Donnerstag, 27. November 2014

... die jetzt vom Feuer gefressen wird.

 Freiburg - Hauptfriedhof 
Während ich diese Zeilen schreibe, wandern die Gedanken zu Menschen, die vor 70 Jahren in Freiburg lebten. Zu dieser Stunde, in diesen Augenblicken, saßen sie in den Kellern der Stadt ... 19.48 Uhr Voralarm ... und zitterten und litten unter dem Inferno, das über sie hereingebrochen war ... 19.58 Uhr fielen die ersten Bomben. Ich schaue soeben auf die Zeitangabe am Bildschirm: 20.13 Uhr. Siebzig Jahre zurück und noch acht Minuten, bis die todbringende Last unzähliger Spreng- und Brandbomben abgeworfen war und das Zentrum der Stadt zu weiten Teilen im Feuer stand. 2.797 Menschen, so die offizielle Zahl, ließen an diesem Abend und in dieser Nacht im November 1944 ihr Leben. 11.000 andere hatten hernach kein Obdach mehr.
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Die Bewohner des Hauses, in welchem heute ich wohne ... auch sie saßen jetzt, in diesen Minuten vor 70 Jahren, unten im Keller. Das Haus wurde nicht getroffen, wie es auch kaum zu Schäden in diesem Quartier kam, obgleich das Bahnbetriebswerk nicht weit entfernt liegt ... irgendwie sind sie mir heute Abend nahe - in ihrer Angst und Not.
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Ein Blick auf den Bildschirm rechts unten ... 20:26 Uhr ... vor fünf Minuten war der Angriff damals vorbei. Wäre es heute, es läge, träte ich an das Schlafzimmerfenster und blickte nach Nordost, ein glühender Schein über dem Zentrum der Stadt, die jetzt vom Feuer gefressen wird.
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Gott erbarme sich euer und verwandle eure Angst und unser aller Schuld in Gnade und Leben!

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APOKALYPSE - V
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Wir wollen Dich nicht fragen in der Nacht,
Gewähre nur, daß wir die Ewigkeit
Mehr fürchten, Herr, als die Gewalt der Zeit,
Und Dich mehr fürchten als der Menschen Macht!
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Du hast der Zeiten großen Plan erdacht,
Die Not geheiligt und den Schmerz geweiht:
Was wär' der Glaube, sähen wir im Streit
Schon Deiner Sterne unverhüllte Pracht!
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Dein ist die Macht. Des Tieres Macht ist tot,
Ob seiner Kronen blutumrauchter Schein
Das stille Werk der Jahre überdeckt.
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Wir fragen nicht. Uns fordert Dein Gebot.
Wir tragen in die tiefste Nacht hinein
Dein mächtig Wort, das Tote auferweckt.
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(Reinhold Schneider).

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Reinhold Schneider: Die Sonette von Leben und Zeit, dem Glauben und der Geschichte. Köln und Olten 1954. S. 136. Im Bild ein Moment auf dem Freiburger Hauptfriedhof - unter dem Rasen vor der Einsegnungshalle ruhen die Gebeine der Opfer vom 27. November 1944.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Wenn mir meine Großmutter von "den Bomben" erzählt, da wird mir auch heute noch ganz anders. Zumeist denke ich nur nicht einmal daran, dass sie dort, vielleicht ein paar Meter von mir, vor 69 Jahren ängstlich kauerten....

Andreas hat gesagt…

Das ergibt sich sozusagen nur in bestimmten Momenten, denke ich, sozusagen aus einer Art Einheit von Ort, Zeit und Handlung (und wenn das Wort nicht so abgedroschen wäre, könnte man vom "Drama des Lebens" sprechen).