Samstag, 31. Mai 2014

Mein Psalterium

Alte-Messe-Molche sind manchmal erstaunlich neugierig. Tarquinius etwa. Der betreibt seit einiger Zeit jenen blog mit dem hardcore-Titel Denzinger-Katholik (hier)benannt mithin nach jenem Grundstock kirchlicher Lehrdokumente, mit dem man jeden Häretiker buchstäblich und hinreichend erschlagen könnte, indem man zur schwergewichtig zweisprachigen Ausgabe greifen würde. Nun will, derweil ich derzeit in Erfahrung zu bringen suche, wer in der Blogozese welche Bibel warum auch immer präferiert, Tarquinius seinerseits wissen, wer welches Brevier oder welche Stundengebets-Ausgabe nutzt - eigene Präferenzen hat der Fragende bereits verraten (hier).
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Von diesen Büchern hat sich bei mir einiges angesammelt, in der Regel Ausgaben des Breviarium Romanum oder des Monasticum (allsamt benediktinischer Provenienz), mal in vier Bänden, wie es bis zur Brevierreform 1960 gängige Editionspraxis gewesen, mal in zwei Bänden, wie nach dieser Reform üblich, mal in einem Band. Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, kann ich zu zwei Übersetzungen greifen, die eine aus der Feder des schlesischen Erzpriesters Stanislaus Stephan, die andere - meist bekanntere - von Johannes Schenk. Und dann wäre da noch das zweisprachige Diurnale, das Pater Martin Ramm FSSP vor einer Weile herausgegeben hat. Aus Nachkonzilszeiten schließt sich ungefähr der Kreis mit der Liturgia horarum aus der vatikanischen Druckpresse. Die vielleicht schönste Edition in dieser kleinen Sammlung (bisschen Protz-Brevier in Sachen Umfang und Ausstattung) ist ein einbändiges Breviarium Monasticum von 1925 aus Belgien (Descleé), und wenn ich soviel von Herzen beten tät, wie sich da Breviere häufen mögen, wäre ich wahrscheinlich ein weit besserer Christ.
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Bete ich die eine oder andere Hore, so greife ich ganz überwiegend auf ein bei Pustet zu Beginn der 1960er-Jahre verlegtes Breviarium Romanum zurück - sozusagen "mein Gebetbuch" (also zugleich Sammelstelle diverser Andachtsbildchen). Auch hier liest das Auge mit - wobei mir der eher schlichte Buchschmuck (vgl. Bild ganz oben) besser gefällt als die historistisch anmutenden Schnörkelvignetten älterer Ausgaben. 
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Der Psalmtext folgt der 1945 unter Pius XII. veröffentlichten lateinischen Übersetzung, die nach dem Konzil freilich wieder von der Bildfläche und den Buchseiten verschwand. Dieses sogenannte Psalterium Pianum (auf dem seinerseits etwa der Deutsche Psalter von Romano Guardini beruht) stellte den Versuch dar, die Unzulänglichkeiten der bis dahin verwendeten Version (das Psalterium Gallicanum, welches im Römischen Stundengebet Verwendung fand) auszumerzen und dem Klerus einen - vom Päpstlichen Bibelinstitut erstellten - Text an die Hand zu geben, der sich unmittelbar am hebräischen Original orientierte. Pius XII. gab seinerzeit dieser neuen lateinischen Fassung ein Motu proprio mit auf den Weg: In cotidianis precibus - darin heißt es:
... Die Psalmen hat die lateinische Kirche von den griechischen Gläubigen übernommen und fast wörtlich aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und dann im Laufe der Zeit wiederholt - besonders durch den heiligen Hieronymus (...) - sorgfältig verbessert und geglättet. Doch wurden durch diese Verbesserung die bekannten Mängel der griechischen Übersetzung, durch welche der Sinn und die Bedeutung des Urtextes nicht wenig verdunkelt wurde, nicht so behoben, daß die Psalmen allen und an allen Stellen leicht verständlich geworden wären. (...)
In neuerer Zeit erkannte man aber die Fehler und Dunkelheiten dieser Übersetzung (...) immer mehr, weil die Kenntnis der alten Sprachen, besonders der hebräischen, große Fortschritte machte, die Übersetzungskunst immer vollkommener wurde und die metrischen und rhythmischen Gesetze der orientalischen Sprachen gründlicher erforscht und die Normen der Textkritik klarer erfasst wurden. Dazu kommt, daß durch die vielen Psalmenübersetzungen in die modernen Sprachen, die bei den verschiedenen Völkern unter Gutheißung der Kirche aus dem Urtext hergestellt wurden, es allmählich immer mehr zutage tritt, wie jene Lieder in der Fassung der Muttersprache durch Klarheit, dichterische Anmut und reiche Belehrung sich auszeichnen.
Kein Wunder also, daß nicht wenige Priester, die das kirchliche Stundengebet nicht bloß aus Frömmigkeit, sondern mit vollem Verständnis verrichten wollen, den lobenswerten Wunsch aussprachen, für die tägliche Psalmlesung eine Übersetzung zu haben, welche den Sinn, der durch die Eingebung des Heiligen Geistes beabsichtigt ist, besser trifft ... 
Diese Neufassung ist ziemlich über das Ziel hinausgeschossen. Die ältere Übersetzung war im kirchlichen Leben - im Gebet, in der Lehre, im Schriftum - schlicht zu verankert und präsent, als daß sich auf Dauer ein völlig "neuer" Text hätte bewähren können. Nach dem Konzil kehrte man wieder zur älteren Fassung zurück und korrigierte dabei nur das Allernötigste.
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Zu jener Zeit, zu der ich mir dieses Brevier erstand, war freilich kaum ein Exemplar mit dem traditionellen Psalter zu bekommen, das den Reformen von 1960 entsprochen hätte. Bestensfalls ältere Breviere waren zu haben; mein leichter Hang zum Formalismus ließ mich zum Psalterium Pianum greifen - zwischenzeitlich ist es mir so vertraut und schätze ich all die von Pius XII. implizit genannten Vorzüge, daß ich nicht mehr umsatteln mag ...

Zu seiner Rechten steht die Königin

Der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat - Rosenkranzfenster
in der Pfarrkirche St. Konrad und Elisabeth, Freiburg
Die Frau ist von Gott geschaffen als Symbol der Gott zugewandten Schöpfung. Sie ist bereites Gefäß, das sich der höheren Kraft hingibt und dadurch randvoll gefüllt wird. Verschließt sie sich der höheren Einwirkung, schließt sie sich selbstbewußt und töricht ab, will sie aus sich aktiv sein, wird sie unfruchtbar. Gibt sie sich aber selbst in ihrem Eigensein auf und öffnet sich der Gabe von oben, dann wird sie durch die göttliche Gabe fruchtbar und leuchtet, wie der Mond leuchtet, indem er sich der Sonne zukehrt. Dann wird ihr Wesen, zunächst weich und ungeformt und der Prägung harrend, geformt und von dem göttlichen Prägebild geprägt, so daß sie Christi Bild in dich trägt. Sie wird zu einem Spiegelbild des Logos, ein Abglanz des ewigen Lichtes, das Abbild der göttlichen Güte; sie wird zur "Sophia", zum Spiegelbild der göttlichen Weisheit.
An Maria, der Mutter Jesu, hat sich das im höchsten Maße erfüllt. Der ganze Glanz des Sohnes, des ewigen Logos und des Fürsten Christus, spiegelt sich in ihr, so daß sie als Königin und "Thron der Weisheit" neben ihm steht. Während aber der Glanz in ihrem Sohne ungebrochen leuchtet und flammt, ist er in ihr milde gebrochen; er leuchtet durch ihre Weibliche Demut und ihre innigste Liebeshingabe hindurch, die alle Ehre nur ihrem Sohne zuschreibt. Bei aller Herrlichkeit bleibt sie immer die liebende Frau und die demütige Magd. Sie will nicht an die Stelle ihres Sohnes treten, sondern weist auf ihn hin, den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen. 
Als die Braut des Logos aber kündet sie von der Größe und Schönheit des Bräutigams. Je herrlicher das Abbild ist, desto mehr offenbart es ja die Schönheit des Urbildes. Der Schmuck der Königin ist die Gabe des Königs. "Zu seiner Rechten steht die Königin im golddurchwirkten Gewande" (Ps 44, 10).
Diese Königin will nicht aus sich glänzen - dann wäre sie ja ein eitles, liebloses Weib -, sondern unbewußt spiegelt sie in ihrer holden Schönheit den Glanz des Bräutigams wider, milde strahlend und sanft leuchtend durch ihre demütige Hingegebenheit, die nun wieder den Bräutigam reizt, ihr immer neue Gnade und Anmut zu schenken. "Gnadenanmut ist ausgegossen über deine Lippen, weil Gott dich gesegnet hat auf ewig" (Ps 44, 3).
Odo Casel OSB in einer Ansprache am Fest der Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel (1930). In: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Mainz 1961. S. 395 f.

Freitag, 30. Mai 2014

Einen neuen Aufbruch wagen

Unsere Liebe Frau - Schirmherrin des
Erzbistums Freiburg; Glasfenster
im Freiburger Münster
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... Christum habitare per fidem in cordibus verstris: in caritate radicati, et fundati, ut possitis comprehendere cum omnibus sanctis, quæ sit latitudo, et longitudo, et sublimitas, et profundum:
Scire etiam supereminentem scientiæ caritatem Christi, ut impleamini in omnem plenitudinem Dei. Ei autem, qui potens est omnia facere superabundanter quam petimus, aut intellegimus, secundum virtutum, quæ operatur in nobis: Ipsi gloria in Ecclesia, et in Christo Jesu in omnes generationes sæculi sæculorum. Amen.
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... daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, in der Liebe verwurzelt und gegründet. So sollt ihr fähig werden, mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die Liebe Christi, welche die Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes. Dem aber, der über alles hinaus, was wir bitten und denken, überschwänglich mehr tun kann gemäß der in uns wirkenden Kraft, ihm sei die Ehre in der Ekklesia und in Christus Jesus bei allem Geschlechtern von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen (Eph 3, 17-21).
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Der Domkapitular und Kirchenjurist Stephan Burger wird unser neuer Erzbischof. Die Reaktionen aus den verschiedenen Lagern, die ich bislang mitbekommen habe, hinterlassen bei mir den Eindruck, daß jede Seite aktuell vor allem jene - tatsächlichen oder vermeintlichen - Eigenschaften Burgers positiv hervorhebt, die den je eigenen Erwartungen am ehesten entsprechen mögen. Mir sagt der Name fast kaum etwas, hingegen sind mir die sonstigen Freiburger Verhältnisse, deren Verwahrlosung bis in höhere Ämter und Gremien reicht, hinreichend vertraut. Daher wünsche ich dem designierten Erzbischof von Herzen Gottes Segen, einen starken, mutigen und kraftvollen Glauben und eine entschlossene Hand, um einen neuen Aufbruch gegen den im Bistum wabernden Ungeist zu wagen und durchzusetzen.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Messe und Maialtar

Der frühe Vogel fängt den Wurm ... hätte ich heute morgen meiner Schläfrigkeit nachgegeben, wäre mir ein sehr schönes Choralamt bei den Benediktinerinnen von St. Lioba entkommen (am liebsten würde ich unseren Leuten in Basel demnächst die dritte Choralmesse in die Gurgel drücken); danach trieb ich mich ein wenig im Garten der Schwestern und in der Stadt herum, um letztendlich in meiner Pfarrkirche zu landen, die heute ausnahmsweise nicht zugesperrt war - eine gute Gelegenheit, das Bildarchiv zu füttern. Was mich positiv überraschte: Der Maialtar ist schöner gestaltet als noch vor Jahren, als nur die üblichen "Maialtar-Geranien" daherblüteten (also jene Topfpflanzen, die man sonst sehr "exklusiv" Unserer Lieben Frau hinstellt; keine Ahnung, wie die wirklich heißen, auf dem Bild sind sie mit drauf, aber eben nicht "exklusiv") ...
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Pfarrkirche St. Michael in Freiburg-Haslach

Der Sohn und der Vater im Geist gegenwärtig

Himmelfahrt - Pfarrkirche St. Urban, Freiburg-Herdern
... "Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen" (Joh 14, 18), sagt Jesus. Waisen wären auch solche, die in Jesus nichts weiter sehen als ein großes religiöses Genie: sie besitzen nur ein paar Erbstücke aus seiner Hinterlassenschaft. Wenn wir Glaubende sind, haben wir in seinem Geist ihn selbst und den Vater gegenwärtig.
Diese Gegenwart mag in den dichten Nebeln dieser Weltzeit verhüllt sein, und der Einreden und Widerlegungen unseres Glaubens mögen viele und kräftige sein. Wir sehen nur die Rückseite des Teppichs und die Verworrenheit der Fäden, die das Muster, das sie drüben bilden, nicht herzeigen. Aber wir haben das Wort des Herrn ...
Hans Urs von Balthasar: Weltzuwendung des Erhöhten. In: "Du krönst das Jahr mit deiner Huld" - Radiopredigten durch das Kirchenjahr. Einsiedeln (3) 2000. s. 113.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Abwesenheiten

Aus den Schriften von Reinhold Schneider ... das Fest, vorab bemerkt, der Himmelfahrt des Kyrios birgt, bei aller Freude, die in der Erfüllung und den Verheißungen dieses Tages liegen, stets ein gewisses Moment des Abwesend-Werdens und der Trauer. Was nun aber, darüber hinaus gedacht, wenn wir Christus in unserem Leben abwesend sein lassen - ihm die Tür weisen - ihn aus unserem Leben stürzen? Oder wenn ihm Europa die Tür weist? Schneiders knapper Essay kam mir heute Abend eher zufällig in die Finger - der Hintergrund zu den folgenden Gedanken liegt "im flandrischen Aufruhr des Jahres 1566":
... Eine Macht brach in das geschichtliche Leben ein, deren Herkunft im Dunkel lag. Aber vielleicht verriet sich diese Herkunft, als die Aufrührer sich auch an einer mächtigen alten Kreuzigungsgruppe vergriffen und das mittlere Kreuz umstürzten, während sie die Kreuze der Schächer stehen ließen; die Kirchenschänder zerschlugen das göttliche Bild, das ihnen entgegen war, und schonten die Bilder der Schächer, in denen sie Abbilder ihres eigenen Wesens sehen mochten.
So entstand dieses Sinnbild, das der Menschengeist vielleicht nicht hätte ersinnen können: die Schächer ohne den Herrn. Eine furchtbare Lücke klaffte zwischen den beiden Kreuzen; nun war auch der Reumütige verloren, dem der Herr das Paradies verheißen hatte; denn der Herr, der ihn dahin führen wollte, war ihm entrissen. Und in welcher Verlorenheit stand das Kreuz des Lästerers! Der Mittler war verschwunden, die Mitte war leer; vergebens blickte der eine zur Höhe, kehrte sich der andere verkrampften Leibes zur Erde. Wie die Erlösten, so sollen auch die Verdammten in der Ordnung Gottes stehen, in deren Bereich auch die Hölle liegt; nun aber gab es keinen Ort mehr und keine Ordnung, die ja allein von der Beziehung auf den Herrn bestimmt werden konnte.
Die Kreuze standen in einer grundlosen Nacht, standen im reinen Nichts; denn nicht in Gottes Himmel schaute der eine hinauf, nicht auf Gottes Erde starrte der andere hinab; die ganze Welt lag in der Nacht, aus der entseelte, kalte Sterne blickten; sie war nicht mehr als ein rätselhaftes Etwas im leeren Raum; und über diese Welt und ihre Verwirrung und ihren Brandschein waren die beiden Schächer erhoben, die beide getäuscht worden waren. Der Hoffnung des einen wie der Lästerung des anderen antwortete das vollkommene Schweigen. Sinnlos waren die so spät erwachte Reue und Hoffnung, sinnlos war auch der Hohn; niemand hörte auf diese Stimmen zwischen Himmel und Erde, und da das Ja niemenden mehr fand, an den es sich wenden konnte, so war auch das Nein gleich einem nie gesprochenen Wort. Denn der Empörer, eben indem er sich empört, bezeigt eine über ihm waltende Macht; wenn diese Macht nicht mehr wäre, welchen Sinn hätte dann die Empörung? Und wenn Gott nicht ist, wie leer wäre das Pathos der Gottesleugner!
Der Wahn wäre um vieles törichter, als ihnen der Glaube zu sein scheint ...
 Reinhold Schneider: Die Schächer ohne den Herrn. In: Macht und Gnade. Gestalten, Bilder und Werte in der Geschichte. München - Zürich 1964. S. 202 f.

Dienstag, 27. Mai 2014

Sententiæ LV

Der heilige Matthäus erinnert daran, daß Jesus darauf bestand, daß er nicht gekommen ist, um die Torah – das am Sinai offenbarte Gesetz Gottes – aufzuheben, sondern vielmehr, um es zu erfüllen. Dies konnte er tun, weil er größer als Mose und all die anderen Propheten ist. Er hat nicht einfach nur Gottes Wort verkündet: Er ist das Wort Gottes.
Gregory Collins OSB, Abt der Domitio Abtei, Jerusalem

Montag, 26. Mai 2014

Der heilige Morgenmuffel

Mein atheistischer Kollege überfiel mich heutmorgen geradezu freudigst, er habe im Radio eine Andacht gehört und es wäre von "so'nem Heiligen" (Meinereiner: "Der heilige Philipp Neri?" - Er: "Genau") die Rede gewesen; die folgende Geschichte habe ihm dabei besonders gefallen: 
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Philipp Neri sei es in der Früh' nicht leicht gefallen, aus dem Bett zu kommen, so daß er sich oft verspätete. Ein Priester riet nun dem Morgenmuffel, er solle sich vorstellen, sein Bett sei das Fegefeuer und mit dem Aufstehen gelange er ins Paradies. Als sich der Heilige am darauffolgenden Tag erneut verspätete, hakte der Priester nach, ob er den Rat nicht beherzigt habe. Doch, soll der Heilige geantwortet haben, aber als er so im Bett gelegen und sich vorgestellt habe, es sei das Fegefeuer, seien ihm seine vielen Sünden in den Sinn gekommen - und da habe er sich lieber nochmals umgedreht und sei liegen geblieben.
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Vielleicht sollten wir uns - gerade in diesen Zeiten - eine Scheibe von der heiteren Gelassenheit des hl. Philipp Neri abschneiden? Vielleicht ließen sich manche Mitmenschen damit eher erreichen als mit den missmutigen Mienen, die wir so oft mit uns herumtragen und die so wenig von dem durchlassen, was wir in Zuversicht glauben und in Freude bekennen ... sollten? Der heilige Philipp Neri verhelfe uns dazu ... ora pro nobis!

Sonntag, 25. Mai 2014

Bibel zum Gernhaben: Das Alte Testament, deutsch von Paul Rießler

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Hinter dem Beitrag über Fridolin Stier und dessen Übersetzung des Neuen Testaments (hier) rührt sich ein Gedanke, der jüngst noch nicht zur Sprache kam. Denn damit wollte ich eine kleine Reihe starten, in der es einerseits darum gehen sollte, zu welchen Ausgaben der Heiligen Schrift ich aus diesem oder jenem Grund besonders gerne greife, andererseits sollte hierdurch auch der ein oder andere Mitblogger angespitzt werden, eigene Präferenzen in dieser Frage zu verraten. Was meine Mitmenschen an segensreichen Büchern horten, weckt immer wieder meine Wissbegier - so daß ich schon in Versuchung stand, unter dem Motto Blogget eure Bücher eine Los Wochos-Aktion auszurufen. Wer dies nun in Punkto "Bibel" möchte, tue sich keinen Zwang an ...
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Zwar sammele ich keine Bibelausgaben im strengen Sinn; kommt mir aber irgendwo eine wohlfeil unter, greife ich gerne zu - am liebsten natürlich bei kirchlich approbierten Ausgaben. Was mir allerdings nicht ins Haus kommt - um es gleich vorneweg zu sagen -, sind Ausgaben "in heutigem Deutsch" oder edelverfederte Mode-Editionen von Walter Jens oder Jörg Zink; auch von einer Anselm-Grün-Bibel würde ich Abstand nehmen, sollte das irgendwann auf uns zukommen. Mag sein, daß da noch immer ein Rest traditionsfroher Snobismus irrlichtert, aber ich finde bei solchen Ausgaben schlicht keinen Punkt, an dem sich Interesse festmachen ließe. Von der Einheitsübersetzung steht natürlich ein Exemplar zum Einstauben herum. Von den jüngeren Übersetzungen habe ich sonst nur die reformierte Zürcher Bibel, in die ich gelegentlich die Nase halte.
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Genug der Vorrede. Heute geht es um Die heilige Schrift des Alten Bundes, aus dem hebräischen "Grundtext" übersetzt von Paul Rießler. Die beiden Bände sind erstmals 1929 erschienen; später wurde Rießlers Text mit dem von Ruppert Storr verdeutschten Neuen Testament zusammengefasst und vom katholisch ausgerichteten Mainzer Grünewald-Verlag als Rießler-Storr-Bibel bis in die 1960er-Jahre vertrieben. Auch von dieser Ausgabe habe ich ein Exemplar - für das Alte Testament greife ich aber gerne auf die zweibändige Originalausgabe von Rießler zurück.
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Einerseits ist es - trotz seines Alters - ein wunderschönes Leseexemplar. Ich mag die alte Frakturschrift und schätze es ohnehin, wenn das Wort Gottes in einem angemessenen Rahmen daherkommt. Wie bereits bei Stier - wenn auch aus anderen Gründen - kommt der Rießler'sche Text manchmal etwas kantig daher, vor allem, weil Rießler Psalmtexte, Weisheits- und Prophetenbücher nicht in Prosa wiedergibt, sondern weitestgehend eine metrische Übersetzung bietet. Darüber hinaus offeriert meine zweibändige Ausgabe diese Texte nicht in Spalten oder im Blocksatz, sondern in Sinnzeilen (für die damalige Zeit eine echte Neuerung!), bei den übrigen Schriften des Alten Testaments ist zumindest das Druckbild schön gestaltet. Wem nun dieser - zugeben - etwas ästhetische Zugang leicht suspekt scheint, den möge ein Wort des hl. Augustinus versöhnen, welches Rießler, wenngleich mit einer etwas anderen Stoßrichtung, am Schluß seines Vorworts zitiert:
Eine wunderbare Tiefe ist in den Hl. Schriften. Doch freundlich lockt ihre Oberfläche uns Kleine an; aber wunderbar fürwahr, mein Gott, wunderbar ist ihre Tiefe. Schauerlich ist es, in sie einzudringen; Schauder der Ehrfurcht und Angst der Liebe befällt dabei den Geist.
Stolpert man alsdann beim Lesen dieser schönen Edition über Worte und Wendungen, so empfinde ich das, wie bereits bei der Fassung von Stier, als hilfreich, um nicht über allzu Vertrautes hinüber zu lesen (wobei man natürlich die Frage stellen kann, inwiefern einem weite Teile des Alten Testaments überhaupt "vertraut" sind). Deswegen greife ich gerne bei der geistlichen Schriftlesung zu dieser Ausgabe; daß wenige Anmerkungen nur sehr sparsam und im Angang erscheinen - ist in diesem Fall kein Schaden; bei der Herder-Ausgabe mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel verfange ich mich zum Beispiel andauernd in den umfangreichen Erläuterungen direkt unter dem Schrifttext; letztendlich verdient das dann bestenfalls den Namen geistliche Kommentarlesung ...
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Demnächst: Warum ich zwar alte Bibelausgaben schätze, aber auch als Alte-Messe-Molch keine Allioli-Bibel kaufe ... ;-)

Das BamS!

Grusula, die Taube, bin ich durch den Einsatz eines Zimmerpflanzen-Ansprühdingens jetzt weitestgehend los (leider hatte sie diverse Bekannte im Schlepptau, die samt allerhand häßlichen Hinterlässlichkeiten rund um mein Küchenfenster zu campieren begannen). Bleiben die kleinen gefiederten Freunde übrig, die zunehmend zutraulich werden ...
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Samstag, 24. Mai 2014

Wann alle grimmig auf uns gehn

Marienaltar in der Taufkapelle, Dom zu Sankt Blasien im Schwarzwald

Maria, hilf der Christenheit,
zeig deine Hilf uns allezeit;
mit deiner Gnade bei uns bleib,
bewahre uns an Seel und Leib!
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Wann alle Feind zusammenstehn,
wann alle grimmig auf uns gehn,
bleib du bei uns, sei du uns Schutz!
So bieten wir dem Feinde Trutz.
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Patronin voller Güte,
uns allezeit behüte.
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Zwei Strophen aus dem Lied Maria, breit den Mantel aus in der Fassung des Kirchenlied (1938)  zum Fest Maria, Hilfe der Christen. Unsere Liebe Frau breite auch heute ihren Mantel aus über die Christenheit, vor allem über die unter Blut und Angst den Glauben bezeugende Ekklesia, aber auch über jene Gläubigen, deren Glauben in Anbiederung an Zeit und Welt zu verdunsten droht ... ora pro nobis!

Freitag, 23. Mai 2014

"Ich nehme dich dennoch beim Wort" - über Fridolin Stier

Über die Namen der Dinge hinaus.
über die Sprache hinaus,
über die Wissenschaft hinaus,
über die Begriff hinaus -
in die FREMDE,
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wie Abraham, dem geheißen war: "Ziehe fort aus deiner Heimat, fort aus deiner Stadt, fort aus dem Haus deines Vaters, fort ... und geh in das Land, das ich dich schauen lassen will ..."
Geh, verlaß die Heimat, die Welt, darin du geboren bist, darin du dich eingerichtet hast - das Haus voll von den Namen der Dinge, die um dich sind, laß alles, was dir die Sprache über sie vorspricht, laß auch alles, was dir die Wissenschaft über sie zu wissen gibt, laß auch die Begriffe, mit denen du nach den Dingen greifst -
laß dieses Haus hinter dir, geh! Dann wirst du, vielleicht wirst du dann dem Anderen begegnen, für das du weder Namen noch Wissen noch Begriffe hast, dem ur- und ingründig Wirklichen und Wirkenden begegnen. Du wirst "schauen" ...
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Und wenn du dann in das Land Chaldäa, in das Haus deines Vaters und deiner Mutter und deiner Brüder zurückkehrst, du wirst zurückkehren,
dann werden dich die Namen an das Namenlose,
die Sprache an das Unaussprechliche,
das Wissen an das Unwißbare, 
die Begriffe an das Unbegreifliche erinnern,
dann wird noch ein anderes in deinem Hause wohnen - das Andere, das Fremde, das - Mysterium.
Dann ist kein Ding mehr, was es dir zuvor gewesen, ein jedes, eins um das andere, wird dir einen Namen sagen, den du nicht nachsprechen kannst.
Und dann wird dir, vielleicht wird dir dann aus allem und jedem, das um dich ist, das Unnennbare erscheinen, 
und du wirst jene Stimme hören, die du noch nie gehört, sehr nah und gewaltig wirst du sie hören rufen:
ICH BIN DA!
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Dieser Text, den man vor allem hören sollte und darob sich selbst laut vorlesen, stammt aus den Aufzeichnungen von Fridolin Stier (1902-1981), erschienen unter dem Titel Vielleicht ist irgendwo Tag. Es sind persönliche Zeugnisse, Tagebuchfragmente sozusagen eines Priesters und Exegeten, eines Grüblers, eines Übersetzers der Heiligen Schrift, Gründers des Katholischen Bibelwerks und ... Vaters einer Tochter - Notate einer immer wieder erschütterten Seele, auf Drängen seiner Freunde wenige Wochen vor seinem Tod veröffentlicht.
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Stier begegnete mir erstmals vor vielen Jahren, als ich seine Übersetzung des Neuen Testaments in die Finger bekam. Nun wußte ich zu dieser Zeit bereits, daß Drewermann Stiers Arbeit irgendwo empfohlen hatte, dies aber war für mich Grund genug, diesem Text mehr ein Naserümpfen als ehrliche Aufmerksamkeit zu widmen, sintemal dies eine jener "nachkonziliaren" Bibeln war, die den Glauben verdürben und in denen der Engel in Lk 1, 28 Unsere Liebe Frau nicht "voll der Gnade" heiße, sondern nur mit "Begnadete" anredete - für so etwas hatte ein traditionalistischer Jungspund nur eines übrig: eine ins Verachtende hinüber näselnde Mißgunst. Stier übersetzt übrigens "Hochbegnadete", aber das nur nachzuschlagen erübrigte sich damals ohnehin.
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Vor einiger Zeit kam mir das Buch wieder entgegen, wohlfeil und gebraucht im Diakonie-Laden; diesmal habe ich es mitgenommen. Stiers Fassung des Neuen Testments scheint etwas eigenwillig, nicht allein, weil der Übersetzer möglichst nahe am griechischen Original bleiben möchte, sondern weil er über eine streng wörtliche Übersetzung hinaus auch das deutsche Wort befragt, ob es in seiner Wörtlichkeit wirklich die Tiefe des Gesagten erfasse und welche Alternative(n) beim Gebot einer engen Bindung an das Original in Frage käme(n). Stier kämpft mit dem Text - nicht von ungefähr ist er zu Lebzeiten damit nicht fertig geworden. Das Neue Testament "Übersetzt von Fridolin Stier" (München/Düsseldorf 1989) wurde aus Blättern, Notizen, Versuchen und Korrekturen herausgegeben, die Stier - nur das Evangelium nach Markus lag in einer "fertigen" Version vor - hinterlassen hatte.
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Heute schätze ich diesen Text mit seinen vielen Kanten, seinen sprachlichen Anwürfen, seiner Direktheit - schon allein, weil es kein Schaden ist, Gott abseits vieler und häufig viel zu vertrauter Wendungen und Formulierungen zuzuhören. Kennt man einen Text - oder glaubt man, ihn zu kennen -, dann besteht die Gefahr, daß man mit der Zeit nicht mehr richtig hinhört. Die Bibel aber legt es nicht darauf an, uns in erster Linie Geschichten über Jesus zu erzählen, die sich irgendwann vor 2000 Jahren einmal ereignet haben; sie spricht das Wort des Kyrios in unseren Alltag hinein, in unsere Leben heute. Wir sollen dieses Wort immer wieder neu hören - und es mag in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Beobachtung sein, daß wir es oftmals wieder "neu" hören, wenn wir vom Leben geschüttelt werden, derweil es zuvor im Alltags irgendwie unterging.
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Quasi als Rechenschaft über seine Übersetzungsarbeit läßt sich vielleicht eine Notiz Stiers vom April 1970 verstehen:
Dem Nazarener zu Hilfe kommen, ihn aus den Geröllhalden des über ihn Geredeten und Geschriebenen herausbaggern, ihn herausziehen aus dem Schwemmsand der erbaulichen Sprache, (...) um ihn kat'idian, abseits zu führen, wo er Aug' in Aug' mit seinen Jüngern spricht ... Was nicht in ihm war, sich den Menschen bequem zu machen, seine Gläubigen haben es besorgt. Gingen nicht schon die Evangelien daran, dem Grenzensprenger Grenzen zu setzen, den nicht Ergreifbaren in Griff zu nehmen? Aber noch lebt in ihnen der Unbewältigte ...
Dennoch - traditionsfroh, wie man nun einmal ist, muß man sich einige unbequeme Fakten aus dem Weg räumen: Etwa einen Bruch in Stiers priesterlicher Biographie, ich hatte es bereits angedeutet - Stier verlor 1952 seinen Lehrstuhl für Altes Testament in Tübingen, nachdem er sich zu (s)einer Tochter bekannt hatte; nicht im Sinn einer Rebellion gegen den Zölibat, sondern aus Verantwortung der Mutter und dem Kind gegenüber. Stier steht sozusagen in einer Reihe mit weiteren Priesterpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die vielleicht gerade deswegen in ihrem Priestertum scheiterten oder zu scheitern drohten, weil sie die Kluft zwischen ihrem geistlichen Leben und den äußeren Anforderungen und Erwartungen eines - ja auch zeitgebundenen - priesterlichen Alltags nicht oder kaum überbrücken konnten; ich denke da etwa an Joseph Bernhard oder Otto Karrer.
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Zurück zu Stier: Auch seine ungeschönten privaten Aufzeichnungen, sein intimes Ringen mit Gott - ob der Welt und dem vielgestaltigen Leid der Kreaturen - können sauer aufstoßen, liest man sie nicht als wahrlich un-verblümte, ehrliche Auseinandersetzungen mit Gottes Wort und Verheißung. Eine Auseinandersetzung, in deren Rahmen sich Stier mit - teils existenziell erfahrenen - Widersprüchlichkeiten konfrontiert sah, die er nicht für sich und nicht für andere durch frommes oder gelehrtes Zureden glätten konnte:
In deiner Finsternis, Herr, - oder ist es dein blendendes Licht? - tappen meine Gedanken herum, und ihr Gebet klingt wie Lästerung. Erlaß mir die Prozedur, einen theologisch disziplinierten Theodizee-Gott aus der Schlinge ... zu ziehen. Ich habe es ja mit dir, nicht mit einer Denkpuppe zu tun. Kant war wohl näher bei dir, als er schrieb, ich weiß nicht mehr wo: Jeder Versuch, Gott zu rechtfertigen, ist "schlimmer als die Anklage". Soll ich also schweigen, weil auch die Anklage schon "schlimm" genug ist?
Was soll ich von deinen und deines Sohnes großen Worten halten? "Kein Spatz fällt zur Erde ohne den Willen eures Vaters?" - also: kein Auto schleudert und kracht an einen Baum, ohne ... [Stier spielt hier auf den tödlichen Unfall seiner Tochter an].
Gibt mir dieses Wort, wenn ich es wörtlich nehme, das Vollkorn deiner Wahrheit? Aber da sind sie schon, deine wackeren Verteidiger, um mich zu belehren, man brauche "ein Körnchen Salz" zum Verständnis dieses Wortes, das als "Hyperbolismus", als rhetorisch übertreibende Rede zu erklären sei. Was bleibt mir noch an Wahrheit übrig? Wie Salzsäure wirkt, zersetzend dein Wort, das hermeneutische granum salis. Ich aber, ich nehme dich dennoch beim Wort. 

Donnerstag, 22. Mai 2014

Von der Theologie auf Knien

Nach der etwas unpässlichen Einleitung von gestern ... heute nun einige Gedanken von Hans Urs von Balthasar - diese scheinen mir fast schon vorgängige Variationen jener Aussagen von Papst Franziskus zu sein, in denen der Heilige Vater einer "Theologie mit einem offenen Geist und auf Knien" das Wort redet:
... Man kann zwar die Theologie nicht einfach auf einen praktischen kirchlichen Dienst an der Verkündigung einschränken, obwohl diese ministerielle Stellung dem Kirchenganzen gegenüber ihr eignet und sie keineswegs entehrt. Aber sie muss zugleich als ein meditativer Huldigungsakt an den Herrn der Kirche gewertet werden, gerade sofern sie sich nicht auf eine bloss praktische und transitiv wirkende Funktion festlegen lässt. Mit einem Teil ihrer selbst - jenem Teil, der das Hören und Meditieren des Gotteswortes fordert - gehört sie zur einzig notwendigen Tat Marias von Bethanien. Sie legt Rechenschaft ab über ihr Gehört- und Verstandenhaben. Die grösstmögliche Klarheit ihrer begrifflichen Ordnungen, vereint mit der grösstmöglichen Tiefe ihrer Intuition, ist, über alle kerygmatischen Absichten und Nötigungen hinaus, ein selbstzwecklicher, im Namen der Braut-Kirche vollzogener Adorationsakt vor Christus.
Die fordert eine grösstmögliche Öffnung der Theologie nach drei Seiten hin: existenziell zum Lebensvollzug des Gehörten und Verstandenen: allein der Heilige, welcher tut, was er denkt und einsieht, ist im Vollsinn christlicher Theologe. Ekklesiologisch zum Gesamtvollzug kirchlichen Denkens hin, auch wenn solche Entpersönlichung dem Einzelforscher einen asketischen Verzicht auf eigene Meinungen und Liebhabereien auferlegt. Meditativ zum Gesamtgebets- und Kontemplationsakt der betenden und betrachtenden Kirche hin, da technisch-begriffliche Theologie nur gedeihen kann auf dem mütterlichen Nährboden eigener Kontemplation, und die Übergänge zwischen beiden Formen (man denke an Augustinus, an die Viktoriner, überhaupt an das 12. Jahrhundert) fliessend sein und bleiben müssen.
Der Theologe kann sich deshalb um eine "schöne Gestalt" seiner Theologie bemühen, aber nicht, um in der Gestalt zu ruhen und zu solcher Ruhe zu verführen, sondern um sowohl der Kirche zu dienen wie ihrem Herrn zu huldigen. Alle theologische Gestalt reduziert sich doch, vermittelt durch das kanonische Bild der Schrift, auf die Gestalt des Herrn selbst.
Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band: Schau der Gestalt. Einsiedeln 1961. S. 534 f.

Mittwoch, 21. Mai 2014

Die mißratene Einleitung

Manch Blicke in aktuelle theologische Publikationen, seien es nun Bücher oder Zeitschriften, lassen mich mitunter etwas ratlos zurück. Nicht unbedingt einiger "frisch" dargebotenen Häresien wegen, die ohnehin zumeist nur aufgewärmt sind (wirklich "neue" Häresien gibt es kaum noch, es werden nur die Rezepturen ab und an variiert, wie man das bei Eintöpfen aus Dosen halt auch so macht). Ratlos bin ich eher ob der Frage, warum man eigentlich "Theologie" studiert und "Theologie" treiben und ein "Theologe" sein will, wenn am Ende von allem - oder wenn alles am Ende ist - im besten Fall ethisch ersäufte Religionsoziologie herauskommt, derweil die (unfreiwilligen?) Vertreter dieser Disziplin dennoch von jedweder Identitätskrise unangefochten bleiben und sich "Theologen" nennen mögen.
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Eigentlich sollte das nur die Einleitung zu einigen Gedanken von Hans Urs von Bathasar werden, die ich hier zitieren wollte. Das flappsige proœmium hat sich leider ein wenig verlaufen und passt nun nicht recht zu den ernsten und edlen Erwägungen dieses Theologen ... morgen also oder demnächst mehr.

Montag, 19. Mai 2014

Vom siechen Brieflein

Wenn 24 Frauen (unbeherrscht genug, den Avancen von versindelten Priestern oder Ordensmännern nachzugeben oder selbst solche zu machen) dem Papst ein sieches Brieflein schicken, von dem kolportiert wird, benannte zwei Dutzend Damen wollten damit eine Mauer "des Schweigens" und "der Gleichgültigkeit" durchbrechen, dann scheint das verschwiegen gleichgültige Problem so groß nicht zu sein.
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Ich liebe diese ausgelutschte Betroffenheitsrhetorik, wenn sie sich selbst ein Bein stellt ...

Sonntag, 18. Mai 2014

Das BamS!

Heute ein Maialtar - aus der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Umkirch bei Freiburg:
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Reine, dont la banière gagna les battailles, priez pour nous!
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(Litanies à la Vierge noire )

Samstag, 17. Mai 2014

Sententiæ LIV

Nur der seine Sünden bekennt, erfährt Gottes Erbarmen, nur der seine Schwachheit eingesteht, Gottes Hilfe, nur wer das Wort des Dankes spricht, erhält die wunderbaren Gaben des Geistes, nur dem Lobpreisenden erschließen sich die Tiefen der göttlichen Herrlichkeit, nur der Anbetende wird gewürdigt, Gottes unnahbare Majestät zu schauen.
Gustav Siewerth

Freitag, 16. Mai 2014

Ungebrochenes Schweigen

Der hl. Johannes Nepomuk im Auszug des rechten Seitenaltars
in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Umkirch bei Freiburg
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Um ehrlich zu sein ... so ganz sicher bin ich mir nicht, ob es sich bei der Gestalt im Bild tatsächlich um den heiligen Johannes Nepomuk handelt (es könnte auch der hl. Franz Xaver sein) - aber das Photo habe ich heute geschossen, also sei's St. Nepomuk. Der Heilige treibt mich ein wenig um, vielleicht eine Prägung aus Kindertagen; bereits damals war ich von den Statuen an den Brücken mit diesem Priester und dem Kreuz fasziniert.
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Vorher hatte ich im Netz nach dem Offizium gekramt und wurde bei Google Books fündig: In festo S. Joannis Nepomuceni Martyris, Pro tribus Ecclesiis Regni Bohemiæ, earumque Diœcesibus Officium ("Offizium zum Fest des hl. Martyrers Johannes Nepomuk für die drei Kirchen Böhmens und deren Diözesen" hier). Der Druck rührt von 1741; ich nehme an, daß das Offizium im Kern bis zum Konzil im Gebrauch gewesen sein dürfte, zuletzt ohne die beigegebene Oktav.
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Interessiert hatte mich vor allem die Frage, ob es zu Ehren des hl. Johannes Nepomuk eigene Hymnen gebe - und es gibt sie. Eine sprachlich hinreichend angemessene Übertragung zumindest eines Hymnus will mir heute Abend nicht mehr gelingen, aber wenigstens eine kleine Kostprobe will ich zum Abschluß des heutigen Festes anbieten - einmal aus dem Hymnus zu den Laudes:
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Vix in sepulcro conditur,
Signis Ioannis proditur;
Per cratium repagula
Intermicant miracula.
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Kaum in das Grab gebettet,
wird Johannes durch Wunderzeichen offenbar;
Durch der Beichtgitter Flechtwerk
blitzen Wundertaten hindurch.
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Und das Tagesgebet vom Fest des hl. Nepomuk:
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Deus, 
qui ob invictum Beati Joannis sacramentale silentium
nova Ecclesiam tuam martyrii corona decorasti;
da, ut ejus exemplo et intercessione
ori nostro custodiam ponentes,
beatis, qui lingua non sunt lapsi,
annumeremur.
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Gott,
du hast in heiligem Zeichen
durch das ungebrochene Schweigen des heiligen Johannes
deine Kirche durch eine neue Krone des Martyriums geschmückt.
Gewähre, 
daß wir durch sein Beispiel und seine Fürsprache,
indem unserem Mund eine Wache gesetzt sei,
den Heiligen, in deren Mund kein Fehl erfunden wurde,
zugezählt werden.

Johannes Nepomuk und die Lust am Krawall

St. Johannes Nepomuk - auf
der Rheinbrücke zu Laufenburg
Tacui - ich habe geschwiegen. Die fünf Sterne, die das Haupt des hl. Johannes Nepomuk umkränzen, sollen auf jene fünf Buchstaben verweisen, die für den Heiligen quasi zum Todesurteil geworden seien, wie die Legende berichtet. König Wenzel IV. habe verlangt, der Priester möge verraten, was die Königin ihm in der Beichte vertraut habe. Johannes schwieg - und wurde auf Geheiß des Königs in der Moldau ertränkt. Fünf Lichter hätten den im Wasser treibenden Leichnam umflammt; fromme Deutung bezog dies auf die Verschwiegenheit des Priesters, der lieber den Tod erleiden wollte, als das Beichtgeheimnis preiszugeben: Tacui - ich habe geschwiegen.
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Wir können uns am Starkmut dieses Heiligen gewiß freuen und diese Tugend zum Vorbild nehmen. Dies bietet nicht zuletzt den Vorteil, daß der Vorsatz allgemein genug gehalten ist, um - in der Regel jedenfalls -  in den Alltagsgeschäften unterzugehen. Vielleicht sollte ich nicht zu sehr von mir selbst auf andere schließen, aber womöglich gibt es hier auch den einen oder anderen, der das nun liest und aus eigenem Erleben weiß, was ich hier meine. 
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Nutz und Frommen ließe sich der Nepomuk-Legende aber auch anderweitig abgewinnen: Indem wir weniger auf den Heiligen schauen, dafür aber auf dessen Peiniger. In uns allen steckt zuweilen ein kleiner Wenzel; dann nämlich, wenn wir nach den Verfehlungen unserer Nächsten gieren und genau wissen mögen, wer sich wo und wann und wie und unter welchen Umständen daneben benommen habe.
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Diese Neu-Gier mag sich auch in einer, sagen wir: "tendenziösen" Lektüre bestimmter offizieller (oder inoffizieller) katholischer Nachrichtenseiten manifestieren. Dabei spielt es kaum eine Rolle, aus welcher Ecke man das anstellt, ob man sich eher auf Verfehlungen von Amtsträgern kapriziert oder lieber an den Kommentaren eines traditional trash erregt, um sich hier wie da ein Feindbild zu bestätigen. Der heilige Thomas von Aquin hat einen schicken Namen für die benannte Geisteshaltung und all ihre unzähligen Varianten: curiositas.
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Das heißt nun nicht, daß man alles schlucken muß, was in diesen Tagen kirchlich aus dem Ruder zu laufen droht. Es gibt die Notwendigkeit, die Stimme zu erheben, es gibt die Situationen, wo sich der verzehrende Eifer für das Haus des Herrn Bahn brechen muß. Die Frage ist nur: Welche Beweggründe stecken dahinter? Ist es ein echtes sentire cum ecclesia, im konkreten Fall also ein Mitleiden an den zeitlichen Anfechtungen der streitenden Ekklesia? Oder steckt eher die Lust am Krawall dahinter, verbunden mit der blendenden Möglichkeit, sich als der "bessere" Katholik profilieren zu können?
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Im Zweifelfall mag ein Blick auf den Gekreuzigten helfen, wie ihn der heilige Johannes Nepomuk in seinen vielen Bildern, die an unseren Brücken wachen, tut. Seine Fürsprache helfe uns, das Geheimnis Christi lauter in unseren Herzen zu wahren ... ora pro nobis!

Mittwoch, 14. Mai 2014

Kochen mit Origenes

Dieser Tage gelesen ...
Nicht roh darf das Fleisch des Lammes gegessen werden, wie es nach Art vernunftloser Tiere die Sklaven des Textes tun, die wie wilde Tiere sind gegen die wahrhaft geistigen Menschen, welche den geistigen Sinn des Wortes zu verstehen suchen und damit die roh (gewachsenen Tiere) aufbereiten.
Wer aber das Rohe der Schrift zum Kochen bereitet, muß darum besorgt sein, daß das Geschriebene nicht in etwas Schlaffes, Verwässertes, Aufgelöstes verwandelt wird, wie jene es tun, die "dem Ohr kitzeln und es von der Wahrheit abwenden" (2 Tim 4, 3) und die ihre spekulativen Textauslegungen auf eine haltlose und ganz verwässerte Lebensführung hin einrichten (X, 18).
Origenes: Das Evangelium nach Johannes. Übersetzt und eingeführt von Rolf Gögler. Einsiedeln 1959. S. 221 f.

Dienstag, 13. Mai 2014

Fatima - ad Martyres

Blick in die Kuppel des vom römischen Pantheon inspirierten Domes von
St. Blasien im Schwarzwald - das zentrale Fresko zeigt die 
Aufnahme Unserer Lieben Frau in den Himmel
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Den heutigen Tag bringt die katholische Welt vor allem mit dem Andenken an die Erscheinungen Mariens zu Fatima in Verbindung; das Datum birgt aber ein weit älteres Kleinod der Verehrung Unserer Lieben Frau: Am 13. Mai 609 weihte Papst Bonifatius IV. die römische Kirche Santa Maria ad Martyres - wir kennen den ehedem heidnischen Tempel vor allem unter der Bezeichnung Pantheon.
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Ich gebe zu, daß ich über die Botschaft von Fatima relativ wenig weiß. Auch die Erregung, die manche Gemüter jenes mysteriösen "dritten Geheimnisses von Fatima" wegen ergreift, bleibt mir eher fremd. Ehrlich gesagt: Die Botschaft dieses Geheimnisses interessiert mich noch nicht einmal besonders; keineswegs aus Verachtung, vielleicht einer Ungemutheit geschuldet, die mich bei überbordend "südländischer" Frömmigkeit (wie gerne geht diese mit dem Thema "Fatima" einher) auf Abstand hält. 
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Wenn es etwas gibt, was ich von Fatima mitnehme, dann die dringende Ermahnung, den Rosenkranz zu beten. Ich glaube, daß dies ohnehin der Kern dessen ist, was uns die Mutter Gottes mitgeben wollte. Alles andere können wir nur Gott anempfehlen - durch die Hände Unserer Lieben Frau, die am 13. Mai 609 mit dem Gedächtnis ad Martyres geehrt worden und die auch heute die Königin jener ist, die Christi Zeugen sein sollen und Christi Zeugen sind - selbst, wenn es das Leben kostet.
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Dich, o Mutter, rühren so viele Ruinen 
der Welt und der Seelen, 
so viele Schmerzen,
so viele Ängste von Vätern und Müttern,
von Ehegatten, Brüdern 
und unschuldigen Kindern;
dich rühren so viele in der Blüte der Jugend
dahingeraffte Menschenleben,
so viele gemarterte und sterbende Menschen,
so viele Seelen, die in Gefahr sind,
ewig verloren zu gehen.
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Du, o Mutter der Barmherzigkeit,
erbitte uns von Gott den Frieden!
Erbitte uns vor allem jene Gnaden,
die in einem Augenblick 
die Seelen umwandeln können;
erbitte uns jene Gnaden, 
die den Frieden 
vorbereiten, herbeiführen und sichern!
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Königin des Friedens,
bitte für uns und gib der Welt den Frieden,
nach dem die Völker seufzen,
den Frieden in der Wahrheit,
in der Gerechtigkeit, in der Liebe Christi!
Gib der Welt den Frieden der Waffen
und den Frieden der Seelen,
damit in der Ruhe der Ordnung
das Reich Gottes sich ausbreite.
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(Pius XII.)

Montag, 12. Mai 2014

Frisch verpasst

Gerade habe ich festgestellt, daß die Zahl der Einträge auf dieser Seite jüngst die Tausend geschrammt hat - genau genommen: Das ist der 1007. Beitrag auf diesem blog. Natürlich freue ich mich und bin dankbar, daß Gott die Rahmenbedingungen derzeit so gut auf dem Laufenden hält, damit ich Zeit, Muse und jene Absicherung im Rücken habe, die es mir erlauben, diese Seite nach Gutdünken zu unterhalten (viele Menschen haben das nicht). Doch wächst mit der Zahl der Beiträge auch die Verantwortung, die "frommen" Themen, über den man spricht und schreibt, auch im eigenen Leben zu beglaubigen. Und da liegt auch nach tausend Beiträgen immer wieder einiges im Argen ...
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Bis zum Mulm lässest den Menschen du kehren,
und du sprichst: Kehrt zurück, Adamskinder!
- Denn tausend Jahre sind dir in den Augen
wie der gestrige Tag, wenn er vorbeizog,
oder eine Wache in der Nacht.
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Unsere Tage zu bestimmen, laß es recht erkennen,
daß ein Herz der Weisheit einkomme uns!
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Sichtbar werde deinen Knechten dein Wirken,
dein Glanz über ihren Kindern!
Meines Herrn, unsres Gottes, Mildigkeit
sei über uns!
Das Tun unserer Hände richte auf über uns,
das Tun unsrer Hände, richte es auf!
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(Psalm 89, 3-4; 12; 16-17 - verdeutscht von Martin Buber)

Sonntag, 11. Mai 2014

Durchforschet die Schriften!

Das Osterlamm - Spolie vom ursprünglichen Mutterhaus der
Vinzentinnerinnen zu Freiburg vor der Mutterhauskirche
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Manchmal ist Bloggen ganz einfach: Man macht ein Faß auf, schreibt selbst etwas dazu, schmückt sich danach mit fremden Federn und stellt irgendwann fest, daß man dies alles den Lesern fast als "Themenwoche" auf Auge drücken hätte können. So ging das nun mit der Frage, wie sich die Schrift des Alten Bundes zu unserem Glauben verhalte, genauer: inwiefern uns "die Schrift" Christus verkündige. Einige Texte von Odo Casel OSB (hier), Wilhelm Vischer (hier und hier) und Gerhard von Rad (hier) haben verschiedene Facetten dieser Frage beleuchtet und wollten auch ein wenig anregen, die jeweils ausgelegten Spuren aufzunehmen. Fehlt nun eine kleine Abrundung ...
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Vischer gibt auf den ersten Seiten seines bereits herangezogenen Buches Das Christuszeugnis des Alten Testaments eine schöne Zusammenfassung des Themas, wenn er schreibt:
Den beiden Hauptwörtern des christlichen Bekenntnisses "Jesus ist Christus", dem Eigennamen "Jesus" und dem Berufsnamen "Christus", entsprechen die beiden Teile der heiligen Schrift: das Neue und das Alte Testament. Das Alte Testament sagt, was der Christus ist, das Neue wer er ist, und zwar so, daß deutlich wird: nur der kennt Jesus, der ihn als den Christus erkennt, und nur der weiß, was der Christus ist, der weiß, daß er Jesus ist. So deuten die beiden Testamente, von Einem Geiste durchhaucht, gegenseitig aufeinander, "und ist kein Wort im Neuen Testament, das nicht hinter sich sähe in das Alte, darinnen es zuvor vorkundigt ist" [Martin Luther: Predigt über Joh 1, 1-14 in der Kirchenpostille von 1522]; wie  auch alle Worte des Alten Testaments über sich selbst hinausweisen in das Neue auf den Einen hin, in dem allein sie wahr sind (Vischer, Christuszeugnis, (6) 1943, S. 7).
"... in dem allein sie wahr sind" - erst in Christus erschließt sich uns also das Verständnis der Schrift des Alten Bundes, finden deren Worte zu ihrem letzten Sinn, zu ihrer tiefsten, eigentlichen und gültigen Aussage. 
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Was könnte das nun für einen Satz bedeuten, wie wir ihn in der Bergpredigt hören ... "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen um aufzuheben, sondern um zu erfüllen" (Mt 5, 17)? Es ist, denke ich, nicht uninteressant, dies und die unmittelbar darauf folgenden Verse unter dem Aspekt dieser Erfüllung zu bedenken. Was etwa hat es mit diesem Gesetz, von dem ja "nicht ein Jota oder ein Häkchen" dahin gegeben werden soll, letztlich auf sich? Was bedeutet es im Letzten, Tiefsten, Eigentlichen - sprich: In Christus, so denn gilt: "Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übersteigt - nimmermehr kommt ihr ins Königtum der Himmel hinein" (Mt 5, 20)? Was - oder besser: wer ist denn unsere Gerechtigkeit?
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Scrutamini scripturas ... "Durchforschet die Schriften!" (Joh 5, 39 Vulg).

Das BamS!

Weil wir gerade im Maien stehn ...
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Freitag, 9. Mai 2014

Das Buch einer ins Ungeheure anwachsenden Erwartung

So ist die Geschichte des Jahweglaubens charakterisiert durch immer neue Zäsuren, durch immer neue Einbrüche von göttlichen Setzungen, durch Neubeginne, die in traditionsgeschichtlicher Hinsicht neue Perioden einleiten. Aber kaum, nachdem sich Israel darauf eingerichtet hat, wird es durch den Hinweis auf neue Taten aufgeschreckt und aus Vorstellungen, in denen es sich gerade eingelebt hatte, wieder herausgeführt. Das rückt noch einmal die völlige Andersartigkeit Israels gegenüber den religiösen Vorstellungen des Alten Orients ins Bewußtsein. Während man in Ägypten oder Babylon nach allen Störungen, an denen es auch nicht gefehlt hat, kein anderes Heil kannte, als daß die Dinge wieder zu jenem uralten sakralen Ordnungen zurückkehrten, die im Mythus und im Turnus der Feste ihren Ausdruck fanden, insistiert Israel immer auf dem Einmaligen. So hat derjenige, der die großen Zusammenhänge überschaut, wirklich den Eindruck von etwas Ruhelosem, von einer großen Wanderschaft des Volkes, und im Blick auf seine fortgesetzten Aufbrüche in immer neue religiöse Vorstellungen den von einer Fremdlingschaft Israels in der Zeit (...).
Aber gerade in dieser Konzentration auf das Einmalige der jeweiligen Neuansätze spricht sich der Jahweglauben in gesteigerter Form aus. Jahwes Bund mit den Erzvätern, die Offenbarung seines Namens, das Passahgeschehen, das Schilfmeerwunder, der Bundesschluß am Sinai, die Erwählung Sauls, die Gründung des Zion, der Bund mit David, der Einzug Jahwes mit seiner Lade in den Tempel, - das sind doch alles Aufbrüche Israels in eine neue Form seiner Existenz, und sie enthielten alle schon im Ansatz weittragende göttliche Zusagen.
Einige aber wurden (...) von der Weissagung der Propheten als die Urbilder ungeheurer Weissagungen in die Zukunft hinaus projiziert. So mußte die Erwartung Israels immer neu auffächern. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie Israel keine Zusage zu Boden fallen und damit die Zusagen Jahwes ins Ungemessene wachsen ließ, wie es ohne jede Sorge um die Grenze der göttlichen Erfüllungsmöglichkeiten alles bisher Unerfüllte weitergab, um es dem Debet seines Gottes zuzuschlagen. 
Aber auch die Werke, die wirklich keinerlei eschatologische Erwartungen enthalten, wie etwa das deuteronomistische Geschichtswerk oder das Buch Hiob, haben doch auch etwas rätselhaft über sich Hinausweisendes. War denn der unendliche Aufwand an Heilssetzungen in der Königsgeschichte, dieser Aufwand an Führungen und Strafen damit gerechtfertigt, daß am letzten Ende ein armer König seine Gefangenenkleider ausziehen und sich als Vasallenkönig an den Tisch des babylonischen Königs setzen durfte (2. Kön. 25, 27 ff.)? War denn das Ungeheure, das zwischen Hiob und Gott zum Austrag kommen wollte, damit erledigt, daß der Empörer von Gott zum Schweigen gebracht wurde und daß ein alter Mann Kinder und Herden wiedererstattet bekam? (...)
Nein, das Alte Testament kann nicht anders denn als das Buch einer ins Ungeheure anwachsenden Erwartung gelesen werden ...
Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments. Band II. Die Theologie der prophetischen Überlieferung Israels. München (4) 1960. S. 340 f.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Der feurige Busch

Der brennende Busch, Sené, ist Gleichnis und Vorbild der Gottesoffenbarung am Sinai, wo dann "der ganze Berg raucht, weil der HERR auf ihn herabgefahren ist mit Feuer" ([Ex] 19, 18) "und das Ansehen der Herrlichkeit des HERRN wie ein verzehrendes Feuer auf der Spitze des Berges vor den Augen der Kinder Israels ist" (24, 17).
(...) Es ist nicht die Glut des eigenen Herzens, die Mose treibt, seine Brüder zu erlösen, eine unendlich heißere Leidenschaft, die sich nicht selbst verzehrt, "der Eifer des HERRN der Heerscharen" (Jes. 9, 6) befiehlt ihm jetzt: "Führe mein Volk, die Kinder Israels, aus Ägypten!" Der Mann, der einst die feurige Kraft seines Herzens in den Dienst der Befreiung seiner Volksgenossen stellen wollte, sträubt sich jetzt bis zum äußersten dagegen, den heiligen Aufruhr in Ägypten zu entzünden. "Mein Herr, ich kann nicht", sagt er, "sende, wen du willst" (4, 13). Aber er muß, weil Gott es will, weil Gott alle Fremdherrschaft auf Erden stürzen und sein Reich aufrichten will, die Alleinherrschaft seines Willens.
"Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, als daß es schon brennte!" (Lk 12, 49).
Wilhelm Vischer: Das Christuszeugnis des Alten Testaments. Erster Teil. Das Gesetz. Zollikon-Zürich (6) 1943. S. 207 f.

Dienstag, 6. Mai 2014

Der Herrscher aus dem Stamme Juda

Die größte Überraschung der letzten Worte Jakobs bringt der Spruch über Juda.
"Juda,
dir jubeln deine Brüder zu.
Nicht weicht von Juda das Szepter,
nicht zwischen seinen Füßen der Richtstab,
bis daß sein Herrscher kommt,
dem die Völker huldigen.
Er bindet seinen Esel an den Weinstock
und an die Purpurrebe 
das Füllen seiner Eselin.
Er wäscht im Wein sein Gewand,
und im Blut der Trauben seinen Mantel,
die Augen funkelnd von Wein,
die Zähne schimmernd von Milch".
Wird in den anderen Sprüchen je einem der Stämme sein Anteil am gelobten Land zugesprochen, so kündigt der Spruch für Juda die Herrlichkeit des Reiches an, ganz deutlich mit dem messianischen Ziel. Daß wirklich der von Gott gesalbte Heilskönig gemeint ist,
"erkennt man nicht nur 1. an der eschatologischen Zeitgrenze (die Bestimmung "am Ende der Tage" in Vers 1 bezieht sich hauptsächlich auf diesen Spruch), sondern 2. an dem Umfang des Reiches: der Messias unterwirft die Völker der Welt. Dazu gesellt sich als dritter Grund die paradiesische Fruchtbarkeit: Wein ist so reichlich vorhanden, daß der König seine Kleider darin wäscht und den Esel, sein königliches Reittier, an die sonst sorglich gehüteten Rebstöcke bindet" (Hugo Greßmann, Der Messias, S. 223).
Wir sehen wohl die gesegneten Rebberge im Herzen des judäischen Berglandes; zugleich öffnet sich aber ein Blick auf
"die wunderbar erneuerte Erde, auf der das Volk der Auserwählten inmitten der friedlich und glücklich vereinigten anderen Völker einst leben wird" (Karl Barth, Vorlesung Dogmatik II). 
(...) Im Stamm Juda wird die Dynastie der Statthalter des Heilandkönigs, das Herrscherhaus aufgerichtet, aus dem durch die Jahrhunderte hindurch kraft der Treue Gottes die Reihe der fortlaufenden Chalifen des Messias kommt. In diesem Spruch wird die monarchische Spitze der Heilsverheißung offenbar. Das erwählte Volk wird ein erwähltes Herrscherhaus haben, aus welchem der Fürst hervorgeht, in dessen Hand der Vollzug des dem Abraham verliehenen Segens liegt. Einer aufmerksamen Betrachtung kann diese messianische Spitze schon in den Worten, die Gott in dem gnadenvollen Fluch nach dem Sündenfall sprach, und nachher in den Worten vom "Samen" Abrahams nicht verborgen bleiben. In den Worten des sterbenden Jakob aber wird sie ganz deutlich. Im letzten der Bileamsprüche blitzt sie dann wieder auf in dem Wort vom "Stern aus Jakob" (4 Mose 24, 17) und später (um nur die hervorstechendsten Stellen zu erwähnen) im Danklied der Hanna 1. Sam. 2, in dem Versprechen Gottes für David 2. Sam. 7, 12 bis 16, in den letzten Worten Davids 2. Sam 23, 1-7, in Psalm 2 und Psalm 110 und Psalm 72, in Jesajas Ankündigung der Geburt des Immanuel, der Rute aus dem Stamm Isais Jes. 7-11, in Micha 5, 1-5, in Amos 9, 11-15, in den Verheißungen des guten Hirten der Art Davids Jer. 23, 1-8; 30, 28-21; 33, 14-17; Hes. 34, 23 f.; 17, 22-24, in den Liedern vom leidenden Knecht des HERRN Psalm 22, Jes. 42; 49; 50; 53, in den Prophetien Haggais und Sacharjas Hag. 2, 20-23; Sach. 3, 1-9; 4, 1-14; 6, 9-15; 9, 9 f.; 12, 9-14; Maleachi 3 und endlich in der Ankündigung des Menschensohns in Daniel 7. (...)
Die messianische Weissagung ist durchaus nicht auf die sogenannten messianischen Stellen beschränkt. Das Aufrichten des messianischen Thrones im Hause Davids ist auch der Blickpunkt des großen Geschichtswerks, das die Bücher Mose, Josua, Richter, Samuel und Könige umfaßt.
Wilhelm Vischer: Das Christuszeugnis des Alten Testaments. Erster Teil. Das Gesetz. Zollikon-Zürich (6) 1943. S. 197 ff.