Mittwoch, 15. Oktober 2014

Eine Hand voll Korn

hl. Theresia von Avila - Ringsheim, St. Johannes Baptist
Friede? Es gibt kaum eine Gewißheit. Denn immer wieder wird der Glaube an die Sendung erschüttert, ja erstickt, sobald er erwachen will. Die Sendung bestätigt sich im Leiden, im unablässigen Zweifel. Später wird man gerade an seiner Verzweiflung den Auserwählten erkennen; dann, wenn er sie ganz durchlebt hat. Hier kann es keine Rettung geben, keine gesucht werden; gerade die Rettung würde gefährlich, hinderte die Vollendung. Dieser Gipfel steigt an wie der Berg Peña Lara in der Guadarrama, der in einer Mulde noch im Juni und Juli unter glühender Sonne den Schnee, das Eis der Verweiflung bewahrt.
Dennoch erwartet den Mystiker ein Glück. Es ist das Glück der Blitze. Das Leben rollt sich für Momente ab. Aus der schweren Garbe eines Daseins, dem vollen Bündel der Jahre, rinnt eine Hand voll Korn. Wieder gilt die Zeit nicht als Maß. Vielleicht ergäbe sich, wenn man die höchsten Momente des Lebens zusammentrüge, ein Tag, der ganz voll unendlichen Lebens ist. Aber dieser Tag ist zeitlos, wie alle Augenblicke, die ihn bilden, zeitlos sind. Wie lange dauert die Unio, die Vereinigung mit Gott, für die der Mystiker lebt? Minuten, von deren Feuer die ganze Last toter vorbereitender Jahre verschmilzt. Als Gegenwärtiger, Begrenzter teilzuhaben am Unendlichen, ist die einzige Rechtfertigung des Lebens. Das Glück, vor dem jedes Glück zergeht, ist die Zeitlosigkeit in der Zeit.
Vor diesen Augenblicken, die die Zeit entwaffnen, hat das Leiden keine Bedeutung mehr; sie treiben unwidersprechlich zum Ja. Und wenn die Heilige, vom Licht getroffen, auf den steinernen Boden stürzt; wenn sie, in der Qual der Scham, nach ihrem Erwachen die Blicke Fremder, so unsagbar Fremder ertragen muß; wenn sich, wider ihren Willen, gegen alle ihre Anstrengungen und Gebete, immer sichtbarer das Zauberlicht der Ekstase um sie verbreitet und die Welt sich zu einer neuen Feindschaft rüstet, so führt sie dies alles nur sicherer zum großen Augenblick hin. Von nun an kann sie nicht mehr ganz unterliegen, wenn auch der Kampf nicht schweigt. Mitten in der Verfolgung der Welt, für die sie betet, die nichts mehr haßt, als das Zeichen des Außerordentlichen, lebt sie demütig der neuen großen Stunde entgegen.
Reinhold Schneiders Worte über Teresa von Àvila mag ich hier jetzt nicht näher kommentieren; über das Phänomen dieser Heiligen hinaus rührt er mir hier und da an einige Saiten, die in diesen Tagen verstimmt klingen (und keineswegs sind immer "die anderen" daran schuld). Die heilige Teresa wirke uns durch ihre Fürsprache die Hilfe Gottes auf dem Weg zur Vereinigung mit ihm ... ora pro nobis!
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Reinhold Schneider: Philipp der Zweite oder Religion und Macht. Leipzig (2) 1938. S. 143. - Das Bild der hl. Teresa ist in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Ringsheim in Baden zu finden.

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