Montag, 24. November 2014

Im Abgrund der Nacht

Vor einer Weile las ich Reinhold Schneiders Erzählung Die dunkle Nacht des heiligen Johannes vom Kreuz. Einen breiten Raum nimmt darin die Gefangenschaft des Heiligen im Karmel zu Toledo ein; Johannes wurde in ein kleines Verlies eingekerkert, denn nicht wenige seiner Mitbrüder sahen den Reformeifer, mit dem Johannes - an der Seite der hl. Teresa von Ávila - den Karmeliterorden zu strenger Zucht zurückführen wollte, mit mehr als nur Argwohn. Schneider fängt das in einigen Vorwürfen auf, die er dem Klosteroberen von Toledo in den Mund legt:
"Was ermächtigt dich", rief der Prior, "die milde Form gläubigen Lebens, in der deine Brüder dem Herrn dienen, beschämen zu wollen durch die strengere Regel der Nonne zu Ávila? Fühlt ihr nicht, daß euer Dasein ein immerwährender Vorwurf ist für diejenigen, die weniger hoch denken von den eigenen Kräften, von den Tugenden, die sie erreichen können? Aber ich glaube, eben diesen Vorwurf habt ihr gesucht ..."
Man liest eine solche Erzählung nicht im luftleeren Raum. Während der Lektüre mußte ich oft an die Franziskaner der Immakulata denken. Natürlich wird deren Gründer P. Stefano Maria Manelli nicht in einem feuchten Verlies weggesperrt, nicht bei jeder Mahlzeit im Refektorium öffentlich gedemütigt und geschlagen, wie Schneider es dem hl. Johannes in seiner Erzählung widerfahren läßt. Heute gibt es andere Methoden der Zermürbung; man muß auch keinen Eber den Weinberg des Herrn verwüsten lassen. Zwischenzeitlich tut's auch ein Fuchs. Und keineswegs will ich Manelli auf eine Stufe mit dem hl. Johannes vom Kreuz stellen, aber angesichts der undurchschaubaren Vorgängen samt nebulöser Begründungen, die gegen die Franziskaner vom Stapel gelassen wurden und werden, scheint mir ein Vergleich keineswegs aus der Luft gegriffen. 
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Bitten wir den hl. Johannes vom Kreuz heute an seinem Festtag um Fürsprache für diesen Orden und dessen Gründer, aber auch für jene, die diesem Werk schaden ... ora pro nobis!
Wie matt waren diese Schläge, wie arm und matt waren der Haß der Menschen und alle Künste ihrer Verfolgung! Furchtbar war nur die Einsamkeit der Liebe auf Erden. Denn sie sucht ihre Heimat bei den Menschen oder in den Abgründen oder in der Schönheit der Welt, welche Schönheit selbst in der Verbannung ist; und erst nachdem sie aller Wege müde wurde, ahnt sie den einen, den sie nur hinaufgelangt, wenn sie getragen wird. Einst hatte er über der Betrachtung des Kreuzes den Anfang dieser tragenden Liebe gespürt, und seither war er auf der Suche nach ihr gewesen, oder vielleicht hatte auch sie ihn gesucht und geführt, und selbst die steile Treppe seines Kerkers hätte er wohl nicht beschritten ohne sie; im Abgrund der Nacht mußte sie ja auf ihn warten. Aber jetzt ließ sie ihn allein ...
Die Zitate aus: Reinhold Schneider: Die dunkle Nacht. Erzählungen. Freiburg 1960. S. 18 und 32 f.

Kommentare:

Windlicht hat gesagt…

Da waren wir ja in denselben Gedanken verbunden :-) Die dunkle Nacht...ist auch der (letztlich unbetrachtbare und unsagbare) Höchstfall des Gehorsams. Armer Padre Stefano :-(

Andreas hat gesagt…

Armer ... in der Tat.

Es ist eine Schande und traurig, was man einem Ordensmann, 81 Jahre alt und ein treuer Diener der Ekklesia, antut; das läßt mich zuweilen an eine Stelle bei Wagner denken, der dem Tannhäuser in dessen Romerzählung die Worte "da ekelte mich der holde Sang" in den Mund legt.

Ester hat gesagt…

Im kleinen passiert ähnliches ja ständig!
Ich sag es mal plakativ, irgendwelchen Kommunionmüttern, die sich schon im Kindergarten durch wilde Lästereien über alles was heilig ist, hervorgetan haben, denen brät man jede Extrawurst, die diese noch nicht mal artikulieren, aber den drei alten, zugegeben etwas merkwürdigen, aber frommen Frauen, die einfach nur in der Kirche Rosenkranz beten wollen, denen legt man Knüppel in den Weg, das ist nur noch lächerlich!
Irgndwann einmal bin ich drauf gekommen, dass nur der Fromme sich das gefallen lässt, der nichtfromme, sagt oder denkt ein paar unanständige Wörter, kommt sich cool vor und lässt sich nichts, was die Kirche tut oder nicht tut, treffen, weil ihm die Kirche egal ist, auch dann noch, wenn er von ihr was fordert.
Manchmal denke ich, die Modernist, sind ob dem Desinteresse, derer, von denen sie geliebt werden wollen, so frustriert, (weil ihre Bemühungen auf den Hochzeiten der Welt zu tanzen, so vergeblich (frustra) sind) dass sie deshalb auf diejenigen losgehen, die sie, wegen des Amtes, ernst nehmen....

Tarquinius hat gesagt…

Es mag allein trösten, dass der Herr ihm auf diese Weise eine weitere Krone in der Ewigkeit verschafft...