Samstag, 15. November 2014

Das Buch der Natur

 hl. Albert Magnus - Glasfenster in St. Gallus, Merzhausen 
Im nordwestlichen Teil des mittelalterlichen Stadtkerns von Freiburg stand einst das Kloster der  Dominikaner. Die Kirche prägte das Quartier, das heute Unterlinden heißt; selbst ein nahes Stadttor kündete von der Wohnstatt der Predigerbrüder: das Predigertor. Von Tor, Kloster und Kirche ist heute nichts mehr übrig. Die Reste des Gotteshauses wurden beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen, nachdem die Säkularisation den gotischen Baukörper bereits seines Chores beraubt und das Kirchenschiff durch das Einziehen von Zwischengeschossen bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatte. In diesem Kloster wirkte von 1236 bis 1238 der hl. Albert der Große, dessen Fest die Ekklesia heute feiert, als Lesemeister. Benedikt XVI. rückte den Heiligen, der nicht nur Lehrer des hl. Thomas von Aquin und Theologe, sondern nicht zuletzt auch Naturforscher war, bei einer Generalaudienz am 24. März 2010 in den Mittelpunkt seiner Ansprache; hier ein Auszug:
... Gewiß sind die vom hl. Albertus Magnus angewandten wissenschaftlichen Methoden nicht jene, die sich in den nachfolgenden Jahrhunderten durchsetzen sollten. Seine Methode bestand einfach in der Beobachtung, in der Beschreibung und in der Klassifizierung der untersuchten Phänomene, aber so hat er die Tür für die künftigen Arbeiten geöffnet. Er hat uns noch viel zu lehren. Vor allem zeigt der heilige Albert, daß zwischen Glaube und Wissenschaft kein Gegensatz besteht – trotz einiger Episoden des Unverständnisses, die in der Geschichte zu verzeichnen sind.
Ein Mann des Glaubens und des Gebets, wie es der hl. Albertus Magnus war, kann mit Gelassenheit das Studium der Naturwissenschaften pflegen und in der Erkenntnis des Mikro- und Makrokosmos durch die Entdeckung der Gesetze der Materie Fortschritte machen, denn all dies trägt dazu bei, den Durst nach Gott und die Liebe zu ihm zu nähren. Die Bibel spricht von der Schöpfung als der ersten Sprache, durch die Gott – der höchste Vernünftigkeit ist, der Logos ist – uns etwas von sich offenbart. Das Buch der Weisheit zum Beispiel sagt, daß die mit Schönheit und Größe ausgestatteten Naturphänomene wie die Werke eines Künstlers sind, durch die wir auf den Schöpfer schließen können (vgl. Weish 13,5). Mit einem im Mittelalter und in der Renaissance klassischen Sinnbild kann man die natürliche Welt mit einem von Gott geschriebenen Buch vergleichen, das wir auf der Grundlage der verschiedenen Herangehensweisen der Wissenschaften lesen. 
Denn wie viele Wissenschaftler haben im Fahrwasser des hl. Albertus Magnus ihre Forschungen vorangebracht, inspiriert von Staunen und Dankbarkeit gegenüber der Welt, die ihren Augen als Gelehrte und Gläubige wie das gute Werk eines weisen und liebevollen Schöpfers erschien und erscheint! Die wissenschaftliche Forschung verwandelt sich so in ein Loblied. Das hatte ein großer Astrophysiker unserer Zeit gut verstanden, dessen Seligsprechungsprozeß eingeleitet worden ist, Enrico Medi, der geschrieben hatte:
"Oh, ihr geheimnisvollen Galaxien … ich sehe euch, ich berechne euch, ich verstehe euch, ich studiere und entdecke euch, ich durchdringe euch und sammle euch. Von euch nehme ich das Licht und betreibe damit Wissenschaft, ich nehme die Bewegung und mache daraus Weisheit, ich nehme das Glänzen der Farben und mache daraus Poesie; ich nehme euch Sterne in meine Hände, und in der Einheit meines Seins erzitternd erhöhe ich euch über euch selbst, und im Gebet bringe ich euch dem Schöpfer dar, den ihr Sterne nur durch mich anbeten könnt" (Werke, Hymnus auf die Schöpfung) ...
"Den ihr Sterne nur durch mich anbeten könnt" ... so darf der Mensch sprechen! Was für ein atemberaubendes und doch weiten Atem schenkendes Bild! Wie kurzatmig scheint mir plötzlich die Frage, die mich zuweilen beschleicht, was ich von der Menschheit insgesamt und meiner Religion insbesondere halten soll, wenn zum Beispiel im All eine Sonde auf einem Kometen deponiert wird (und nicht mal recht funktioniert), wenn von Schwarzen Löchern die Rede ist oder von unendlichen vielen Sonnen und Galaxien? Man kann freilich alsdann ins Grübeln geraten, ob diese Erde, diese Menschen (samt deren Christentum), eben all das hier vor unserer Nase wirklich die Krone der Schöpfung sein könne, die sich insgesamt einem ... dem kommenden Kyrios entgegen bewege?
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Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft, das soll der Physiker Werner Heisenberg einmal gesagt haben, "mache atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott". Der naturwissenschaftliche Laie, wie ich einer bin, nippt - nicht zuletzt begünstigt durch unsere "Informationsgesellschaft" - recht rasch am Becher dieser Wissenschaft, vermag ihn aber nicht bis zur Neige zu leeren. Wann immer ich mich bislang zu verschlucken drohte, dachte ich mir also, daß die Erkenntnisse der Naturwissenschaften zweifelsohne groß und gewaltig seien und daß hinter all dem noch Größeres und Gewaltigeres harre, das nur noch nicht gefunden sei: Ob Kosmos oder Chaos, ob Sonnen, Sterne, Monde, Planeten, Galaxien, Schwarze Löcher, ob Biologie, Chemie und Physik - auf all das blickt des Menschen Geist und versteht davon doch nur den geringsten Teil: Hinter allem Erklärbaren, noch zu Erklärenden und vielleicht niemals Erklärlichen scheint doch immer ein Wunder auf, so daß es wunderlich wäre, würde nicht ein Gott dahinter walten.
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Der heilige Albertus Magnus helfe uns, das Buch der Natur richtig zu lesen, und er öffne uns das Buch des Glaubens, um den letzten Grund aller Natur und über alle Natur zu schauen, Gott, den wir als Vater, als Sohn und als Pneuma bekennen ... ora pro nobis!
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Das Glasfenster mit der Darstellung des hl. Albertus Magnus befindet sich in der Pfarrkirche St. Gallus zu Merzhausen bei Freiburg. Die ganze Ansprache von Papst Benedikt über den heutigen Tagesheiligen kann hier nachgelesen werden.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

In der Gefahr hin, es mit dem Kommentieren mal wieder zu übertreiben ... dieser Heisenberg'sche Becher begegnet uns tatsächlich in vielfacher Weise. Der Taumel der Oberflächlichkeit, auf der wir vielleicht noch manchmal ganz glücklich wie eine Mücke auf dem Wasser wandeln ... zeugt doch gleichzeitig von unserer Angst vor der Wahrheit, sodass wir sie lieber kleinreden als uns ihr zu stellen.

Ein Kardinal Ratzinger meinte mit Blick auf die modernen Philosophen einmal: "Dem tiefer Blickenden wird in dieser modernen Grundhaltung eine falsche Demut und ein falscher Hochmut zugleich sichtbar: die falsche Demut, die dem Menschen die Wahrheitsfähigkeit abspricht, und der falsche Hochmut, mit dem er sich über die Dinge, über die Wahrheit selber stellt."

Drum ist deine Schlussfolgerung und Bitte um so richtiger - denn dazu sind wir berufen!

Andreas hat gesagt…

Wenn mir ein neuer Kommentar angekündigt wird, denke ich ja zwischenzeitlich bereits ... War der jetzt schon wieder da?

Aber nur zu ... und Danke für das Bene-Zitat!

Tarquinius hat gesagt…

Ja, ähm, *hust*, ich hab' halt sonst keine Hobbies...

Andreas hat gesagt…

Nun ja ... da wächst dem Scheltwort "Hobby-Katholik" eine geradezu schmeichelhafte Bedeutung zu ...