Freitag, 12. Dezember 2014

Die Dauer der Messe und die Zahl der Zeit

Wie lange soll oder darf eine stille, in der außerordentlichen Form gefeierten Messe dauernd? Das Thema trieb gerade den lieben Tarquinius auf seiner Denzinger-Seite um. Das Ergebnis: 30 Minuten. Ich hab's gelesen und mich geschüttelt, auch wenn's im Namen von Papst Benedikt XIV. und unter dem label des hl. Alphons von Liguori dekretiert wird. Die Vorgabe ist mir gar geläufig und ich weiß, daß sie auch heute noch in altrituellen Gemeinschaften zuweilen kommuniziert und erwartet wird, aber das macht die Sache keineswegs besser. Man kann doch nicht das Mysterium dem seelenlosen Ticktack einer Uhr unterwerfen ...
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Daß ein Zelebrant die Feier des eucharistischen Mysteriums nicht über Gebühr verzögert und zudem Rücksicht nimmt auf die Mitfeiernden und deren tägliche Obliegenheiten, versteht sich von selbst. Was also soll uns heute dieser Regulierungszwang? Ist er nicht vielmehr mit ein Grund für die kirchliche Verwahrlosung, derer wir heute allerorten gewahr werden, da man zwischenzeitlich glaubte, sich aller möglicher Vorgaben entledigen zu können, und mit den unsinnigen dann eben auch der sinnvollen?
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Doch zurück zu den 30 Minuten, die man für eine Messe im besten Falle aufwenden solle oder müsse oder könne ... vor einer Weile las ich bei Erich Przywara SJ einige erwägenswerte Gedanken grundsätzlicher Art, die mit dieser Frage auf den ersten Blick nichts zu tun haben, die man aber durchaus auch darauf beziehen könnte ...
... Und was der Kalender nicht vollbringen kann, das muß die Uhr vollenden. Denn ist in ihrem Vorwärtseilen und erst recht in ihrem hörbaren Ticken das Unheimliche des Kommens und Gehens nicht eingefangen in das Einheimelnde eines Rhythmus, den man "in der Hand" hat? Übertickt nicht die tickende Uhr das, wovor der Mensch flieht: die Leere, in der er ohnmächtig harren muß, ob überhaupt etwas kommt, - ob überhaupt noch ein Augenblick seines Lebens neu kommt -?
Und was ist diese Zeiteinteilung in sich selbst? Zählen. Das rein mechanische 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10. Zwängen wir aber damit nicht alle Unterschiede der Schöpfung in diesen Mechanismus: das Leben und Schaffen des Menschen, das Spüren und Schnuppern und Schmecken und Fressen der Tiere, das Einatmen und Ausatmen der Pflanzen, das Spiel der Atome, - all das dasselbe 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10? (...) 
Was tut der Mensch mit seinem Zählen also, wenn nicht - die Formfülle der Schöpfung zu einem reinen Mechanismus degradieren, den es nicht einmal wirklich gibt? Und sagt uns nicht auch noch die sogenannte Relativitätstheorie, daß das wirkliche Kommen und Gehen mit unserer sogenannten "einheitlichen Zeit" nicht "einig" geht?
Aber in dieser Groteske birgt sich das Geheimnis. Alles Zählen beruht auf dem Satz : 1 ist 1. Das Feste, Bleibende, Unwandelbare dieser 1 ist die Grundlage. Nur einer aber ist der Feste, Bleibende, Unwandelbare: "Ich Bin, der Ich Bin", "Ich bin, der ist". Die mechanistische Zahl der Zeit ist die Anmaßung dieses "ist", das Gott ist. Die mechanistische Zahl der Zeit will das Nichts der Kreatur zudecken, - und überantwortet sie damit dem reinen Stoff. Zwischen Gott, dem wahren Ist, - und dem reinen Mechanismus, der eine Erfindung ist, so steht die Frage. Zwischen dem wahren Gott und der Lüge! Sich decken lassen durch die Lüge der Zahl der Zeit oder durch das Geheimnis der Ewigkeit Gottes! Dich verdecken lassen durch die Lüge der Zahl der Zeit, - zur Maskerade des Elends! Oder dich über-decken lassen durch das Geheimnis der Ewigkeit Gottes, - zum Tragen seiner sichtbaren Gestalt!
Soweit Pryzwara. Es erwarte mithin keiner von mir, mich frohen Herzens der Meinung anschließen zu können, eine "gute Messe" brauche 30 Min.
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Erich Przywara SJ: Christliche Existenz. Leipzig 1934. S. 104 ff. Der Beitrag von Tarquinius ist hier zu finden.

Kommentare:

Alexander hat gesagt…

Aha.

Tarquinius hat gesagt…

Der gute Alphons empfiehlt auch - und hier mögen sich die Zeitlosen erneut schütteln - eine halbe Stunde Vor- und Nachbereitung der hl. Messe. So fügt sich alles in großer Gleichförmigkeit. ;-)

Andreas hat gesagt…

*seufz*