Samstag, 1. November 2014

Die brennende Kirche

Das himmlische Jerusalem - Rundfenster in der Dreifaltigkeitskirche, Freiburg 
Jahr um Jahr demaskieren sich einige sogenannte "Antifaschisten" kurz vor Heiligabend, indem sie sich im Internet über Brandstiftungen in Gotteshäusern freuen. Überschrieben sind diese Beiträge zumeist mit der Parole: "Die einzige Kirche, die leuchtet, ist eine, die brennt". Der Satz hat, das muß man ihm lassen, durchaus Witz - allerdings ist er auch nicht auf dem Mist unserer radikalen Zeitgenossen gewachsen, sondern stammt meines Wissens vom russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin (1842-1921). Nebenbei: Tauscht man den Begriff "Kirche" gegen "Synagoge" aus, ergibt das eine Schlagzeile, auf die das NS-Pamphlet Der Stürmer im November 1938 auch hätte zurückgreifen können ... aber das ist ein anderes Thema.
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Eigentlich hat der Herr Kropotkin etwas sehr Schönes und Tiefes über die Ekklesia gesagt - je nachdem, wie man den Satz wahr- und aufnimmt. Denn in der Tat leuchtet die Kirche umso strahlender, je mehr sie brennt - durchglüht vom Feuer der Liebe Gottes und der beständig antwortenden Liebe zu Gott. Das heutige Fest Allerheiligen stellt uns diese Ekklesia vor Augen: die ecclesia triumphans - sie ist die Kirche, die leuchtet, weil sie nichts mehr kennt, was noch zu verbüßen wäre, weil sie von nichts mehr weiß, was in ihren Gliedern noch befleckt wäre, weil nichts mehr an ihr ist, was die Herrlichkeit Gottes noch verstellen und verdunkeln könnte. In Gott geborgen und geheiligt, ist ihr Feuer die Liebe, ist sie schon jetzt das ewige Alleluia einer der Vollendung entgegen schreitenden Schöpfung.
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Wir hingegen stehen noch im Kampf: Nicht nur gegen die Welt draußen, sondern auch gegen die Welt in uns selbst; wir sind streitende Kirche an zwei Fronten. Manchmal mag der Mut sinken, sei es unseres eigenen Versagens wegen, sei es ob der Unzulänglichkeiten der anderen. Schauen wir derzeit nicht zuweilen ratlos und mutlos, kleingläubig und passiv auf manche Tendenz in der pilgernden und streitenden Ekklesia, der wir noch zuzählen? Wir, die wir doch "in Freude Dank sagen" sollen "dem Vater, der uns befähigt hat, Anteil zu erhalten am Erbe seiner Heiligen im Lichte" (Kol 1, 12) - und das durch die Gnade übrigens schon jetzt, bereits hier, heute, in diesem Aion; wir hörten es gerade erst am Fest des Christkönigs!
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Heben wir den Blick, schauen wir auf die Ekklesia des Himmels, lassen wir uns gerade in den Stunden, in denen wir an unserer Berufung, unserer Sendung zweifeln ... lassen wir uns da neu entfachen am Feuer der Heiligen, an der Kirche im Licht, die leuchtet, weil sie brennt! Dazu helfe uns die große Schar aller Heiligen ... orate pro nobis!
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O quam gloriosum est regnum,
in quo cum Christo gaudent omnes sancti,
amicti stolis albis
sequuntur Agnum quocumque ierit!
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Wie herrlich ist das Reich,
in dem mit Christus sich die Heiligen freuen;
gekleidet in weißen Gewändern
folgen sie dem Lamm, wohin auch immer es geht!
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Antiphon zum Magnificat in der zweiten Vesper vom Fest Allerheiligen. Im Bild ein Auschnitt aus dem Rundfenster über dem Portal der Kirche Heilige Dreifaltigkeit zu Freiburg mit der Darstellung des Himmlischen Jerusalem, geschaffen von Albert Birkle.

Kommentare:

Markus hat gesagt…

Ich bin zwar weder ein "Tradi" noch ein sog "Alte-Messe-Molch" (kann ich auch gar nicht sein, weil ich Potestant bin :-) - aber das ist ein ganz wunderbarer, ebenso geistvoller wie geistlicher Blog, den ich gerne und mit Gewinn gelesen habe.
Herzlichen Dank dafür!

Andreas hat gesagt…

Vielen lieben Dank für die nette Rückmeldung, die mich sehr freut!

Nun freilich ... erfüllt mich die Wendung "gelesen habe" (dem Perfekt mit seiner "vollendeten Vergangenheit" wohnt mitunter so ein Anflug von Verabschiedung inne) etwas mit Sorge; vielleicht hätte ich gestern doch nicht zu sehr auf Luther rumhacken sollen? Aber tradimessige Molche stehen halt manchmal (rum) und können irgendwie nicht anders ... ;-)

Aber jetzt im Ernst: Gott helfe uns - Amen!

Tarquinius hat gesagt…

Es war zu diesem Feste auch wieder eine besondere Freude, die wunderbaren Antiphonen zu beten...und Dir danke für diesen Text!