Sonntag, 30. November 2014

Vom Kirchenjahr im Spannungsfeld der Ohnmacht

Welchen Stellenwert hat der Begriff "Kirchenjahr" eigentlich in unserem Leben? Denn, Hand aufs Herz, wir "ticken" (aus vielerlei, nicht zuletzt praktischer Notwendigkeit) stark im Rhythmus des bürgerlichen Jahres - und vergessen darüber allzu oft, daß Gottes "Zeit" die allerbeste Zeit sei.
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Dazu habe ich einige Gedanken von Erich Przywara SJ gefunden, die vielleicht helfen können, uns dieser "Gotteszeit" samt der Rahmen- und Grenzsetzungen etwas bewußter zu werden, und die in den letzten Absätzen überdies in die Skizze einer christliche Geschichtsphilosopie münden, die uns zuweilen trösten könnte ...
... Das Entweder-Oder ist dies: vor Gott fliehen in den Mechanismus des "bürgerlichen Jahres", - oder Gott sich übergeben hinein in das "Kirchenjahr", teilzunehmen am Leben Gottes in dieser Zeit, an Seiner Majestät in der Ohnmacht dieser Zeitlichkeit. Diese zwei sind unmittelbar zueinander: unsere Ohnmacht und Gottes Majestät. Unser Nichts sehen wir unverhüllt, wenn wir sehen, daß nur eins ihm antwortet: "Deine Majestät". (...)
Göttliche Majestät als die Ohnmacht des Kindes in der Krippe, Göttliche Majestät als die Ohnmacht des geängsteten Opfers in Gethsemani. In der äußersten Ohnmacht des empfangenden Lebens, das hilflos dem Blutkreislauf eines fremden, wenn auch des mütterlichen Lebens preisgegeben ist, tritt die Göttliche Majestät in die Welt. In der äußersten Ohnmacht des sterbenden Gehenkten, hilflos zwischen Himmel und Erde, scheidet die Göttliche Majestät aus der Welt.
Das aber ist der immer neue Lauf des Kirchenjahres: zwischen äußerster und äußerster Ohnmacht der Einen Göttlichen Majestät. Der Advent führt in die Ohnmacht des Kindes von Bethlehem, die Fastenzeit in die Ohnmacht des Gekreuzigten von Golgatha. Freilich sind auch zwei Zeiten, in denen das Geheimnis dieser Ohnmacht durchsichtig wird in die Herrlichkeit der Göttlichen Majestät. Auf die Ohnmacht der Weihnacht folgt der Glanz der Erscheinung des Herrn: "Surge et illuminare, Jerusalem!" "Steh auf und werde Licht, Jersualem!" Und auf die Ohnmacht der Karwoche folgt der größere Glanz der Auferstehung des Herrn: im dreifachen Alleluja. Und beides krönt sich im vollendeten Glanz der Pfingsten und des Dreifaltigkeitsfestes: da die Offenbarung des Heiligen Geistes die Glorie der Tiefen des dreipersönlichen Lebens der Gottheit öffnet.
Aber im Geheimnis der Pfingsten sprüht das Feuer des Heiligen Geistes hinein in die Kirche, so wie sie im Sionssaal versammelt ist: die "kleine Herde", ohnmächtig gegen die große Welt, ohnmächtig aber auch in den kommenden eigenen Streitigkeiten zwischen Judenchristen und Heidenchristen, und dies als Vorspiel aller kommenden Ohnmachten. (...)
Das ist also der grundlegende Sinn des Kirchenjahres als des "Jahres des Christen": es hebt die Ohnmacht des Menschen nicht auf, sondern weiht sie hinein in die Ohnmacht des menschgewordenen Gottes. Und so wird das scheinbar Unerlöste und Unerlösbarste in uns, unsere Ohnmacht, wird sie der Weg und die Weise der Erlösung. Denn durch die Ohnmacht des menschgewordenen Gottes sind wir erlöst. Adoramus et benedicimus Te, Christe, quia per crucem Tuam redemisti mundum ...
Erich Przywara SJ: Christliche Existenz. Leipzig 1934. S. 106 ff.

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