle Dinge dicht nebeneinander.
Helmut Thielicke: Das Bilderbuch Gottes. Reden über die Gleichnisse Jesu. Stuttgart 1957. S. 253.

Freitag, 29. August 2014

Die Gekreuzigten

Odo Casel OSB
... Das Elend der ganzen Welt scheint zusammengeballt in einem gekreuzigten Menschen. Die Erde hat ihn von sich gewiesen; er schwebt über dem Boden, der seinen Füßen keinen Standort mehr bietet. Nur das dürre Holz ist ihm geblieben, nicht als Stütze, sondern zur Marter. Auch der Himmel nimmt diesen Menschen nicht auf, er hängt zwischen Himmel und Erde. 
Nur die Sonne brennt auf ihn herab, nicht um ihn zu erleuchten, zu wärmen, die vergrößert vielmehr seine Qual, sie dörrt ihn aus. Er ist ausgespannt und angenagelt. Jede Bewegung verursacht ihm unendliche Schmerzen. Nackt hängt er am Kreuze, ausgesetzt den Blicken aller, allen zum Hohn, verlassen von allen, ein Spott aller. Er hat nicht einmal eine Stätte, wohin er zum Sterben sein Haupt legen kann. Hoch in den Lüften muß er sterben; sein Haupt sinkt ins Leere hinab ...
Aus einer Ansprache von Odo Casel OSB zum Fest Kreuzerhöhung 1928 in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn [nach 1954]. S. 60.

Enthauptung - damals und heute

Enthauptung des Täufers - Filialkirche St. Michael, Niederrotweil
Sævit in hunc vis tyranni;
Laus adcrescit hinc Iohanni,
Tyranno supplicium; 
Stultus servit sapienti, 
Quia iustus in præsenti 
Purgatur per impium.
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Wie auch Königs Macht ertobe, 
Seht, Johannes reift zum Lobe,
Doch zu Qualen der Despot;
Blindlings dient der Tor dem Weisen,
Reinheit schwebt zu höhern Kreisen,
Da Verderbtheit sie bedroht.
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... eine Strophe aus einer Sequentia des Adam von Sankt Viktor zum heutigen Fest der Enthauptung des Täufers. Das erinnert uns nicht nur an einen Geburtstag in die Herrlichkeit Gottes hinein, sondern auch an die Christen im Nahen Osten, denen verderbte, despotische Toren unserer Tage (was fast zu harmlos klingt für die muslimischen Schlächter im Irak und in Syrien) den Kopf abgeschlagen; von Vergewaltigung, Vertreibung, Slaverei ... von all den anderen zahllosen Qualen ganz zu schweigen. 
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Vergessen wir das nicht - zumal man sich schleichend an den Schrecken in Bildern und Nachrichten gewöhnen kann: Der hl. Johannes rüttle uns auf und helfe den Verfolgten durch seine Fürsprache ... ora pro nobis!
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 Adam von Sankt Viktor: Sämtliche Sequenzen. Einführung und formgetreue Übertragung von Franz Wellner. München (2) 1955. S. 261. Im Bild der Ausschnitt eines Johannes-Altarblatts in der Filialkirche St. Michael zu Niederrotweil am Kaiserstuhl.

Donnerstag, 28. August 2014

Hinüberfinden

Vom Augustinus-Wort aus dem vorausgehenden Beitrag fanden sich in meiner Notiz noch die folgenden Sätze:
Nimmer ruht noch schweigt Dein Schöpfungsall in Deinem Lob, nicht der Menschengeist, der durch den Mund sich an Dich wendet, nicht die beseelte, noch die unbeseelte Natur, die da redet durch den Mund ihrer Betrachter; auf daß sich unsere Seele, gestützt auf die Dinge, die Du erschaffen, aus ihrer Schlaffheit nach Dir recke und zu Dir, der Du dies alles wunderbar erschaffen, sich hinüberfinde – und dort ist ihre Erquickung und die wahre Kraft (Confessiones 5, 1).
Wenn wir beten, dann bringen wir uns also nicht nur selbst in Anbetung, Lob und Bitte zum Ausdruck, sondern werden zur Stimme des Schöpfungsalls, das uns trotz der Verwundung durch die Sünde immer wieder staunen lassen, aus dieser Verwundung heraus auch zittern machen kann: "Die süchtige Erwartung der Schöpfung geht auf die Offenbarung der Söhne Gottes", schreibt Paulus (Röm 8, 19), und diese Sehnsucht spricht sich in unserem Beten aus - am höchsten und edelsten im Gebet der Ekklesia, der heiligen Liturgie. Und umgekehrt wird dieses Schöpfungsall im Lob Gottes zum eigentlichen kósmos, erstrahlt in der Ordnung, im Schmuck und im Glanz der Gottesherrlichkeit.
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Finden wir uns hinüber ...

Hinhalten und schauen

hl. Augustinus - Klosterkirche St. Märgen, Hochaltar
Gerade dieser Tage fiel mir beim Aufräumen ein Zettel in die Hände, auf dem ich mir einen Abschnitt aus den Confessiones des hl. Augustinus notiert hatte, aus dem ersten Kapitel des 5. Buchs:
... Denn wer sich Dir bekennt, der lehrt Dich nicht erst, was in ihm vorgeht: das Herz, das sich verschließt, schließt ja nicht Dein Auge weg, und keine Starre des Menschen hält Deine Hand ab, denn Du machst sie schmelzen, wenn Du willst, ob erbarmend oder rächend, und niemand ist, der vor Deiner Glut sich bergen könnte ...
Zwei, drei Gedanken, die Grundstimmungen in mir anschlagen, möchte ich aus diesem kleinen Text herausheben. Da ist das Wort von der Unbedingt- und Unverstelltheit, mit der Gott auf und in unsere Existenz, auf und in unsere Verfassung samt deren Verwerfungen blickt - hinein bis in jeden letzten, für uns selbst in seiner Tiefe unschaubaren und unfasslichen Grund. Wir kennen das aus Versen des Psalms 136:
Meine Gedanken erkennst Du von fern; (...) all meine Wege sind Dir kund. Und ist mir ein Wort noch nicht auf die Zunge gelangt: sieh, o Herr, schon kennst du es ganz. (...)
Wohin könnte ich gehn, von Deinem Geiste fort? Wohin fliehen vor Deinem Angesicht? Steig ich zum Himmel hinauf, so bist Du dort; bette ich mich in die Unterwelt, siehe, auch da bist Du. Nehm ich die Flügel der Morgenröte, laß ich mich nieder am Ende des Meers, wird auch dort Deine Hand mich führen, Deine Rechte mich halten.
Spreche ich aber: "so soll die Finsternis mich überdecken, Nacht mich umgeben an Stelle des Lichts" - noch die Finsternis wird Dir nicht dunkel sein; wie der Tag wird die Nacht Dir erstrahlen, und die Finsternis ist Dir wie Licht.
Es gibt nun nichts in uns, was Gott nicht durchschaut. Wir sind - auch in unserer Geschichtlichkeit, im Jetzt und in unserem Herkommen samt den Auslösern für jedwedes aktuelle Verhalten, für ihn transparent. Wir können unser Herz vor ihm nicht abschließen. Im Bild oben gefällt mir darum besonders diese Geste, in welcher der Heilige sein Herz Gott geradezu hinhält. Und dieser Gott ist unser Richter - ob "erbarmend" oder "rächend" hängt davon ab, wie weit wir uns selbst aufschließen, um Gottes Blick auf uns zu teilen, uns zeigen zu lassen, wo Gnade in uns fruchtbar und Leben neu werden und wachsen kann.
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Oder, um nochmals auf diese Darstellung des hl. Augustinus zu schauen: Erst indem er sein Herz von sich weg- und Gott hinhält, kann der Mensch selbst auf dieses sein Herz blicken - soll heißen: sobald er es aus der Enge einer nur um sich selbst kreisenden Existenz befreit, es aus dem Kontext einer Welt heraus-hält, die sich ebenfalls nur um sich selbst dreht.
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Das Wort von Gott, vor dessen Auge wir nichts wegschließen können, birgt für den glaubenden Menschen aber auch einen großen Trost. Romano Guardini schreibt davon, ausgehend von einem Wort aus dem 1. Johannesbrief (3, 19):
"Wenn unser Herz uns anklagt, so ist Gott größer als unser Herz, und weiß alles".
Abgründig ist das Wort. Aber seine Tiefe kommt nicht aus dem, was gedacht werden kann. Es spricht von der "Anklage des Herzens". Die meint nicht nur, daß der Verstand uns sage: das hast du falsch gemacht! Nicht nur, daß unser Gewissen uns vorwerfen: hier hast du Unrecht getan! Sondern das Herz klagt an, und das ist mehr. Aus der Anklage des Verstandes kommt die schmerzende Klarheit der Einsicht. Aus der Anklage des Gewissens kommt das bittere Überführtsein der Schuld. Beides legt eine Last auf den Menschen. Aus der Anklage des Herzens kommt mehr. Etwas, was ganz anders nahegeht, was ganz anders wehtut. Eine ganz andere Traurigkeit steigt aus ihr empor.
Womöglich kennen hier manche diese Anklage des Herzens ... etwa im dämmernden Erwachen aus dem Rausch der Sünde, nach einer Tat, die nicht hätte geschehen dürfen und der man sich trotz allem ergeben hat. Guardini schreibt weiter:
Der eigentlich anklagt in der Anklage des Herzens, ist Gott selbst. IHM ist Unrecht geschehen. Dem heiligen, zarten Leben, das er im Herzen erweckt hat; dem heiligen Vertrauen, das er mit seinem Kinde geknüpft hat ... Was soll da helfen? 
Johannes sagt: "Wenn unser Herz uns anklagt, so ist Gott größer als unser Herz" ... Hörst du, woher diese Antwort kommt? Daß sie aus der gleichen Tiefe kommt, wie die Anklage selbst? (...)
Das Johanneswort ist unsäglich tief. Seine Tiefe liegt nicht im Denkbaren. Sie kommt von anderswo. Sie ist nicht zu ermessen, und darum ist sie immer neu. Denken wir doch einmal die Sätze "Wenn unser Herz uns anklagt, dann ist Gott größer als unser Herz" - und nun, was erwarten wir nun? Etwa "und wird es trösten". Oder: "wird das Leid leichter machen". Da steht aber: "Und er weiß alles".
Hier schiebe ich jetzt einen Satz aus dem eingangs zitierten Abschnitt der Confessiones dazwischen: "... wer sich Dir bekennt, der lehrt Dich nicht erst, was in ihm vorgeht". Nun zurück zu Guardini - Gott weiß alles ...
Dieses Wissen hat die Helle der Sonne und stellt alles in die volle Wahrheit seines Seins. Dieses Wissen hat die Tiefe des Meeres, in dem alles versinkt. Und es hat das unendliche Umfangen der Liebe, in dem sich alles löst.
In dieser Liebe lösten sich einst die unzähligen Irrwege, von denen uns die Confessiones berichten. Mit seiner Fürsprache helfe nun uns der hl. Augustinus, dessen Fest die Ekklesia heute feiert, auf den Weg eines Herzens, das seine Ruhe finde in Gott, der auf uns schaut und alles weiß ... ora pro nobis!
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 Guardinis Worte sind der Ansprache Das Herz und Gott entnommen - in: Romano Guardini: Vom lebendigen Gott. Mainz (2) 1987 (erstmalig 1936 erschienen). S. 41 ff. - Das Standbild des hl. Augustinus ist am Hochaltar der Wallfahrtskirche zu St. Märgen im Schwarzwald zu finden.

Mittwoch, 27. August 2014

"Hersteller Ecke"

Kürzlich kam ein anonymer Kommentar, der mich sehr gefreut hat:
... Vergelt's Gott! ... Es ist schön, dass in der derzeitigen Wüste, durch die die Kirche geht, Stimmen wie die Odo Casels, Aemiliana Löhrs und anderer nicht ganz verstummen ...
Ich sage meinerseits von Herzen Vergelt's Gott für das aufmunternde Wort! Es hat sich auch ganz praktisch gut ausgewirkt und mich mit auf Trab gebracht, endlich einmal meinen Rechnerwinkel auszumisten, aufzuräumen und dabei Bücher, die mir besonders wichtig sind, künftig in Griffnähe zu halten. Dabei ist die "Hersteller Ecke" entstanden, sozusagen benannt nach der Benediktinnerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz zu Herstelle, wo Odo Casel OSB als Spiritual wirkte. Dessen Schriften, sofern ich ihrer bisher habhaft werden konnte, und die Publikationen jener Schwestern, die seine geistlichen Töchter geworden sind (wie die oben erwähnte Ämiliana Löhr OSB) sind nun in dieser Ecke versammelt ...
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Dienstag, 26. August 2014

Sententiæ LXVII

Darum sind alle Träume und Sinnbilder für die Menschen nur undeutlich, nicht infolge der Mißgunst Gottes (denn es ist unrecht, sich Gott von solcher Regung erfüllt vorzustellen), sondern damit das Suchen sich bemühe, in den Sinn des Rätselhaften einzudringen und so zum Finden der Wahrheit aufzusteigen.
hl. Clemens von Alexandrien

Montag, 25. August 2014

Zur Titelseite dieser Seite

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Ins Postfach flatterte vorhin die Frage, was es mit dem Text in der jüngst etwas umgestalteten Titelleiste dieser Seite auf sich habe und was das deutsch heiße? Der Text rührt - und damit der Name Pro Spe Salutis ("Für die Hoffnung auf das Heil") - aus dem Canon Romanus, dem Hochgebet in der außerordentlichen Form des römischen Ritus (OR: erstes Hochgebet); es handelt sich um einen Abschnitt aus der Commemoratio pro vivis, dem Gebetsgedenken an die Lebenden.
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Die Übersetzung läßt sich entweder im Schott, im Bomm oder auch im alten Gotteslob (Nr. 367) finden. Das neue Gotteslob verzichtet auf die Wiedergabe sämtlicher Hochgebete mit Ausnahme des kurzen zweiten (und spiegelt damit die oft anzutreffende liturgische Realität hierzulande unfreiwillig wieder), der deutsche Text im Vorgängerbuch ist wiederum an einer Stelle (tendenziös?) irreführend, wenn pro spe salutis, et incolumitatis suæ mit "für ihre Hoffnung auf das unverlierbare Heil" übersetzt wird. Selbst wenn man sich dieser Auflösung der Satzglieder anschließen möchte, bleibt das Heil "unversehrt" und nicht  - eine anthropozentrische Akzentverschiebung (?) - "unverlierbar".
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Eine vierte Übersetzung der vollständigen Commemoratio möchte ich noch anfügen. Auch sie ist recht frei gestaltet, aber historisch allemal interessant:
Gedenke, o Herr! auch deiner Diener, und Dienerinnen (hier kann man derjenigen benanntlich gedenken, die man im heiligen Gebethe einschließen will) und aller Gegenwärtigen, deren Glauben und Andacht vor deinen Augen nicht verborgen ist, für die wir dir opfern, für sich und für alle die ihrigen: zur Erlösung ihrer Seelen, zur Erhaltung ihrer Seligkeit, und Wohlfahrt. Gedenke aller derer, die dir ihre Gelübde darbringen, dir ihrem ewigen, lebendigen und wahren Gott.
Die letztgenannte Übersetzung ist entnommen aus: Katholischer Gottesdienst nach dem römischen Meßbuch, das ist, andächtige Gebethe bey Anhörung der heil. Messe an Sonn- und Festtagen. Erster Theil vom ersten Adventsonntag bis auf den Aschenmittwoch. München 1795. S. 157 - online hier zu finden. - Das Bild in der Titelleiste zeigt einen Blick in die Kuppel des Domes zu St. Blasien im Schwarzwald mit einem Fresko von Walter Georgi: Die Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel.

Aber das schmeckt mir auch nicht ...

In traditionsfrohen Kreisen ist es immer ein wenig wohlfeil, Kritik am Verhalten oder an Worten oder Fratzbuch-Einträgen unserer Hirten zu üben. In der Regel stellt sich mehr Beifall als Widerspruch ein. Nachdem ich gestern die Aussage vom "Vorsitz in der Heiligen Messe" zu zerlegen versucht habe, übe ich mich nun ein wenig in Kritik am eigenen Stall:
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Dieser Tage hörte ich nämlich erneut eine Behauptung, bei der mir ebenfalls die Haare zu Berge stehen: Da hieß es einmal mehr, wir – also die Alte-Messe-Molchschaft – feierten mit dem außerordentlichen römischen Ritus "die Messe aller Zeiten", die "Messe, wie sie die Kirche immer gefeiert" habe. - Was soll, was kann damit gemeint sein? Und was schmeckt mir an dem Satz so überhaupt nicht?
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Zum einen steht die Gefahr im Raum, daß einige Gemüter schlicht denken: Die Eucharistia hätte – wohl bald nach dem Pfingsttag – quasi mit dem Stufengebet begonnen und wäre mit dem Schlußevangelium beendet worden. Man mag mich schelten und sagen, das würde doch kaum jemand so glauben. Leider bin ich bereits Zeitgenossen begegnet, die das en gros geglaubt haben – kam (zu allem Übel) en detail noch ein besonderer missionarischer Eifer für diese "Messe aller Zeiten" dazu, so war der Bärendienst nahezu perfekt, den man der Sache erweisen konnte.
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Noch ein anderes schwarzes Loch tut sich auf: Wenn wir behaupten – und es schwingt ja gerne das Moment einer gewissen Exklusivität mit – die "Messe aller Zeiten" zu feiern, was feiern dann eigentlich die anderen? Was tun die Byzantiner, wenn sie die Liturgien des hl. Chrysostomus oder des hl. Basilius feiern? Und was tut der Priester, der die Heilige Messe getreu nach dem Missale Pauls VI. feiert?
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Überraschung! Diese Anderen feiern ja auch "die Messe aller Zeiten" – jedenfalls dann, wenn man das Wort auf den einzig vertretbaren Inhalt zurückführt, den man mit dieser Aussage redlich verknüpfen kann: Denn wo immer das Opfer Christi in rechter Ordnung (!) gefeiert wird, wo immer sich die Ekklesia unter dem Kreuz sammelt, wo immer das Mysterium paschale in die Zeit eingeholt wird, wo Brot und Wein in Leib und Blut Christi gewandelt und zum Vater empor gehalten werden, wo immer unsere irdischen Liturgien in eins gehen mit der Liturgie des Himmels: Überall dort wird "die Messe aller Zeiten" gefeiert, und zwar so, wie sie "die Kirche immer gefeiert hat": ob in diesem oder jenem Ritus, ob auf lateinisch oder griechisch ... oder meinetwegen auch auf deutsch.
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Das soll nun nicht heißen, es seien all diese Riten und Formen von gleicher Güte. Es wird hier niemanden wundern, daß ich – von meiner abendländischen Warte aus - den außerordentlichen römischen Ritus dem ordentlichen aus mannigfachen Gründen (theologisch, spirituell, rituell, soziologisch) vorziehe, mir "tridentinisch" lieber ist als "nachkonziliar". Der außerordentliche römische Ritus ist aber (historisch gesehen) keineswegs "die Messe aller Zeiten, wie sie die Kirche immer gefeiert hat": er ist es im guten Sinn "nur" so, wie man es dann auch anderen Riten bescheinigen kann und muß. 
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Vom Standpunkt des Historikers aus betrachtet ist die "Alte Messe" ein 1570 (übrigens nach liturgiewissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit) kodifizierter Ritus, der einen apostolischen Kern enthält, dessen konkrete rituelle Entfaltung wahrscheinlich im dritten und vierten Jahrhundert erfolgte und dem spätere Zeiten, vor allem das fränkische Mittelalter, noch manches Element beigefügt haben. 
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Dies anzuerkennen läßt diesen Ritus keineswegs weniger ehrwürdig erscheinen: er ist heiliges Erbe von Generationen und hat Generationen geheiligt – und tut dies bis heute. 

Sonntag, 24. August 2014

Urlaub mit Vorsitz

Den Passauer Bischof Stefan Oster mag ich derzeit gerne sehen und hören - und ich nehme an, daß ich damit im traditionsfrohen Teil der Blogozese nicht ganz allein auf weiter Flur stehe (von daherbrausenden Geistzungen vielleicht einmal abgesehen). Nun denn - gerade weil ich Bischof Oster schätze, hat es mich vorhin geschüttelt, als mir per Fratzbuch folgender post auf den Schirm wanderte:
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Die Predigt sich durchzulesen ist kein Schaden; bei Fratzbuch kann man sich per Suchfunktion dahin klicken. Zudem hoffe ich, daß sich Bischof Oster gut erholt und Kräfte tanken kann für sein Amt. Also: Schöne Ferien - schöne Predigt! Aber die Einleitung ...
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"Vorsitz in der Hl. Messe" - die Formulierung stammt aus dem tiefsten Mesozän der Konzilsgeisterei: eines der besonders mißratenen Bilder für die Stellung des Priesters im eucharistischen Mysterium. Vorsitzende gibt es bei den Kaninchenzüchtern und in Konzernen, vor Gericht auch, in China bei der Kommunistischen Partei und im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken sowieso. Die Liturgie aber kennt in der Tiefe ihrer Vollzüge (und die Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers gehört zu den tiefsten Vollzügen) keine "Vorsitzenden", auch wenn davon immer wieder einmal die Rede sein mag - sei es aus eingeschlichener Gewohnheit (wie nun bei Bischof Oster, das unterstelle ich einfach) samt mangelndem Bedacht  oder aus Taktik, um den Glauben auszuhöhlen.
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Das - im liturgischen Kontext haarscharf die Banalität streifende - Wort vom Vorsitzenden (das vom "Vorsteher" ist in diesem Kontext kaum besser) beschreibt immer ein Beziehungsgefüge zu jenen, denen aktuell vorgesessen (oder vorgestanden) wird: es handelt sich mithin immer um eine definierte Gruppe. Und so wird das in der Regel dann auch verstanden: Der "vorsitzende" Geistliche auf der einen Seite, Konzelebranten und versammelte Gemeinde auf der anderen. 
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Die Feier der Heiligen Messe tangiert aber nicht nur die jeweils in X, Y oder Z versammelte Gemeinde, sondern ist immer ein in Totalität auf die Schöpfung zielendes Geschehen: pro mundi vita - "für das Leben der Welt" (Joh 6, 51). Zudem feiert ohnehin nicht Bischof Oster oder Pfarrer A oder Kaplan B die Messe, sondern Christus ist Priester und Opfergabe: der Priester feiert in persona Christi die Heiligen Mysterien.
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Was der Priester dabei übernimmt, ist nichts Geringeres als das opus Dei selbst - wie schauerlich und irreführend ist da die Rede vom "Vorsitz" ... die betende Ekklesia ist doch kein Schrebergartenverein.

Das BamS!

In honorem S. Bartholomæi Apostoli: Ausschnitt aus Johann Pfunners Hochaltarblatt (1772) der Pfarrkirche St. Bartholomäus in Ettenheim ...
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Samstag, 23. August 2014

Missale solemnius

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Heute habe ich eine neue Lebensregel gelernt: Kaufe ein Altarmissale erst, wenn du die anderen Einkäufe hinter dir hast. Oder nimm dann wenigstens einen Einkaufswagen, ehe du mit dem Messbuch samt Fruchtsaft, Schlagsahne, Lauchzwiebeln und einigen anderen Sachen, die dich in deinem Hunger nähren sollen, bei Aldi durch den Markt jonglierst. Achte ferner darauf, daß die Tragetasche, in die du das Missale Romanum steckst, für Schwerlastverkehr auch ausgelegt ist ...
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Leider fiel dieses Missale mit seinen 115 Jahren nicht unter die übliche Buchpreisung des Diakonie-Ladens; alsdann hätte es kaum mehr als zwei Euro kosten dürfen. Dreiunddreißig Euro zusätzlich (sozusagen für jedes Jahr, das der Kyrios Jesus bei uns zugebracht) habe ich draufgelegt - leichten Herzens, zumal die Ausgabe einem guten Zweck dient.
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Ein Vermerk, aus welcher Kirche dieses Meßbuch stammt, findet sich nirgends; am Ende hinzu gebunden ist das Proprium der Diözese Eichstätt. Von innen sieht es annähernd aus wie jenes alte Meßbuch, daß meine Pfarrei früher noch in der Sakristei verwahrte (die vertrauten Editionen von Pustet eben). Als Ministrant bat ich zuweilen den Sakristan (Herrn Herzog - Gott hab' ihn selig!), mich darin ein wenig blättern und staunen zu lassen; wohl einer dieser Wegmarken, die den Alte-Messe-Molch in mir haben heranwachsen lassen.
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Man sieht dem Buch an, daß es zwar stets pfleglich behandelt, aber doch oft benutzt worden ist ... bei wie vielen Messen mag es auf dem Altar gelegen haben? Vielleicht bringt es ja in diesem Sinn ein wenig Segen mit in mein Heim ...
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Freitag, 22. August 2014

Vom Schwert und vom Triumph

Herz Mariä - Altarmensa, Heilig-Kreuz-Kirche Offenburg
Im Tempel weiß Simeon um das Los des Kindes: Heilig dem Herrn soll jeder Erstgeborene heißen, dieser Erstgeborene aber ist Gott übereignet bis in die Tiefe des Todes; der Greis sieht den Knaben und er sieht das Kreuz. Und spricht zu Maria:
Siehe, dieser ist bestimmt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen des Widerspruches, und auch deine Seele (ten psychén) wird ein Schwert durchdringen, auf daß die Gedanken vieler Herzen offenbar werden (Lk 2, 34 f.).
"Deine Seele" - ten psychén: Dieses Schwert wird dir, Maria, die Luft zum Atmen abschneiden, wird dein Leben verletzen, wird dir durch Seele und Geist fahren, wird sich in dein Herz und in dein Gemüt bohren: All das klingt mit, wenn wir bei Lukas psyché lesen - spätere Zeiten haben diese Momente im Bild der Herzens Mariens zusammengefasst.
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Am Ende werde ihr Unbeflecktes Herz triumphieren, versprach Unsere Liebe Frau den drei Kindern in Fátima. Das sind keine Worte, denen, wie wir vielleicht in unserem menschlich begrenzten Horizont vermuten mögen, irgendwie die Verwurzelung im Leben fehlen könnte oder die wir einfach glauben sollten, weil Maria es uns halt gesagt habe. 
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Denn der Triumph des Unbefleckten Herzens ist bereits gegenwärtig, seit Maria zuerst ganz nahe beim Erlösungsdrama dabei stand, unter dem Kreuz, als das Schwert bis zum Schaft in ihre Seele gedrungen ist; dann aber, als jener Morgen anbrach, der das Grab leer zeigte, als jener Tag kam, an dem sie mit den Jüngern im Heiligen Pneuma besiegelt wurde, als jene Stunde da war, als sie mit ihrem Leib und dieser Seele, die vom Schwert durchbohrt worden war, in den Himmel aufgenommen worden ist. Für uns nun gilt es nur noch, daß sich dieser Triumph ihres Unbefleckten Herzens auch an uns erzeige, was immer auch Gott an seiner Christenheit noch geschehen lassen wird.
Maria, Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Mutter des Erlösers. Wir vereinen uns mit den vielen Generationen, die dich "selig" nennen. Höre auf Deine Kinder, die deinen Namen anrufen. Du versprachst den drei Kindern von Fatima, daß "am Ende mein unbeflecktes Herz triumphieren wird". Möge die Liebe, die du deinem Sohn gezeigt hast, uns lehren, Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele zu lieben. Möge der allmächtige Gott uns seine Barmherzigkeit zeigen, uns mit seiner Kraft stärken und uns mit allem Guten erfüllen (aus einem Gebet Benedikts XVI. am 13. Mai 2009 beim Besuch der Caritas-Kinderklinik in Bethlehem).
Darum bitten wir auch heute am Fest der Unbefleckten Herzens Mariä - vor allem für jene Christen, deren Seelen in diesen Tagen von so vielen Schwertern durchbohrt werden: Heiligstes Herz Mariä - sei ihre und unsere Rettung!
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Bild: Darstellung des Herzens Mariä - Scagliola-Arbeit in der Mensa des Rosenkranzaltars in der Pfarrkirche Heilig-Kreuz zu Offenburg.

Donnerstag, 21. August 2014

Durchforscht die Schriften

Was sich Alte-Messe-Molche nach Joh 5, 39 (Scrutamini scripturas!) so auf Ihren Rechner installieren - vor allem, wenn der Name so reizvoll ist wie beim ersten der drei Fonts ...
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Mittwoch, 20. August 2014

Von Bernhard und Maria

St. Bernhard von Clairvaux - Friedenweiler, St. Johannes Baptist
In seinem Buch über den hl. Bernhard von Clairvaux kommt Henri Daniel-Rops auf eine Legende zu sprechen, die uns in der Ikonographie dieses Heiligen häufig begegnet. Im konkreten Fall, ausgehend von Murillos Gemälde "Die Stillung des hl. Bernhard", steht da zu lesen:
Der große Abt liegt auf den Knien mit ausgebreiteten Armen und sieht die Jungfrau Maria an, die ihm ihre entblößte Brust bietet, um ihren Diener zu nähren wie eine Mutter ihr Kind. Das anmutige Bild, hinter dem man freilich keine historische Wahrheit suchen darf, ist dennoch Ausdruck einer tiefen Wirklichkeit. Die liebende Verehrung für die Mutter Jesu und seine innige Ehrerbietung für jene, die er als einer der ersten "Unsere Liebe Frau" nannte, stehen in seinem mystischen Denken ganz im Vordergrund. 
Einer Tradition nach soll er, als seine Brüder das Salve Regina sangen, von überströmender Liebe so hingerissen worden sein, daß er rief: "O clemens, o dulcis, o pia". Dieser Ausruf soll dann zu seinem Andenken dem Gebet beigefügt worden sein. Der Geschichtsforscher kann dies nur als Legende werten, aber als sinnvolle Legende. Auf alle Fälle aber ist aus Bernhards eigenen Sätzen das bezaubernde Bittgebet "Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria ..." zusammengefügt worden. Die Marienverehrung des Mittelalters ist mit dem heiligen Bernhard untrennbar verbunden.
Es wäre irreführend, diese "marianische Legende" unseres Heiligen allzu blindlings anzunehmen und die Bedeutung Mariens im Werk Bernhards zu übertreiben, wie auch Bernhards Bedeutung in der Geschichte der Mariologie. Gewiß, er hat uns seine unvergesslichen Homilien über das Evangelium der Verkündigung hinterlassen und einer Reihe anderer Predigten für die Feste der Allerseligsten Jungfrau. Doch all dies macht letztlich nur einen geringen Teil des beträchtlichen Werkes des Heiligen aus. Überdies hat er auf diesem Gebiet nichts Neues gebracht. Eine skrupelhafte Traditionsgebundenheit sollte ihn an diesem Punkt sogar zu wenig glücklichen Schlüssen führen. So bekämpfte er in seiner gewohnten hitzigen Weise den Glauben an die Unbefleckte Empfängnis, ein Glaubenssatz, der von der Kirche doch siebenhundert Jahre später feierlich definiert werden sollte.
Wenn wir nun auch den heiligen Bernhard nicht zu den bedeutenden Lehrern der Mariologie zählen können, so verbleibt er darum nicht weniger ein großer Meister marianischer Frömmigkeit. In den engen Grenzen der Überlieferung, so wie er sie verstand, vermochte dieser Feuergeist Stoff zu finden, dem er Köstlichkeiten abgewann, die dann den christlichen Seelen zugute kamen, die sie in noch höherem Maße ausbeuten konnten.
Unvergleichlich ist Bernhard, wenn er sich mit Hingabe müht, Mariens Rolle als Mittlerin zu erklären: "Wollt ihr einen Anwalt bei Jesus", ruft er, "so wendet euch Maria zu. Ohne Zaudern wage ich es zu sagen: Maria wird erhöhrt werden um der Achtung willen, die ihr zukommt. Der Sohn wird seine Mutter erhören und der Vater den Sohn. Das ist die Leiter für die Sünder: vollkommenes Vertrauen. Hierauf gründet sich meine Hoffnung".
Daß auch wir dieses Vertrauen hegen, dazu helfe uns die Fürsprache des hl. Bernhard von Clairvaux, dessen Fest die Ekklesia heute feiert ... ora pro nobis!
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Der zitierte Abschnitt ist zu finden in Daniel-Rops: Bernhard von Clairvaux und seine Söhne. Heidelberg 1964. s. 52 f. - Im Bild ein Altarblatt aus der Kirche St. Johannes Baptist des ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters Friedenweiler im Schwarzwald; motivisch eine Variation des Themas von der Stillung des hl. Bernhard.

Dienstag, 19. August 2014

Geburtstagsphoto

Die Photographie feiert übrigens heute ihren 175. Geburtstag; das mag zwar nicht ganz korrekt sein - aber man hat sich allgemein darauf geeinigt, daß deren Siegeszug an jenem 19. August begonnen habe, an dem 1839 Louis Jacques Mandé Daguerre vor der Pariser Akademie der Wissenschaften die sogenannte "Daguerreotypie" vorstellte, mithin das erste brauchbare photographische Verfahren.
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Mit Bildern kann man viel Schindluder treiben, aber auch viele schöne Sachen anstellen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so gerne bloggen würde, wie ich es tue, wenn damit nicht die Möglichkeit verbunden wäre, diese Seite auch mit Bildern zu gestalten. Ich habe meine Freude dran. Und ich photographiere gerne, gewiß nicht übermäßig professionell, aber auch nicht ganz talentfrei ... wie ich hoffe.
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Zudem gefällt mir der Gedanke, daß sich in einer Photographie nicht nur flüchtige Lebensmomente ein wenig festhalten lassen, sondern auch Dinge, die gewiß auf Zeit geschaffen sind, denen aber die Vergänglichkeit deutlich eingeschrieben ist. Wie etwa diesem kleinen Bildnis Unserer Lieben Frau: keine große Kunst, allmählich dem Verwittern anheim gegeben - und doch spricht mir dieses Bild, das ich in Biederbach im Schaft eines Wegkreuzes entdeckt habe, in seiner Naivität (mehr als manch großartige "Madonna") unverstellt und eindringlich von der gütigen, der milden, der süßen Jungfrau Maria ...
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Montag, 18. August 2014

Sententiæ LXVI

... Und die Reue ist selbst Gabe. Wenn der Mensch mit seiner Reue zu Gott kommt, ist der lebendige Gott schon in ihm und hat ihm die Reue geschenkt.
Romano Guardini

Bevor wir einschlafen

hl. Helena; Offenburg, Heilig-Kreuz-Kirche
Die Ekklesia gedenkt heute der hl. Kaisermutter Helena; sie spürte, wie uns die Überlieferung erzählt, das Kreuzesholz des Kyrios auf. 1600 Jahres später - 1926 - bemerkte Odo Casel OSB in einer Ansprache zum Fest Kreuzerhöhung:
Es war im Jahre 326, als Kaiser Konstantin die heiligen Stätten, an denen der Herr gelitten hatte und begraben worden war, aufsuchte. Unter dem Schutt des Aphrodite-Tempels entdeckte er das Heilige Grab, und seine Mutter Helena fand das heilige Kreuz. Wohl waren diese heiligen Stätten jederzeit verehrt worden; doch wurde ihre Verehrung durch Konstantin wieder neu belebt.
Damals wurde das Kreuz "erhöht", d.h. zum Glanze der ganzen Welt gemacht. Crux rutilat per universum mundum - Das Kreuz erstrahlet über die ganze Welt! (vgl. 10. Resp. der Vigil am Fest des hl. Andreas im Breviarium Monasticum). Denn nach 300jähriger Unterdrückung wurde die Kirche vom Staate anerkannt. Sie stieg aus Verborgenheit und Verfolgung empor zum Throne der Königin; damit der äußere Friede sie aber nicht einschläfere, wurde ihr das Kreuz gezeigt. In hoc signo vinces - In diesem Zeichen wirst du siegen ...
Das Kreuz wird heute angefochten - von Christen, selbst in der Ekklesia. Nachdem in meiner "Seelsorgeeinheit" das Kreuz aus dem Giebel des (nicht mehr benötigten) Pfarrhauses entfernt und an einer anderen - durchaus besser sichtbaren Stelle - neu angebracht worden war, bemerkte ein Mitarbeiter des Pastoralteams mir gegenüber, man hätte es, würde es nach ihm gehen, nicht mehr aufhängen müssen. Anderweitig bestreiten Theologen, daß Christus für die Sünden der Welt am Kreuz gestorben ist. Viele unserer zeitgenössischen Kreuzesdarstellungen verschleiern - ob mit Absicht oder nicht, sei dahingestellt - diese Glaubenswahrheit dann auch mehr, als sie zu unterstreichen. Und wie oft bleibt vom Zeichen des Kreuzes in diesen Tagen kaum mehr übrig als ein "Logo", und selbst das buchstäblich und sinnbildend verbogen?
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Ja, der "äußere Friede" ist drauf und dran, die Ekklesia des Abendlandes einzuschläfern, während etwa viele unserer Brüder und Schwestern im Nahen Osten das Kreuz, an dem sich die Geister scheiden, Tag um Tag vor Augen haben, es am eigenen Leib erfahren - bis hin zu jenen brutalen Bildern, die uns Christen zeigen: gekreuzigt von ihren Verfolgern.
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Das Kreuz ist das Zeichen der Christen. Am Kreuz hat der Kyrios die Welt überwunden. Durch das Kreuz bezeugen wir Ihn. Mit dem Zeichen des Kreuzes erwarten wir Ihn. In seinem Kreuz öffnet Er uns das Reich Gottes. Mit den geschundenen Christen dieser Tage führe uns die hl. Helena zum Kreuz Christi, uns zur Mahnung, ihnen zum Trost, und sie helfe uns allen durch ihre Fürsprache, es zu tragen ... ora pro nobis!
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Das Wort Casels ist der Ansprache Abendopfer und Morgengabe entnommen; zu finden in: Odo Casel: Mysterium des Kreuzes. Paderborn [nach 1954]. S. 100. - Das Bild zeigt die hl. Helena - eine von vier Statuen, die den Hochaltar der Heilig-Kreuz-Kirche in Offenburg flankieren.

Sonntag, 17. August 2014

Das BamS!

... alldieweil man vom Wetter bereits den ganzen Sommer lang auf den Herbst eingestimmt wird; ich mache mit zwar nicht viel aus Pilzen, aber das Szenario aus dem Hochmoor bei Hinterzarten - schon vor mehr als einer Woche vor die Linse genommen - fand ich irgendwie fotogen ...
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Samstag, 16. August 2014

Von Schlangen und Vögeln

Schlange - Pfarrkirche St. Felix und Regula, Rheinfelden-Nollingen
Die samstägliche Sext des Breviarium Romanum kommt mit einem meiner Lieblingslieder daher, dem 103. Psalm, der Gott ob seiner Schöpfung lobt, deren schöne Natur ausführlich besungen wird. Da ist zum Beispiel von Quellen die Rede, welche zu Bächen fließen ...
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... Iuxta eos habitant volucres cæli, *
inter ramos edunt vocem.
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... bei denen die Vögel des Himmels hausen *
und zwischen Zweigen ihr Lied singen.
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Dabei fiel mir gerade ein kleine Reportage ein, die ich gestern in der Glotze gesehen hatte. Im Pazifik gibt es die Insel Guam, deren Vogelwelt offenbar restlos ausgerottet scheint, nachdem - mutmaßlich während des zweiten Weltkriegs durch amerikanische Truppentransporte - die Braune Nachtbaumnatter eingeschleppt worden war. Angesichts der unbekannten und nachtaktiven Natter legten die ahnungslosen Vögel nicht einmal einen Fluchtinstinkt an den Tag und wurden schlicht weggefressen. Seither gibt es auf Guam endlos viele Schlangen und jede Menge Insekten, aber keine Singvögel mehr. In gewisser Weise ist die Insel "stumm" geworden.
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Das wiederum erinnerte mich an eine Erfahrung aus dem geistlichen Leben: Gerade knietief in eine  Sündenpfütze gestapft, zieht man sich von Gott erst recht zurück - nicht, weil man keine Reue zeigte, sondern weil man sich schäbig vorkommt. Da, wo wir Gott um Vergebung bitten und loben sollten mit der Stimme unseres Herzens, weil wir ja eigentlich wissen, daß da immer eine Tür offen steht, da bleiben wir stumm aus einer falschen Scham heraus. 
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Derweil frißt sich eine ganz alte Schlange noch ein wenig mehr an unserer Seele satt - hoffen wir, daß sie nie alles verschlinge und unser Lied dann ganz und für immer verstummen wird ...
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Die Schlange im Bild stammt von einer Tafel, welche die Vertreibung aus dem Paradies zeigt und in der Pfarrkirche St. Felix und Regula zu Rheinfelden-Nollingen zu sehen ist.

Freitag, 15. August 2014

Mit der ganzen Glut unseres Herzens

Krönung Mariens - Mosaik, Pfarrkirche St. Barbara, Freiburg-Littenweiler
Die Novene, durch die sich die Franziskaner von der Immakulata auf das Fest der Himmelfahrt Unserer Lieben Frau vorbereiten und zu deren Gebet ich vor einigen Tagen, ermuntert hatte (im Gegensatz zu anderen Novenen ist mir diesmal kein Tag davon flöten gegangen), wird sozusagen abgerundet durch das Gebet, welches der hl. Pius XII. zur Verkündigung des Dogmas der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel an Maria richtete:
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Jungfrau, unbefleckt empfangen, Gottes und der Menschen
Mutter:
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Wir glauben mit der ganzen Glut unseres Herzens,
daß du mit Leib und Seele
glorreich aufgenommen bist in den Himmel,
wo dir die Chöre der Engel
und die Scharen der Seligen
als ihrer Königin huldigen.
.Wir vereinen uns mit ihnen im Lobpreis des Herrn,
der dich über alle Geschöpfe erhob,
und huldigen dir
mit ihnen in Verehrung und Liebe.
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Wir wissen, daß dein Blick,
 der einst in zarter Mutterliebe auf der demütigen
und hienieden leidenden Menschengestalt Jesu ruhte,
nun im Himmel
an der verklärten Menschheit der ungeschaffenen Weisheit
sich freut und daß die Freude deiner Seele
in der Schau des dreieinen Gottes
dein Herz aufjubeln läßt in seligem Entzücken.
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Und wir arme Sünder,
deren Leib den Aufschwung der Seele hemmt,
wir flehen dich an:
Läutere unsere Sinne, daß wir es lernen, schon hienieden,
inmitten der Lockungen der Geschöpfe,
Gott zu lieben und nur ihn allein!
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Wir vertrauen darauf,
daß du voll Erbarmen niederschaust
auf unsere Nöte und unsere Ängste,
auf unsere Kämpfe und unsere Schwächen;
daß du dich mit uns freust
an unseren Freuden und an unseren Siegen
und daß du die Stimme Jesu hörst,
die dir von einem jeden von uns,
wie einst von seinem geliebten Jünger, sagt:
Sieh da dein Kind.
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Und wir,
die wir dich als unsere Mutter anrufen,
wir machen dich wie einst Johannes zur Führerin,
Kraft und Trösterin unseres irdischen Lebens.
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Wir glauben, daß deine Augen,
die weinten über eine von Jesu Blut benetzte Erde,
sich auch heute noch auf unsere Welt richten,
die voll ist von Kriegen, Verfolgungen und Unterdrückungen
der Gerechten und der Schwachen.
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Und wir erhoffen
in dem Dunkel dieses Tales der Tränen
von deinem himmlischen Lichte und
deinem milden Erbarmen
Hilfe in unseren Herzensnöten,
in den Heimsuchungen der Kirche
und unseres Vaterlandes.
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Wir glauben endlich,
daß du in der ewigen Herrlichkeit,
umkleidet mit der Sonne und mit Sternen bekränzt,
nach Christus die Freude und die Wonne
aller Engel und Heiligen bist.
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Und wir Erdenpilger
blicken in festem Glauben
an die künftige Auferstehung auf dich,
unser Leben,
unsere Wonne
und unsere Hoffnung;
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zieh uns in Liebe zu dir
und zeige uns dereinst nach diesem Elend
Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes,
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o gütige, o milde, 
o süße Jungfrau Maria.
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Amen
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 Das Bild zeigt die Krönung Mariens zur Himmelskönigin; Mosaik an der Chorwand der Pfarrkirche St. Barbara in Freiburg-Littenweiler - einen Dank an dieser Stelle an den Schreiber von Windlicht, der die Blogozese nicht nur mit der Novene vertraut gemacht hat, sondern hier auch auf das obige Gebet hingewiesen hat.

Aus Erde und Gnade

Mariä Himmelfahrt - Hochaltarbild, St. Johannes Baptist, Friedenweiler im Scharzwald
Die Himmelfahrt Unserer Lieben Frau ist mir das liebste Marienfest. Natürlich gibt es auch andere schöne Feste, die sich um die Gestalt der Mutter Gottes ranken, und manche davon mögen - aus einer heilsgeschichtlichen Schau heraus betrachtet - sozusagen "wichtiger" scheinen, wie etwa jener hohe Tag, an dem wir Maria als die Unbefleckt Empfangene ehren, als um der Menschwerdung Gottes willen Erwählte und Bereitete, dem Zugriff der Erbschuld Entrissene. 
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Oder nehmen wir das Fest der Verkündigung, jener unschätzbare Augenblick, in welchem Maria in diesen Plan Gottes frei eingewilligt hat, auf daß Gottes Logos konkret in die Menschheit eintrete, Fleisch und Bein werde mit einem Herzen, das schlägt wie unsere Herzen, mit einem Gemüt, das Anteil nimmt an allen unseren Gemütsregungen, mit Händen, die arbeiten, wie wir alle arbeiten, mit einem Mund, der lachen kann, wie wir alle gerne froh sind, und mit Augen, die mit uns weinen können: "Maria, die beständige Jungfrau, hat durch die Wirksamkeit des Heiligen Pneumas dem eingeborenen Sohn Gottes die Materie ihres Fleisches magdlich dargereicht, als er in menschlichen Gliedern geboren werden sollte" schreibt St. Beda der Ehrwürdige (In Lucæ evang. exp. IV, 49).
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Sollte Gott dieses Fleisch, "magdlich dargereicht", der Verwesung anheim fallen lassen - dieses Fleisch, diesen Leib aus Erde und Gnade, aus dem er selbst Mensch geworden ist?
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Gott hätte nicht Mensch werden müssen, um die Menschen zu erlösen. Aber er wollte Mensch werden, bis in die letzte Faser des Menschseins - nicht des Menschseins unter dem Joch dem Sünde, sondern bis in die letzte Faser jenes Menschseins, wie Gott es im Ursprung geschaffen hat, ungeknechtet von der Sünde, bis ins Mark unbefangen jeder Schuld. Denn Gott liebt seine Schöpfung und läßt sie nicht vor die Hunde gehen. 
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In Maria bereits hat er - im Vorgriff auf die kommende Erlösung - den Menschen neu gebildet; Leben und Ziel dieses Geschöpfes, das wir Mutter nennen dürfen, weisen uns, wohin Gott seine Schöpfung leitet: Im Geschöpf, welches Maria ist, bekennt sich Gott zu dieser Schöpfung, führt er diese Schöpfung der Herrlichkeit seines Reiches zu. Vielleicht ist dieses Gottes-Bekenntnis zur Erde (nur das Weihnachtsgeheimnis scheint es noch deutlicher auszusprechen, aber das ist kein Marienfest), dieses Bekenntnis zu Maria, zur Schöpfung, letztlich auch zu mir der Grund, warum ich unter allen Marienfesten das heutige am meisten mag.
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Du Unbefleckte, aufgenommen in den Himmel ... ora pro nobis!
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... und als sie ihm noch unverwandt nachschauten, während er zum Himmel auffuhr, standen mit einemmal zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen, die sagten: "Ihr Männer aus Galiläa, was steht ihr da und blickt zum Himmel empor?" (Apg 1, 10f f.).
Er aber, voll des Heiligen Pneumas, blickte unverwandt zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief aus: "Ich sehe die Himmel aufgetan und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen!" (Apg 7, 55).
... Fürstentöchter gehen dir entgegen; die Königin tritt dir zur Rechten, mit Gold von Ophir geschmückt (Ps 44, 10).
Im Bild zu sehen die Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel - Auschnitt aus dem Hochaltarblatt der ehem. Klosterkirche St. Johann Baptist zu Friedenweiler im Schwarzwald.

Donnerstag, 14. August 2014

Einstimmung

Mariä Himmelfahrt - Eichsel, Pfarrkirche St. Gallus, Detail am Marienaltar
Die Herrlichkeit Mariens
ist ein Lobpreis der Agape Gottes,
die so Gr0ßes an einer schwachen, demütigen Frau
getan hat.
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Odo Casel OSB
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Die Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel - Detail im Schrein des Marienaltars der Pfarrkirche St. Gallus zu Eichsel.

Mittwoch, 13. August 2014

Das Farnese Komplott ... und was ich davon halte

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Heute gehts um einen Krimi. Na ja, nicht ganz. Denn eigentlich ist es kein originärer Krimi. Ich weiß das, weil ich in meiner Jugend sämtliche Lord-Peter-Death-Bredon-Wimsey-Krimis von Dorothy Sayers gelesen habe, die ich kriegen konnte; das muß hier als Qualifikation reichen, um sich dieses Urteil zu erlauben. Die Lösung eines Krimis besteht meines Ermessens darin, daß ein Ermittler zumeist überraschende Schlußfolgerungen aus diversen Fährten, Indizien, Beobachtungen, Spuren und Einsichten zieht, die dem Leser kaum selbst aufgegangen wären, die aber in der Rückschau vollauf überzeugend sind - der Detektiv setzt dem Leser ein Bild zusammen, welches dieser im besten Fall als Möglichkeit geahnt, aber zur Lösung eher als unwahrscheinlich erachtet hätte. Dabei scheint mir wichtig, daß die einzelnen Steine in so einem Mosaik je für sich selbst kaum einen Sinn ergeben, sondern erst in der Zusammenschau mit anderen Steinen nach und nach jene Informationen entbergen, die letztlich zur Aufklärung eines Falls führen.
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Auf dieser Ebene scheint mir das Farnese Komplott von Barbara Wenz (die viele als Elsa von Elsas Nacht(b)revier kennen) nicht angesiedelt. Dazu scheint mir der Fall, den dieser Roman präsentiert, zu wenig vertrackt und die Fährten, die ihn lösen, zu einfach ausgelegt. Da schrammt der Roman fast ein wenig die eher schlichten Baupläne jener Stadt-Land-Fluß-Krimis, die mit kriminalistischer Regionalität mehr als mit Originalität in der kriminalistischen Erfindung punkten.
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Das klingt jetzt wahlweise nach kleinem Verriss, nach Korithenkackerei oder nach beidem zusammen, soll aber nichts davon sein. Denn ich möchte eine andere Gattung in den Ring werfen, in der ich das Farnese Komplott besser aufgehoben finde - für mich las es sich wie ein Thriller
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Ein Thriller kann, muß aber nicht kriminalistisch überfeinert daherkommen. Es reicht etwa, wenn man den Eindruck gewinnt, das alles schreie geradezu nach rasanter Verfilmung, derweil die Geschichte mit überraschenden Wendungen aufwartet, die Protagonisten in brenzlige Situationen führt, Charaktere zeichnet, die nicht ganz durchschaubar sind, diplomatische Verwicklungen heraufbeschwört, eine verwegene Verfolgungsjagd imaginiert und einen Showdown im Ferienhaus draufsetzt, bei dem man sich nicht sicher sein mag, ob das Gute wirklich gewinnen wird: All das kann man im Farnese Komplott lesen.
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Vielleicht kurz ein Wort, worum es ungefähr geht: Das Farnese Komplott erzählt von einem Geistlichen mit interessantem Vorleben und einer frisch gebackenen Zeitungskorrespondentin mit totem Vorgänger. Hinter der Leiche und der aufgebrochenen Wohnung von Manfred Moorstein, seines Zeichens langjähriger Rom-Korrespondent einer deutschen Tageszeitung, vermuten beide weit mehr als die italienische Polizei. 
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Er: Lorenzo Farnese, Geistlicher, Sproß alten römischen Adels und ein guter Freund Moorsteins. Sie: Krista Winther, die nun rascher zu Moorsteins Nachfolgerin wird, als ihr lieb ist. Freilich bleibt es nicht bei einem Toten; denn im Heiligtum des Volto Santo in Manoppello liegt bald darauf ein Novize erschlagen, während das Tuch aus Muschelseide, welches das wahre Bild Christi zeigt, entwendet worden ist. Erste Recherchen, die der Priester und die Journalistin anstellen, legen nahe, daß zwischen Moorsteins Tod und dem Diebstahl des Volto Santo ein Zusammenhang besteht. Die beiden holen den vatikanischen Ispettore Gabriele Cairo mit ins Boot und rollen den Fall auf. 
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In die Exposition dieses plots und dessen fortschreitende Entfaltung sind kleine Kapitel eingestreut, die auf die Geschichte des Volto Santo Bezug nehmen; in den Schicksalsgefügen der Protagonisten überwiegend frei erfunden, öffnen sie dem Leser doch die Augen für die Überlieferung einer der wichtigsten Reliquien der Christenheit. Sie führen uns an das Grab Jesu, nach Ephesus während des apostolischen Zeitalters, in die Katakombenstadt Matiana, in das vom Bildersturm bedrohte Byzanz und in die Zeit des verheerenden Sacco di Roma, der Schändung Roms und seiner Heiligtümer durch deutsche und spanische Söldner 1527. Zumeist kontrastieren diese Einschübe die spannungsgeladene Handlung des Farnese Komplotts - dem Spannungsgefüge dieses Buches gerät dies zum Gewinn. Zudem mag man an dieser Stelle den Hut vor Elsa ziehen, da sie freimütig und bekenntnisfroh dem katholischen Glauben und der Geschichte des Volto Santo eine Gasse schlägt: das ist alles andere als selbstverständlich im aktuellen Literaturbetrieb.
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Ich habe das Buch genossen - daß am Ende zwar der Hauptstrang gelöst worden, aber nicht sämtliche Nebenstränge dieses Romans zu einem Ende gesponnen sind, mag dem einen oder anderen Leser vielleicht etwas aufstoßen - in mir weckt es Vorfreude auf eine Fortsetzung (und wenn Elsa die nicht liefert, bin ich ihr persönlich böse) ...
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Barbara Wenz: Das Farnese Komplott. 224 Seiten. Erschienen im Emons Verlag. ISBN 978-3-95451-313-0. Die Verlagsseite zum Werk (samt Leseprobe) ist hier zu finden. Die 9,90 Euro für das Buch sind gut investiert.