Freitag, 28. November 2014

Seite eins (5)

I. Einleitung oder der Versuch, eine Frage einzukreisen
Wer war Romano Guardini? Diese Frage schienen jene, die ihn unmittelbar kannten, und die noch größere Schar seiner Leser klar beantworten zu können. Doch eine Zeitlang wurde die Frage nicht mehr gestellt: Ein Vergessen hatte ihn schon einige Jahre vor seinem Tod eingeholt. Über den Kreis seiner freilich treuen Freunde hinaus war sein Werk in der Öffentlichkeit weder wirkend noch wirklich; die Sprache galt als nicht mehr ansprechend, die Gedanken als nicht mehr zu bedenken.
Seit kurzem aber taucht die Frage nach Guardini wieder auf, und diesmal wird sie mit jener Frische gestellt, die einem solchen Vergessen folgt: nämlich von all denen, die ihn neu lesen, erstmals, nicht im Bannkreis der Bewegungen, in denen Guardini wirkte, sondern nur - was der Prüfstein eines Werkes ist - im Bannkreis seines Denkens. Und über die beanstandete Sprache, das Zeitgebundene hinweg scheint erneut etwas Ursprüngliches, der Charakter des Wahren, Richtigen und Richtenden darin hervorzutreten.
Ist also auch im Werk enthalten und zur Dauer gebracht, was nicht wenige Personen als das Bezwingende an seinem Vortrag, an seiner Person erinnern? Noch leben einige aus dem Kreis sogar seines jüngeren und mittleren Mannesalters, einige auch, die sein Leben dienend begleitet haben, nicht zu vergessen die vielen Hörer, die noch in den sechziger Jahren zu Hunderten den Hörsaal füllten. Fragt man sie, so kommt eine erstaunliche, nicht selten aufleuchtende Freude an dem alten Lehrer zu Tage, die Erinnerung an Kostbares, wie es sich nicht oft einstellt. Das am meisten Erstaunliche ist freilich, daß es Hörer verschiedenster geistiger Herkunft und Ausrichtung sind, Hörer, die auch vielfältige Folgerungen für ihr Denken gezogen haben: Guardini scheint eine Wirklichkeit im Leben berührt zu haben, die frei ließ, wie er sagen würde, "vom Wesen her" - in der Überholung alles unentschieden Liberalen. Autorität also, die den anderen zu seinem Eigensten wachsen läßt. Dies ist nur möglich in der Bindung an Wahrheit - vielleicht das Grundwort Guardinis. Er selbst empfang sie zuweilen "wie ein Wesen im Raum stehend".
Hanna-Barbara Gerl (-Falkovitz): Romano Guardini 1885-1968. Leben und Werk. Mainz 1985.

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