Sonntag, 14. Dezember 2014

Was uns der Adventskranz bedeuten kann (1)

Adventskranz - Basel, St. Antonius
Das dritte Licht leuchtet seit heute am Adventskranz auf. Bereits vor zwei Wochen - es räusperte sich eine augenzwinkernd kritische Anmerkung in den Kommentaren - stand mir ein wenig die Frage im Raum, was es mit den Kränzen, die wir uns in die Kirchen und in die Häuser holen, wohl auf sich habe und ob eine tiefere Bedeutung mit ihnen verbunden sei?
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Spürt man diesen Fragen nach, so fällt die Antwort zuerst eher nüchtern aus. Der Brauch, einen Kranz aus Tannengrün mit Kerzen aufzustellen, geht auf den lutherischen Theologen Johann Hinrich Wichern zurück, den man gewiß einen Heiligen der diakonía nennen darf. Erschüttert vom Elend verwahrloster Kinder und Waisen gründete er 1833 vor den Toren Hamburgs das Rauhe Haus, um sich dieser Kinder anzunehmen. Als seine Schützlinge vor Weihnachten immer wieder fragten, wie lange es noch hin sei bis zum Heiligen Abend, kam Wichern die Idee, auf einem alten Wagenrad die Tage bis Weihnachten mit Kerzen zu markieren, später kam Tannengrün dazu. Auch andernorts begeisterte man sich alsbald für diesen jungen Brauch; die Zahl der Kerzen wurde freilich zumeist auf vier für die Sonntage im Advent reduziert. 1925 soll in Köln erstmals solch ein Kranz auch in einer katholischen Kirche aufgestellt worden sein.
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Welche Bedeutung mag man dem nun zumessen? Man wird wohl vorab sagen müssen, daß sich unser Tannenkranz mit seinen Kerzen in erster Linie handfest pädagogischer und dekorativer Absicht verdankt; der durchnüchterte Geist des norddeutschen Protestantismus ist nicht gerade der Nährboden überbordender Allegorese. Und doch finden sich manche Punkte, die auf der Symbolebene diverse Zuschreibungen zulassen - das ist nicht zuletzt der Einfachheit des Adventskranzes geschuldet, der auf Urformen zurückgreift und elementare Materialien verwendet, die uns etwa in der leiturgía ebenfalls begegnen: Der Kreis ... das Licht ... die immergrünen Zweige ... die Kerzen aus Wachs.
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Da ist einmal die Kreisgestalt - als kyklos aídios, als "ewiger Kreis" kennt sie der hl. Klemens von Alexandrien als Symbol für Christus, der Alpha sei und Omega, was in der äußersten Betonung von Anfang und Ende die ungeschaffene und unendliche Dimension des Kyrios bezeichnet - es ist also nur ein kleiner Schritt hin zu einem eschatologischen Verweis auf den Kyrios Christus, den wir in der Kreisgestalt des Adventskranzes entdecken können. Mit dem Eintreten in die eschatologische Bedeutungsebene tritt aber der Kyrios als der Kommende vor unser Auge; das Gedächtnis dieses Kommens wiederum bestimmt die Adventsliturgie in zweifacher Weise, denn der Advent ist nicht allein Vorbereitung auf das Gedächtnis der incarnatio, sondern steht - vor allem in der ersten Hälfe - im Zeichen der éschata, der letzten Dinge, der zweiten Ankunft Christi.
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In der frühen christlichen Kunst schwebt das Kreuz als "Zeichen des Menschensohns" (mithin als Zeichen des wiederkommenden Christus, vgl. Mt 24, 30, eine Parallelstelle zum Evangelium des ersten Sonntags im Advent) des öfteren in einem bestirnten Kreis (so etwa im Apsismosaik der Basilika San Apollinare in Classe zu Ravenna, vgl. hier). Sofern wir dieses Bild aufgreifen wollen, können wir in den brennenden Kerzen des Adventskranzes die Sterne sehen, die im Kommen des Kyrios strahlen.
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Die Kreisgestalt ist aber auch corona: "Kranz", ja "Krone" - dieses Bild scheint mir durch die immergrünen Zweige des Adventskranzes unmittelbar zugänglich. Zu Beginn des zweiten großen Festkreises, den das Herrenjahr kennt, fordert uns der hl. Paulus in der Lesung am Sonntag Septuagesima auf:
Wißt ihr nicht, daß die Läufer im Stadion alle laufen? Doch nur einer holt den Kampfpreis. Lauft so, daß ihr ihn ergreift. Jeder Wettkämpfer übt Selbstzucht in allem - jene: um einen verderbenden Kranz; wir: um einen nichtverderbenden zu holen (1 Kor 24 f.).
Auch daran kann uns der Adventskranz erinnern, zumal die Adventszeit in ihrem verhaltenen Bußcharakter den Vorfasten verwandt ist. Auch hier klingt das Kommen Christi an, denn es ist der Kyrios, der diesen Kranz verleihen wird. Doch hören wir eine feine Akzentverschiebung womöglich mitschwingen: Denn während im Kreis als Zeichen der Wiederkunft vor allem das Gericht über diesen aión angesprochen ist, so sehen wir uns im Bild der Kranzes, den wir erringen sollen, als Einzelne gefordert.
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Soviel heute zu dem, was uns ein Adventskranz bedeuten mag; die anderen Punkte sollen ein andermal folgen.
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Bild: Der Adventskranz unter dem "Zeichen des Menschensohns" - heute aufgenommen in Basel, Sankt Antonius.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Welch Unhold wird denn den heilgen Adventskranz kritisieren?

Vielen Dank jedenfalls für die - wie immer - so in die Tiefe der Dinge gehenden Gedanken zum Thema.

Andreas hat gesagt…

Wer mag das noch gewesen sein? Mich deucht, einer von jener Art, die tagaus und tagein Rubriken repetieren ... ;-)

Sursum corda hat gesagt…

Dieser Text über den Adventskranz ist, das muß ich zugeben, gehaltvoller als alle ordentlichen und außerordentlichen Adventspredigten, die ich bis jetzt in diesem Jahr gehört habe.
Geschichte am Rande: In den Paderborner Dom hielt der Adventskranz erst vor etwa 40 Jahren Einzug. Damals regten sich die zumeist älteren Prälaten über das "luttersche Dings" noch fürchterlich auf. O selige Zeit!

Andreas hat gesagt…

Danke für das dicke Lob ... die Fortsetzung kommt dann auch noch irgendwann, voraussichtlich im Advent 2015 ... ;-)