Montag, 6. Oktober 2014

Wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten

In der Mittagspause lief mir die hl. Theresia von Lisieux sozusagen über den Weg ... im Sinn von Kopfkino-Reality, während herumschlendernd ich Schatten suchte unter biblisch anmutenden Bäumen, mit denen man in einem Industriegebiet eher nicht rechnen würde. Auf der Wiese daneben fielen mir einige Blumen auf, nichts Besonderes in hortulis Dei, im anbrechenden Herbst aber auffallend genug, um mich einiger Worte der kleinen Theresia zu erinnern, die ich vor wenigen Tagen erst in den Selbstbiographischen Schriften ("Geschichte einer Seele") gelesen hatte, ganz am Anfang, im Prolog:
Lange habe ich mich gefragt, warum der liebe Gott einzelne bevorzugt, warum nicht alle Seelen das gleiche Maß an Gnaden empfangen, ich wunderte mich darüber, daß er Heilige, die ihn zuvor beleidigt hatten wie der Hl. Paulus, der Hl. Augustinus, mit außergewöhnlichen Gunsterweisen überschüttete (...) warum die armen Wilden zum Beispiel in großer Zahl sterben, bevor sie auch nur den Namen Gottes aussprechen hörten ...
Jesus würdigte sich, mich über dieses Geheimnis zu belehren. Er stellte mir das Buch der Natur vor Augen und ich begriff, daß alle Blumen, die Er geschaffen hat, schön sind, daß die Pracht der Rose und der weiße Glanz der Lilie dem kleinen Veilchen seinen Duft nicht rauben, noch dem Maßliebchen seine entzückende Schlichtheit ... Ich begriff: Wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten, so verlöre die Natur ihren Frühlingsschmuck, und die Fluren wären nicht übersät mit kleinen Blümchen ...
(...) Ich begriff auch, daß die Liebe unseres Herrn sich ebensogut in der einfachsten Seele offenbart, die in nichts seiner Gnade widersteht, wie in der erhabensten; da es das Eigentümliche der Liebe ist, sich zu erniedrigen: wenn alle Seelen den Heiligen Lehrern glichen, die die Kirche durch die Klarheit ihrer Lehre erleuchteten, so schiene es, der Liebe Gott stiege nicht tief genug herab, wenn er in ihr Herz kommt; Er hat aber auch das Kind erschaffen, das nichts weiß und nur leise Schreie vernehmen läßt, Er hat den armen Wilden erschaffen, der als Richtschnur bloß das Gesetz der Natur hat, und bis zu deren Herzen geruht Er sich zu erniedrigen, eben zu den Blumen des Feldes, deren Schlichtheit ihn entzückt ... Indem Gott auf diese Weise hinabsteigt, bekundet Er seine unermeßliche Größe.
Ich habe Freude an solchen Gedanken, die selbst eine von der Offenbarung ferne Schöpfung noch in der Liebe Gottes geborgen wissen, und die davon sprechen, daß wir auch im Augenblick unserer größten Erbärmlichkeit - quasi durch die Hintertür - Zeugen sein können von Gottes Größe, weil er uns immer wieder auffangen will, immer wieder neu anklopft, immer wieder nach uns sucht und ruft.
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Therese vom Kinde Jesus: Selbstbiographische Schriften. Ins Deutsche übertragen von Otto Iserland und Cornelia Capol. Einsiedeln (5) 1964. S. 4 f.

1 Kommentar:

Severus hat gesagt…

Wunderschön, die Bilder und der Artikel, und, was ich (als "Alter-Messe-Molch") noch sagen wollte, auch das (nicht mehr so ganz neue) Titelbild !