Montag, 22. Dezember 2014

Kirche als Abfall?

Zur liebsten Masche progressiver Kräfte zählt der Versuch, "die Kirche" als versteinerte Institution zu denunzieren und gegen ein "gelebtes Christentum" auszuspielen. Wer sich in diesem Kontext beispielswegen auf das Lehramt beruft und die kirchliche Disziplin anmahnt, wird nicht selten als Christ - meist unterschwellig, zuweilen auch offen - deklassiert: Man berufe sich auf eine starre "Rechtskirche", wo doch nur das Leitbild einer flexiblen und geistig zu denkenden "Liebeskirche" den Menschen zum Christen machen könne, derweil Institutionalisierung auf Dauer Pharisäer hervorbringe. Daß Christus keine Kirche habe gründen wollen, ist eine unter heutigen Theologen häufiger anzutreffende Behauptung - erst später sei die "Jesusbewegung" zur "Kirche" geronnen. 
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Die Masche ist nicht neu. Vor einigen Tagen fiel mir ein kleines Bändchen mit Texten des Theologen Herman Schell (1850-1906) in die Hände. Schell ist eine etwas tragische Figur - seine Versuche, den katholischen Glauben in der Welt seiner Zeit überzeugend zu formulieren, wurden teilweise mißverstanden; Schell geriet unter Modernismusverdacht, zwei seiner Schriften landeten auf dem Index. Schell aber blieb der Kirche treu - so sehr, daß er in seinen letzten Lebensjahren schrieb:
Die Kirche ist die wesentliche Form des Gottesreiches. Die Ausgestaltung des Gottesreiches zur Kirche ist eine innere Notwendigkeit der Sache selbst, wie immer sie betrachtet werde. Sie liegt aber auch in der Folgerichtigkeit aller Worte und Taten, durch welche Jesus das Gottesreich beschrieb und begründete. Was Gottesreich sein soll, kann es nur sein, wenn es zur Kirche wird ...
Die Kirche im katholischen Sinne ist der Aktivismus des Gottesreiches: seine Wesenserscheinung, seine tatkräftige Selbstbehauptung, seine Liebesgemeinschaft, die Selbstverwirklichung seiner inneren Lebendigkeit, seiner Tatkraft, seiner Liebespflicht. Die Kirche ist nur dann ein Abfall vom Evangelium, wenn der Leib ein Abfall von der Seele, wenn der Wille ein Abfall vom Gedanken, wenn die Tat ein Abfall von der Idee, wenn die Gemeinschaft ein Abfall von der persönlichen Selbstständigkeit, wenn die Nächstenliebe ein Abfall von der Selbstliebe ist.
Herman Schell: Christus. 1923. S. 171 f. - hier zitiert nach: Herman Schell: Kirche und Gottesreich. Die Kirche als Selbstverwirklichung des Gottesreiches der Innerlichkeit und Tatkraft, der Liebe und des Lebens. Aus H. Schells Christusbuch ausgewählt und eingeführt von Josef Hasenfuß. Freiburg 1957.

1 Kommentar:

Tarquinius hat gesagt…

Jesusbewegung...ich kriege auch gerade langsam aber sicher immer heftigere allergische Reaktionen, wenn ich das Adjektiv "jesuanisch" höre ...