Sonntag, 5. Oktober 2014

Flucht ins Private? Notiz zu Ida Friederike Görres

Aus der ersten Textseite der Nocturnen von Ida Friederike Görres (erschienen 1949) wollte ich eigentlich einen Beitrag der Reihe Seite eins machen - nun findet sich auf dieser Seite ein schöner Gedanke, der vielleicht glücklicher hervorscheint, weist man ausdrücklich auf ihn hin. In einem der kommenden Beiträge möchte ich darauf zurückkommen  - heute nur eine kurze generelle Vorbemerkung zu diesem Buch.
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Görres' Nocturnen sind dem Tagebuch verwandt; sie versammeln private Aufzeichnungen, welche die katholische Publizistin zwischen 1937 und 1947 notierte: keineswegs ein der Zeitgeschichte dezidiert nachspürendes Dokument, "weder Kriegstagebuch, noch Erlebnisbericht aus dem Dritten Reich, noch politischer Kommentar", wie die Autorin in der Einleitung schreibt, sich geradezu entschuldigend, vielen Erwartungen an das Buch mutmaßlich nicht gerecht werden zu können. Die Frage nun steht aber im Raum, ob man in diesen Jahren überhaupt ein "Privatleben" in gewissem "intellektuellen" Abstand zu den zeitlichen Phänomene führen konnte, gar durfte ... und ob "Dokumente eines solchen für Zeitgenossen irgendwie wertvoll sein" könnten. Dazu schreibt die Görres weiter: 
Man vergißt so schnell, daß wir neben, unter, mitten in dem Wirbel des Ungeheuren ein privates Dasein gelebt haben, gleichsam auf der Rückseite des Teppichs. Das Leben geht weiter, trotz allem; und es trug jeden Tag die alte Forderung an uns heran, im noch so engen Raum dieses persönlichen Bereichs nach Wahrheit zu streben: das heißt, den andringenden Schwall von Begegnungen und Ansprüchen und Aufgaben nicht nur 'praktisch' zu lösen, sondern ihn auch geistig zu erfassen, zu durchleuchten, zu wägen, zu werten, einzuordnen.
Nicht Terror, nicht Krieg und nicht Umsturz konnte uns dieses Rechtes, dieser Pflicht entheben. Überall lief das "immerwährende" Gespräch weiter, in dem Menschen sich (...) um die stille innere Auseinandersetzung mit dem tausendfältigen Fragengewebe mühten. Wen die Vorsehung mehr als andere von äußerer Bedrängnis und verschlingendem Schicksal verschonte, war noch ernstlicher als andere zu solcher Besinnung verpflichtet und vielleicht auch dazu, die Ergebnisse solcher stiller Arbeit "im Winkel" mit den andern zu teilen. 
Der Gedanke ist wichtig, zumal Nachgeborene gerne dazu neigen, hier einen zu scheltenden Rückzug ins Private zu sehen und als Flucht aus Verantwortung zu denunzieren. Im Kontext der deutschen Geschichte gilt dies nicht nur für das Dritte Reich, sondern etwa auch für das Leben in der DDR. Zumal bei dem geäußerten Vorwurf eine höchst unangenehme Frage an uns selbst in den Raum tritt: Welchen Mut bringen wir auf, wenn unsere Zeit uns fordert ... und hier meine ich keine wohlfeilen Aktionen eines hoch gepriesenen "zivilgesellschaftlichen Engagements", die nicht viel kosten und ohnehin auf breite Zustimmung stoßen ...?
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Ida Friedrike Görres: Nocturnen - Tagebuch und Aufzeichnungen. Frankfurt 1949

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