Donnerstag, 20. November 2014

Sicut locutus - wenn Töne sprechen

Dilettantus aus dem Thomas sein Abendland, gesegnet mit Haar und Bart den Patriarchen gleich, hat meinen enthaarten Beitrag von gestern kommentiert. Derweil ich's las und auf Antwort sann, hatte ich plötzlich einen Ohrwurm - eine vokale Fuge aus Bachs Vertonung des Magnificat:
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Sicut locutus est ad patres nostros,
Abraham et semini eius in sæcula.
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Wie er gesprochen hat zu unseren Vätern,
zu Abraham und seinem Samen in Ewigkeit.
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Früher hatte ich eine Aufnahme des Magnificat mit der Gächinger Kantorei unter Helmut Rilling. Der Satz vor dem Gloria Patri war für mich immer der heimliche Höhepunkt dieser Interpretation: Rilling nahm das Sicut locutus est in einem eher zurückgenommenen Tempo, sozusagen würdig schreitend: Ich ahnte etwas in dieser Musik, was mich faszinierte, was ich aber damals nicht in ein konkretes Wort fassen konnte. Das Pneuma dieser Musik aber sprach mich an: Sicut locutus ...
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Später, die Scheibe mit den Gächingern war einer Schramme wegen ruinös und neu nicht mehr aufzutreiben, hörte ich andere, jüngere Interpretationen dieses Werkes, im Geist historisch informierter Aufführungspraxis eingespielt von Dirigenten, Chören und Orchestern, welche auf die Musik Bachs und dessen Zeit eingeschworen waren: Glasklar die Intonation der Sänger, die Artikulation auf den Punkt gebracht, feingliedrig die Agogik, federnd die Rhythmen ... und es ward mir die Fuge zum Davonlaufen, zu schnell, zu hektisch, zu eilends. Die Musik sprach gewiß noch zu mir, aber sie raunte nun nicht mehr das Hochpreiset einer Seele angesichts der Größe des Herrn, sie machte sich nicht auf den Weg in mein Herz und brachte mein Herz auch nicht auf den Weg, sondern klärte mich über authentische Interpretationsansätze auf.
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Nachdem durch des lieben Dilettanten Kommentar der Ohrwurm gesetzt war, stöberte ich vorhin auf Youtube nach Rillings Version - und fand sie auch. Der Chor wird zwar nicht genannt, aber es ist die richtige Aufnahme. Und derweil ich den kurzen Satz wieder höre, sehe ich die Ekklesia des Alten und des Neuen Bundes auf ihrem Pilgerweg zu Gott, der gesprochen hat zu Abraham und seinem Samen, zu den Kindern Abrahams und auch zu uns, und im Hinfortschreiten durch diesen Aion kommen mir Worte aus den Hymnen an die Kirche von Gertrud von le Fort in den Sinn:
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Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.
Ich bin die Straße aller ihrer Straßen:
Auf mir ziehen die Jahrhunderte zu Gott!

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... der Verheißung entgegen, dem Logos, gesprochen in Ewigkeit!

Kommentare:

viasvitae hat gesagt…

Ein sehr schöner Beitrag, der mich wiederum angesprochen und mir das kleine Stückchen Bach durch Deine lebhaften Ausführungen direkt erschlossen hat. Nett auch, dass wir beide heute Abend musisch inspiriert waren.

martina hat gesagt…

Sehr schön!

Andreas hat gesagt…

Grazie!

dilettantus in interrete hat gesagt…

Diese Bachfuge (im Schützstil wegen "patres nostros") gab es übrigens vor einem Vierteljahrhundert bei einer - scil. meiner - Hochzeit!

Andreas hat gesagt…

Es muß schön sein, unter solchen Klängen und Worten, unter dieser buchstäblich Musik gewordenen Zusage Gottes zu heiraten!

Hab ich eigentlich zur Silberhochzeit gratuliert ...? Wie auch immer: Gottes Segen!