Dienstag, 18. November 2014

Sententiæ LXXVI

Im 18. Jahrhundert wurde der Glaube tödlich getroffen. Die Geistlichen fanden die Kirche zu dunkel; am Querschiff und in der Nähe des Chores ließen sie alte Fenster herausbrechen und durch weiße, nüchterne ersetzen. Der Tag wurde zum Freund; das Diesseits erlangte Zutritt zur Kirche, und die Ewigkeit wich zurück. Man glaubte vereinen zu können, was unvereinbar war. Das Grau der Erde flutet von nun an in das Querschiff und zwischen die Säulen der Apsis; es wird nicht mehr verwandelt in die glühende Verheißung roter Kelche auf dunklem Grund; gramvoll und nüchtern, wie es auf den Häusern lastet, mit aller Schwere unüberwundenen Leidens entheiligt es den Altar.
Reinhold Schneider, Die Kathedrale im November (Chartres)

Kommentare:

Alexander hat gesagt…

Das Paradoxon ist eigentlich ein anderes: Die Erfindung der Glühbirne hat mehr Schaden angerichtet, als es atheistische Haßprediger je vermocht haben. Mit dem Schwinden der alltäglichen Finsternis kam der Glaube auf, der Mensch könne sie, die Finsternis, allein Kraft seines Verstandes besiegen. Als das nächtliche Dunkel der elektrischen Straßenlaterne wich, verschwand auch die Angst vor der Macht des Finsteren und Bösen. Der Teufel war tot: Wozu braucht man dann noch Gott?

Andreas hat gesagt…

Wobei die Proklamation einer Allpotenz menschlicher Vernunft bereits vor Erfindung der Glühbirne über die Bühne gegangen ist ... ;-)

Aber in der Tat geht mit der Vermessung und einer technischen Bezwingung der Natur gerne die Ansicht einher, man hielte nun jenen Stein der Weisen in der Hand, über den hinaus es nichts mehr zu erfragen geben könne.

Alexander hat gesagt…

Mag sein. Aber es ging um das Licht in den Kathedralen und Kirchen. Das Spiel zwischen dunklen und hellen Räumen und Ecken.

Es sollte in jeder Kirche eine dunkle Ecke geben, in der man seinen Glauben, ungesehen, auch ausweinen kann. Der moderne Pfaff' hat dann irgendwann alles mit der Glühbirne ausgeleuchtet, was höchstens der Kerze vorbehalten war. Er hat das Licht des Glaubens durch die Glühbirne gelöscht.

Der Glaube gedeiht nur im finsteren Tal. Er ist der Weg, der aus der Dunkelheit führt. Da wo nur noch Licht ist, gibt es keinen Glauben an eine bessere Welt im himmlichen Gefilden.

Dieser Widerspruch muss sich gerade in der Kirche widerspiegeln. Nicht umsonst waren die Fenster der Kirchen in der Zwischenzeit so kunstvoll ausgestaltet. Man hätte, ginge es nur um Erleuchtung, auf gefärbtes Glas von vornherein verzichtet. Man wollte mit dem strömenden Licht die Geschichte Jesu erzählen. Daher die, zum Teil, sehr kunstvolle Lichtführung in sakralen Räumen.

Die Glühbirne, nicht die Kerze, hat diese Geschichten ausgelöscht.