Mittwoch, 22. Oktober 2014

Seite eins (4)

Stefan Andres: Wir sind Utopia
Das braune, eintönige Plateau lag unter der jeden Tag gleich wiederkehrenden Sonne zurpulvert da, und um das Gefährt, das in den sanften Senkungen des Weges verging und wieder hügelan strebte, hatte sich eine so dichte Staubwolke gebildet, daß man nur an seiner Schnelligkeit, dem Benzingestank und dem nachmittäglichen langen Schatten einen Lastkraftwagen erkennen konnte. Wer aus der Ferne die knatternde, gelbe Wolke in der Einöde dahinkriechen sah, konnte die groteske Vorstellung haben, daß sich ein Stück des Weges erhoben und auf Wanderschaft begeben habe, um die rätselhafte Linie seines Auf und Ab und alle Windungen selber einmal zu verfolgen, in einem goldenen Federbusch dahinstäubend und eine lange, immer dünner und niedriger gleitende Schleppe hinter sich herziehend.
Aber es gab keine Zuschauer. Die wenigen Bauernhäuser starrten mit schwarzen Fenstern ausgestorben in den Sonnenbrand, nur ein paar Hunde hoben gegen das sich nahende Monstrum aus Staub und Lärm die Nasen, duckten sich und sprangen in die versengten Felder, um dann wieder auf den leeren Weg zurückzukehren, an dessen Rand sie entlangsuchten, um bei einem umgeworfenen Gepäckstück und dem aufgedunsenen Körper einer Pferdes herumzuschnüffeln, zögernd und miteinander zankend, bis der Hunger ihre Abscheu vor dem Aas überwand.
Die Staubwolke aber kroch unentwegt in die Weite, und dort, wo auf der goldbraunen Höhe die ebenso braune Ringmauer einer im Mittelalter liegengebliebenen Stadt wie eine natürliche Felsenstufe sich erhob, verschwand sie unter dem Torbogen wie eine Lokomotive in einem Tunnel, und die Wachsoldaten unterm Tor sahen, wie auf dem Katzenkopfpflaster der Staub um den Wagen plötzlich verging und Bajonette hervorblitzten, ein eiserner Verhau und die wie aus Lehm gebackenen Gestalten, die auf dem offenen Lastwagen hockten und mit stumpfen Gesichtern den unerwarteten Schatten genossen und kaum den Kopf zu einem verstohlenen, flüchtigen Umblick erhoben.
Die enge, düstere Gassenrinne fuhr der Wagen langsam dahin, wiewohl kein Mensch, weder Zivilist noch Soldat, ihm begegnete. Auf dem weiten, gleißenden Platz nahm er die Kehre und im Schatten vor der Freitreppe der in ihrem starrenden Prunk unfreudig wirkenden Barockfassade des Karmeliterklosters stand er dann still.
¶ Stefan Andres: Novellen und Erzählungen. München 1962. S. 225.

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