Montag, 10. November 2014

Zwei Sonette über Pius XII. (1)

Ein Widerhall der - gestern erwähnten - Begegnung zwischen Reinhold Schneider und Pius XII. klingt womöglich noch einige Jahre später in zwei Sonetten auf, deren erstes gegen Ende des Krieges, das zweite hingegen wohl nach Kriegsende entstanden ist; beide sind sie mit "An den Heiligen Vater" überschrieben. Eines davon soll heute in Erinnerung gebracht werden, das andere in den kommenden Tagen.
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Nicht zuletzt aus seiner Schwermut heraus war Schneider ein Mann von feiner Einfühlung. Die Zeilen scheinen mir etwas von der Idee einer Sendung zu verraten, die der Dichter in der Gestalt des Papstes zu erblicken glaubte: Der Appell dieser Verse richtet sich nicht an den Politiker, sondern an den Propheten. Hierin sah Schneider offenbar die dem Papst damals eigentümliche Aufgabe, ja: den von ihm vor allem zu erfüllenden Auftrag in den Wirren der Zeit. Der Eindruck des Dichters ist mithin auch Zeitzeugenschaft! So gesehen haben wir es mit Mosaiksteinen zu sein, die einem Bild zugetragen werden müssen, das nach der Rolle des Papstes in der Geschichte fragt - sowohl nach deren Möglichkeiten, als auch nach deren Grenzen hin -, und diese zu beurteilen trachtet.
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AN DEN HEILIGEN VATER [1944]
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Wann wirst du betend zu den Gräbern reisen
Und durch die Trümmerstädte segnend ziehn?
Sieh, wie die Dürstenden am Wege knien
Und die Zerknirschten dich als Retter preisen!
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Du wirst die trocknen Brunnen wieder speisen
Am großen Tag, da die Entzweier fliehn;
Wo des Verderbers ganze Macht erschien,
Lenkst du den Geist nach rein bewahrten Kreisen.
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Doch pilgre weiter bis zum fernsten Saume,
Da in der Steppe trüb der Brand verschwelt,
Geh' arm, verfolgt, in Christi Herrlichkeit!
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Dein Segen baut am unsichtbaren Raume,
Den göttlich Leid und Menschenleid beseelt.
Wo du erscheinst, vollendest du die Zeit.
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Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 140.

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