Samstag, 27. Dezember 2014

Johannes und der Haß der Frommen

 Johannes auf Patmos - Fenster im Kapellenkranz des Freiburger Münsters 
Zum heutigen Fest des hl. Apostels und Evangelisten Johannes habe ich mir ein Büchlein gegriffen und mich beim Einkaufen in eine Kaffee-Ecke verzogen, um ein wenig darin zu lesen: Johanneische Botschaft von Romano Guardini, Meditationen zu verschiedenen Worten aus dem Evangelium und den Briefen des hl. Johannes.
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Hängen geblieben bin ich bei einer Erwägung, die uns vielleicht mehr angeht, als wir eingestehen mögen. Sie entstammt einem Kapitel, das die Überschrift "Der Haß gegen Gott" trägt und an das Herrenwort "Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat" (Joh 15, 18) anknüpft. Guardini spricht nicht nur vom Haß anderer Menschen gegen Gott, von dem wir uns womöglich indirekt betroffen sehen, der Regung selbst aber völlig enthoben wähnen könnten ...
Christus steht in der Welt als Zeugnis für Gott; als seine Epiphanie; Gott ist so, wie Christus ist. Der Mensch kann das Zeugnis annehmen, kann es aber auch ablehnen; kann lieben, oder kalt bleiben, oder hassen.
Jeder kann es, auch wir. Sage doch jeder: auch ich. Jeder hat schon wenigstens die Vorläufer des Hasses gefühlt: die Verlegenheit, die es bringt, wenn er sich zu Ihm bekennen soll; das Unbehagen, die Gereiztheit, den Widerstand, die vor der Gestalt oder Worten Christi erwachen. Keiner weiß, wann das einmal zum Haß wird. Wir sehen ja, wie die halbe Welt davon überflutet ist (S. 50).
"Vorläufer des Hasses" - ein hartes Wort, gegen das man Einspruch einlegen möchte, denn schließlich ist man doch ein guter Christ oder bemüht sich zumindest, ein solcher zu sein. Aber vielleicht ertappen wir uns zuweilen ja doch dabei, wie wir insgeheim Gebot und Weisung des Glaubens, die Worte Gottes, den Weg Christi, die Ausdeutung durch die Ekklesia verwünschen, weil sie uns und unseren Plänen im Weg sind. Das ist gewiß noch kein Haß; christliches Leben in diesem Aion ist immer auch ein Ringen um Gott und mit Gott - aber es sind Vorläufer des Hasses, Frühformen, die sich zum Haß weiter entwickeln können. 
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Dieser Haß, so denke ich, kann sich in seinen Prägungen mitunter sehr gut maskieren und ganz unterschiedliche Formen annehmen - und gerade deswegen müssen wir auf der Hut sein ... denn es tritt mitunter auch eine Art "Gotteshaß" der "Frommen" an den Tag, die sich längst gegen und jenseits von Gott und der Ekklesia ihren eigenen "katholischen" und "reinen" Glauben gebastelt haben und damit ihre Umwelt, ihre Mitmenschen, ihre Mitchristen terrorisieren - und Wehe! sie werden um Gottes Namen willen ermahnt und zurecht gewiesen: Sie schäumen darob innerlich vor Haß und merken es zumeist nicht einmal mehr. Doch ihr Verhalten, die Ausstrahlung verrät die beklagenswerte Misere.
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Der heilige Johannes, der geschrieben hat, daß Gott die Liebe sei, helfe uns durch seine Fürsprache, unsere Welt und uns selbst auf Gott hin durchsichtig zu machen, wie er "die unmittelbare Gegenwart auf das Jenseitige hin durchsichtig" (Guardini) gemacht hat ... ora pro nobis!
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Romano Guardini: Johanneische Botschaft. Meditationen über Worte aus den Abschiedsreden und dem ersten Johannesbrief. Freiburg 1966. Das Bild zeigt ein Fenster aus dem Chorumgang des Freiburger Münsters mit Johannes auf Patmos (Original im Augustiner Museum Freiburg).

Kommentare:

Arminius hat gesagt…

Ich habe mir dieses Buch jetzt einfach mal bei Amazon bestellt.

viasvitae hat gesagt…

Der Beitrag hat mich ziemlich gefesselt und regt sehr zum Weiterdenken an, ohne in irgendeiner Weise verurteilend zu sein, vielen Dank dafür!

Tarquinius hat gesagt…

Du hast ein Talent dafür, den Finger auf die seelischen Wunden zu legen ... Es sei Dir gedankt!