Sonntag, 19. Oktober 2014

Vom Leiden, das der Glaube bringt

Auf dem Weg von Basel nach Freiburg (Zeit hatte man heute ja wahrlich genug, wenn man mit der Bahn fährt) las ich die Erzählung Die dunkle Nacht von Reinhold Schneider, geschrieben 1943. Schneider nähert sich darin der Gestalt des hl. Johannes vom Kreuz an und zeichnet ein Bild jener Monate, in denen der Heilige - unter dem Vorwurf, gemeinsam mit der hl. Teresia von Ávila Verwirrung zu stiften und Häresien Vorschub zu leisten - in ein enges Verlies geworfen worden war, das Damoklesschwert einer kirchlichen Verurteilung stets über dem Haupt. Ich möchte auf eine Szene zu sprechen kommen, die ein Thema berührt, das mich immer wieder einmal beschäftigt:
.
Macht "Glauben" unser Leben, unsere Lebenszeit wirklich glücklicher, reicher, ausgeglichener, besser, schöner, erfolgreicher, harmonischer, geradliniger oder was auch immer sonst an Annehmlichkeiten damit verbunden werden mag ... wie das zuweilen gesagt wird, manchmal unterschwellig, manchmal offen und deutlich, beinahe im Sinn eines "Erfolgsevangeliums"? Ja -stimmt denn der Satz, daß nicht allein sei, wer glaube, wirklich? Natürlich tut er das im Letzten. Aber stimmt er - noch vor diesem Letzten - auch in unserem Herzen? Ich müßte nun lügen, wollte ich behaupten, ich könnte es für jeden Augenblick meiner Glaubensbiographie beschwören.
.
Wer glaubt, kann sich durchaus zuweilen alleingelassen sehen, von Gott wie von seinen Mitchristen, so geht es mir jedenfalls. Gründe mag es viele geben; gewiß ist die Verstrickung in die Sünde ein sehr bedeutender Grund, daß Gott uns unheimlich fern scheint - aber sind nicht das die Momente, wo wir seiner Nähe besonders bedürfen? Zumal, wenn wir zu ihm zurückkehren wollen, an die Tür klopfen, aber niemand da zu sein scheint, der uns auftut, allen Verheißungen zum Trotz? 
.
Gott ist nicht verfügbar, müssen wir dann lernen ... wir können ihn nicht mit Schriftworten herbeizitieren, ihn auch nicht festnageln auf das, wovon wir denken, er müsse doch dieses oder jenes jetzt an uns tun, weil es unseres Dafürhaltens das Beste sei. Das erleben wir sowohl im Bereich unserer geistlichen Regung, vielleicht auch in unserer materiellen Existenz - Wo bist Du, Gott? Ich brauche Dich. Jetzt ... "Warum doch stehst Du so fern, o Herr, verbirgst Dich in Zeiten der Not?" (Ps 9, 22).
.
Reinhold Schneider läßt Johannes vom Kreuz auf den Prior des Klosters treffen, in welchem der Heilige gefangen gesetzt ist; dabei konfrontiert der Prior seinen Häftling mit einigen Einwänden, die dem Reformwerk, das Johannes mit der hl. Teresa begonnen hat, gelten:
"... Wo die Gnade ist, da müßte auch Friede sich ankündigen; das Buch, in dem die Nonne von Ávila ihr Leben beschrieb, liegt vor dem geistlichen Gericht. Im Widerspruch zur Verkündung könnte es uns lehren, daß kein Friede auf Erden ist. Was aber zeugt vom Himmel, wenn nicht der Friede?" - "Wo Gnade ist", antwortete Johannes, "da ist namenloses Leid". (S. 16).
Wo Gnade ist, da ist namenloses Leid: Ich weiß nun nicht, ob Schneider diesen Satz aus den Schriften des Johannes vom Kreuz entnommen oder dem Heiligen nur in den Mund gelegt hat. Aber das tut hier letztlich nichts zur Sache, denn ich glaube, in diesem Satz eine tiefe Wahrheit zu hören. Wo Gnade ist, da ist namenloses Leid ... namenlos, weil dieses Leid unüberschaubar vielgestaltig ist und es jedem auf je eigene Weise widerfährt. Ich kann es womöglich aus meiner Wahrnehmung heraus benennen, aber nicht in ein Wort fassen, das für alle gelten könnte. Fest aber steht wohl: Der Glaubende kommt nicht daran vorbei, denn es gibt keine Gnade, die uns nicht irgendwann zum Kreuz führt, zum Kreuz in meinem Leben, zum Kreuz in der Ekklesia, zum Kreuz im geschichtlichen Lauf dieses Aion: zum Kreuz, an dem selbst der Sohn Gottes angefochten war: Eli, Eli, lema sabachtani (Mt 27, 46).
.
Mit diesem Augenblick werden wir immer wieder konfrontiert; unser Glaube bewahrt uns nicht davor, sondern führt ihn erst herauf. Und vielleicht sind wir gerade dann und in diesem Augenblick auf einem Weg, wie wir ihn selbst und besser niemals finden könnten und beschreiten würden, und doch ist es jener Weg, der uns mit Gott eint. Es scheint freilich zu diesem "namenlosen" Leid auch zu gehören, daß uns gerade dann dieser Gedanke so unfassbar fremd, so unbegreiflich ist. 
.
Bitten wir Gott, daß wir dann nicht daran irre werden.
.
Reinhold Schneider: Die dunkle Nacht. Erzählungen. Freiburg 1960. Die erste Seite der genannten Erzählung ist hier bei Elsa zu lesen.

Kommentare:

Jorge hat gesagt…

Äußerst erbauend, diese Reflexion. Es ist tatsächlich so. Wann man dieses "Namenlose" beschreiben wollte, würde ich es am ehesten mit einer Art Ohnmachtsgefühl vergleichen. Wahrscheinlich empfindet das nicht jeder gleich, aber ich finde, am nächsten kommt eine Art Ohnmacht gemischt mit Mitleid, das keiner wahrnimmt und das deshalb so bedrückend wirkt.

Windlicht hat gesagt…

Danke! Alle Menschennacht ist umfangen von Gnade. Daran will ich mich festhalten.- Hier noch der Verweis auf das Gedicht des hl. Johannes vom Kreuz:

http://www.marschler.at/worte-johannes-kreuz.htm

Gruß. Windlicht.

Tarquinius hat gesagt…

Sehr mitreißende Gedanken, die ich ohne wenn und aber teilen kann...danke dafür.