Montag, 20. Oktober 2014

Gottes Utopia

Die Frage, ob der Glaube sozusagen die "Lebensqualität" steigere, unsere ... und vielleicht mittels "Wirkung" auch die der anderen, zum Teil am vergangenen Sonntag hier bereits zur Sprache gebracht, läßt sich auch an einem anderen Stück Literatur entfalten - anhand der Novelle Wir sind Utopia von Stefan Andres, geschrieben 1942. 
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Stefan Andres führt den Leser in ein Kloster während des Spanischen Bürgerkriegs, welches von republikanischen Truppen besetzt ist. Die Ordensleute wurden bei Einnahme des Klosters, das jetzt als Gefängnis dient, erschossen. Unter den Gefangenen befindet sich ein Söldner im Dienst Francos, Paco Hernandez. Der Konvent ist ihm vertraut, denn zwei Jahrzehnte zuvor zählte Hernandez als Padre Consalves selbst zu dieser klösterlichen Gemeinschaft, ehe er seinen Glauben und seine Berufung, von Zweifeln zernagt, über Bord warf. Zernagt im Gewissen ist überdies der republikanische Leutnant, der nun den Befehl über das ehemalige Kloster führt. Er bittet den einstigen Padre, seine Beichte zu hören. Paco winkt zuerst ab, erkennt aber die Gelegenheit, mit einem Messer, welches er sich verschaffen konnte, den Leutnant dabei zu töten und zu versuchen, sich und seine Mitgefangenen zu befreien ... doch das führt an dieser Stelle schon zu weit ab vom Thema.
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Es geht mir um eine bestimmte Szene zuvor: Paco, den eine Fügung in jene Zelle zurückbrachte, in der er weiland als Padre Consalves lebte, entdeckt an deren Decke einen allzu sehr vertrauten Wasserflecken. In vielen Nächten hatte sich dieser Fleck einst in eine Insel, in "Utopia" verwandelt, hatte sich Padre Consalves in eine bessere, ideale Welt hinüber geträumt. Die Idee gewann immer mehr an Macht über den jungen Priester - eines Tages gesteht er diese nächtlichen "Fahrten" seinem Beichtvater. Hier setzt der Abschnitt ein, um den es mir heute geht; er berührt wiederum sacht die Frage, welche Widerfahrung der Glaube unserem Leben eintragen mag - ein deutlicher Schwerpunkt liegt freilich auf der "Auswirkung", der "Außenwirkung" dieses Glaubens ...
Er beichtete also seinem alten Dogmatikprofessor, dem Padre Damiano, seine Fahrten nach Utopia. Der zog die Brauen zusammen - er war ein unsagbar nüchterner Mystiker! -, und ihm mit der Hand das Gesicht zu sich heraufhebend (Padre Consalves kniete vor ihm in der Zelle), knurrte er nur: "Wechseln Sie die Zelle oder lassen Sie ihre Insel zustreichen, oder noch besser: Fahren Sie nicht mehr hinüber. Vergessen Sie nicht: noch keiner hat die Welt zu einem Utopia reformieren können, keiner, selbst Er nicht! Wenn Sie bedenken, Padre Consalves, daß die ganze Welt eine Börse ist (Padre Damiano war früher ein bekannter Bankier gewesen), und wenn Sie sehen, wie schlecht die Aktien Gottes stehen und Sie trotzdem kaufen, dann denken Sie also heimlich: Wollen sehen, man kann nie wissen? - Ich kann Ihnen sagen, Sie spekulieren daneben! Kaum haben Sie gekauft, schon sinkt der Kurs von neuem, sinkt, sinkt und sinkt, Sie gelten allgemein als ein Trottel, man lacht Sie aus. - Sie behalten aber das Papier, Sie behalten es, nun ja, weil Sie es ohnehin nicht mehr anständig loswerden. Wegwerfen, ja, das wohl, aber verkaufen? - Sie wissen ja, die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichtes. Und nun beginnen Sie heimlich und leise, um ihre wertlos gewordene Aktie doch vielleicht wieder auf den Markt zu bringen, eine Utopia zu gründen, irgendwo, keiner hat es gesehen, aber Sie erzählen davon, ach ja: was das Christentum alles doch bewirken könne; und das Ergebnis: ein richtiger Bankkrach! Die Leute erfahren: das gibt es ja garnicht, dieses Utopia, diese erlösten, friedlichen Christen, diese losgelösten, nur nach dem Ewigen trachtenden Priester, überhaupt dies besondere Leben, das die Erde liebt, wie nur die Heiden es können, und zugleich für nichts erachtet, wie es den Christen aufgegeben ist, nein, dies besondere Leben, das gibt es ja nicht. Die Christen sind nicht anders als die übrigen Menschen. Wenn das dann wieder neuerdings feststeht, muß ihr Utopia als ein Schwindelunternehmen angesehen werden, und was sind Sie in diesem Fall? Und wo gehören Sie hin? Ich sage Ihnen, ins Gefängnis, genau wie dieses und jenes Finanzgenie, das am Mississippi oder in Alaska eine Gesellschaft gründet, die nur auf dem Papier existiert".
Paco hatte damals flehentlich die Hände erhoben: "Ja, aber unser Glaube!? Christus hat doch gesagt, daß wir noch größere Zeichen und Wunder als er verrichten würden".
Padre Damiano lachte grob: "O gewiß! Das größte Wunder ist nämlich, an diese scheinbar faule Aktie zu glauben, und nicht einmal, weil es in der Offenbarung steht - das könnte ja ebenfalls ein leeres Versprechen sein -, sondern weil unser Herz erkannt hat: die Aktie ist echt. Hier ist der Weg, die Wahrheit und das Leben - und nicht da und nicht dort, wenigstens nicht für mich. Und nun sei treu und kühn, glaube, hoffe und vor allem liebe! Und deine Aktie gibt dir mehr als ein Utopia: sie gibt dir den Mut, ein Mensch zu sein, dem nichts mehr schadet und den nichts mehr enttäuscht! Denn alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber seid Gottes".
Ich überspringe an dieser Stelle den weiteren Zuspruch des Beichtvaters; nicht, weil dessen Worte nun weniger interessant wären (wie ich überhaupt die Lektüre dieser Novelle in mehrfacher Hinsicht empfehlen möchte), aber die Ausführungen des alten Padre Damiano entwickeln sich doch in eine etwas, sagen wir: unorthodoxe Richtung, für die man als Theologe zumindest bis zu "Das Konzil" vor dem Heiligen Offizium gelandet wäre. In der Schlußpassage dieser Beichtszene steckt ohnehin noch genug Sprengstoff für unser aller traditionsfrohe Gemüter:
Und nun neigte sich der Alte zu Padre Consalves' Ohr: "Gott geht nicht nach Utopia! Aber auf diese tränenfeuchte Erde kommt er - immer wieder! Denn hier ist unendliche Armut, unendliches Leid! Gott liebt das ihm ganz Andere, liebt den Abgrund, und er braucht - verstehen Sie mich um seines heiligen Namens willen recht -, braucht die Sünde! Sie verstehen mich. Er ergießt sich. Er erneuert, Gott schafft Götter. Der Kosmos ist sein geliebter Sohn, der von ihm, dem Vater, alles empfängt im Geist, in der Liebe. Und dieser Sohn wird so, wie der Vater es will! Gott liebt die Welt, weil sie unvollkommen ist. - Wir sind Gottes Utopia, aber eines im Werden!"
Zwei Aussagen nehme ich gerne mit ... gewiß ist auch damit keineswegs das Tiefste gesagt und ausgelotet, sind allein Aspekte dessen berührt, was uns und der Welt widerfährt, wenn wir "glauben", aber doch scheinen mir diese Sätze in das Zielfeld der Fragen rund um diesen Glauben zu treffen:
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Daß Gott auf diese tränenfeuchte Erde kommt ... zu uns ... die wir Gottes Utopia sind ... im Werden.
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Wir sind Utopia - in: Stefan Andres: Novellen und Erzählungen. München 1962. S. 247 ff.

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