Sonntag, 23. November 2014

Vom Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte

Es gilt in der Dogmatik als eine sichere Aussage unter Theologen, daß die Ekklesia als die von Christus gestiftete Heilsanstalt bis ans Ende der Welt bestehen werde; sie ist, so der Fachbegriff, "indefektibel". Im Gericht wird sie der Kyrios als seine Braut heimführen und ihr eine neue Gestalt geben: Die vollendete Gemeinschaft der Heiligen - dann wird die Ekklesia weder eine streitende sein und nicht mehr eine leidende, sondern nur noch in der Zusammenführung zum Reich Gottes triumphieren.
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Wenngleich die Ekklesia in ihrer Pilgerschaft durch diesen Aion nicht fallen kann, so kann sie doch verwüstet werden, wie es uns das Evangelium (Mt 25, 15-35) heute am letzten Sonntag des Kirchenjahres nahelegt. Und vielleicht denken wir zuweilen, bereits Zeugen einer anbrechenden Verwüstung, eines heraufziehenden "Greuels an heiliger Stätte" zu sein. Vielleicht sind wir dann zuweilen irritiert, beginnen ob solcher Eindrücke an der Ekklesia und an ihrer Sendung zu zweifeln.
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Zur Einstimmung auf den heutigen Sonntag habe ich gestern eine Predigt des vom "NS-Volksgerichtshof" zum Tode verurteilten und 1945 ermordeten Paters Alfred Delp SJ gelesen. Es folgt ein Auszug, der uns helfen kann, das, was wir womöglich gar als "Zeichen der Zeit" zu erkennen vermeinen, im Glauben einzuordnen:
... Hören Sie die Botschaft des heutigen Evangeliums, dessen Schlußwort lautet: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Da sind zwei Dinge gesagt: Eines wird bestehen und vieles wird nicht bestehen. Und vorher wird gesagt, was alles nicht bestehen wird.
Da heißt es: Wenn ihr am heiligen Ort den Greuel der Verwüstung seht, der vom Propheten Daniel vorausgesagt wurde - wer es liest, der erwäge es wohl! -, dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge. Denn es wird alsdann eine so große Bedrängnis sein, wie sie vom Anfang der Welt an nicht war, auch fernerhin nicht mehr sein wird.
Da ist das erste, was dem Menschen weggenommen wird als bleibender Ort und als sicheres Asyl: Wenn ihr den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte seht. Da wird uns Frommen, Gerechten, ein Phantom und eine Utopie zerschlagen, als ob wir uns in unserem Heiligtum einnisten könnten und dort im heiligen Raum, an heiliger Stätte, im Besitz der Botschaft sicher wären und geborgen vor den Schicksalen und Abstürzen und Auf- und Untergängen und dem dauernden inneren Wandel des Lebens. Das Heiligtum, die heilige Stätte ist dem Greuel der Verwüstung überantwortet.
Auch das, was von unserem Heiligen her sichtbar in die Welt, in die Geschichte hineinragt, auch das ist kein Asyl, auch das ist kein Rest vom Paradies, auch das ist offen und ist Geschichte und ist Mühsal und wird immer wieder unter die Gewalt geraten und unter die Räder geraten und irgendwann einmal verwüstet werden, damit wir auch da wissen, wo Wirklichkeit ist und wo Aufgabe ist und wo Verheißung ist. Wer es liest, der bedenke es wohl, daß er nicht erschüttert wird und kleinmütig ist und anfängt, zu fragen und zu sagen, wenn er an heiliger Stätte den Greuel der Verwüstung sieht.
Da steht es: Die heilige Stätte ist nicht das, was bleiben wird in Ewigkeit, sondern das Wort des Herrn, das an den Menschen ergangen ist und in den Menschen eine Aufnahme gefunden hat und dort innerlich eine Ordnung, eine Haltung, eine Welt hervorgerufen, hervorgeschaffen hat, die in diesem Greuel sich bewähren soll und in deren Bewährung auch der Greuel im Heiligtum erst seinen Sinn und seine letzte Beantwortung findet ...
Alfred Delp SJ: Zwischen Welt und Gott. Herausgegeben von Paul Bolkovac SJ. Frankfurt 1957. S. 295 ff.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Ein ganz wunderbarer Text, möchte man sagen, würde nicht der Inhalt so sehr von Verwüstungen künden! Dankeschön!

Ester hat gesagt…

ebenfalls Danke dafür.
Ich finde es tröstlich was Alfred Delp da gesagt hat, weil es einem frei macht, und hilft nicht zu verzweifeln an aktuellem.