Montag, 20. Oktober 2014

Von der Distanz zur Gabe Gottes

hl. Wendelin - Eisenbach, Pfarrkirche St. Benedikt
Fahre ich ein wenig aus der Stadt hinaus, etwa hoch in den Schwarzwald oder in die oberrheinische Landschaft, so begegnet mir in den Kirchen auf dem Land häufig der hl. Wendelin, der im Wechsel vom sechsten zum siebten Jahrhundert, von Irland kommend, in jener Gegend als Einsiedler lebte, in der später die nach ihm benannte Stadt Sankt Wendel erbaut wurde. Die Altvorderen baten ihn - heute wird seiner gedacht - um Fürsprache bei Gott: Es sei das Vieh vor Seuchen und Verderb bewahrt.
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Heute, angesichts der Rinder in Reih und Glied aus industriellen Produktionsbetrieben samt Antibiotika oder handgestreichelter Kühe von der Schwarzwaldwiese in artgerecht-achtsamer Behegung, heute also scheinen solche Patronate anachronistisch, wie auch Flurprozessionen, Wettersegen, Erntedank, vielleicht auch Tischgebet oder die Bitte an den Vater im Himmel um das tägliche Brot. Natürlich höre ich jetzt den Widerspruch gutgesinnter und frommer Leser ... so mag jeder für sich erwägen, wie sehr ihm unmittelbar und selbstverständlich verinnerlicht ist, daß das Schnitzel auf dem Teller und die Tomate im Korb und die Milch im Kühlschrank und selbst noch das Wasser aus der Leitung nicht allein vom Metzger oder vom Bauern oder aus der Molkerei oder dem Wasserwerk rühren, sondern im Ursprung Geschenk Gottes sind. 
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Daß all dies leicht und rasch verfügbar (man ist ja froh drum), daß wir nicht erst nach Wasser graben müssen und es herbeitragen, daß wir Rind und Schwein nicht selbst füttern und Korn und Obst und Gemüse nicht selbst säen müssen und wachsen sehen, daß wir auch nicht fürchten müssen, es könnte womöglich nicht wachsen oder vor der Ernte zunichte werden - diese "Distanz" zur Gabe Gottes, die uns hier so reich zufließt, kann dazu führen, daß der Geber nach und nach aus dem Blick rutscht.
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Durch Wendelins Fürsprache bleibe uns das tägliche Brot nicht allein erhalten (es werde auch jenen zuteil, die daran darben), sondern sie helfe zudem, nie zu vergessen, wer uns diese Gaben schenkt ... ora pro nobis!
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Darstellung des hl. Wendelin in der Pfarrkirche St. Benedikt zu Eisenbach im Schwarzwald.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Ah, der gute Wendelin...einer meiner (zugegebenermaßen äußerst spärlichen) frühestens Kontakte mit Heiligen in der Kindheit war mit Sankt Wendelin. Ich danke für diese Erinnerung an ihn, denn diese "kleineren Heiligen", die doch - freilich von Ort zu Ort verschieden - hochverehrt wurden, vergesse ich doch auch all zu häufig. Vielleicht liegt es daran, dass diese Heiligen oftmals weniger greifbar erscheinen, es gibt meist nur unsichere Legenden und die Volksfrömmigkeit. Die Altvorderen hat sowas aber in keinster Weise gestört...

Andreas hat gesagt…

Ja, manche Legenden sind schon sehr goldig ... aber wenn die Faktenlage dürftig ist, vertraue ich einfach auf jenes Phänomen, das man früher zu Recht noch sensus fidelium nennen mochte.

Tarquinius hat gesagt…

Das mag man unter den Fidelen zu Recht auch heute noch so nennen.