Freitag, 24. Oktober 2014

Diener göttlicher Hoheit und menschlicher Niedrigkeit

Engel - am Hochaltar der Kirche St. Johannes Baptist, Forchheim
Unser Bild der heiligen Engel bestimmt sich vor allem aus den Texten der Heiligen Schrift, die uns davon berichten, was diese Boten Gottes tun: So gebietet ein Engel Abraham Einhalt, als dieser seinen Sohn Opfern wollte. Jesaja sieht die Seraphim über Gottes Thron schweben und hört sie das Dreiheilig anstimmen. Der Engel Gabriel verkündete der Jungfrau, daß sie gebären solle. Michael streitet mit dem Satan um den Leichnam des Moses und führt das himmlische Bannerheer am Ende der Zeit. Über sich selbst geben die Engel zumeist keine Auskunft; aus ihrem Handeln allein erschließen wir uns, soweit wir dazu in der Lage sind, deren Wesen, das ganz Dienen ist, ganz Hören auf den Logos Gottes: "Preiset den Herrn, ihr seine Engel alle, ihr Starken an Kraft, die ihr seine Befehle vollbringt, Seinem Worte Gehorsam erweist" (Ps 102, 20).
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Ein wenig anders verhält es sich mit dem Erzengel Raphael, dessen Fest die Ekklesia heute feiert. Während dem Auftreten anderer Engel in der Heilsgeschichte zumeist etwas Episodisches anhaftet (was keineswegs der Tatsache widerspricht, daß Engeln bei vielen bedeutenden Momenten eine wichtige Rolle zugedacht ist), begegnet uns Raphael als eine der Hauptpersonen einer biblischen Schrift: dem Buch Tobias. Gewiß, über weite Strecken bleibt er zunächst unerkannt - bis er sich dem alten Tobit, dessen Sohn Tobias ... und uns allen offenbart. Ein Stück daraus:
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Nun, als du betetest und deine Schwiegertochter Sara,
da brachte ich eueres Gebets Gedächtnis vor den Heiligen.
Als du Verstorbene begrubest, war ich gleichfalls bei dir.
Als du nicht säumtest, aufzustehen und deine Mahlzeit zu verlassen,
zu gehen und den Toten zu verbergen, 
entging dies gute Werk mir nicht. Ich war bei dir.
Jetzt hat mich Gott gesandt,
dich und die Schwiegertochter Sara heil zu machen.
Ich bin ja Raphael,
von jenen sieben heiligen Engeln einer,
die hochempor der Heiligen Gebete tragen
und vor des Heiligen Herrlichkeit einherschreiten
(Tob 12, 12-15).
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Das Buch Tobias gehört für mich zu jenen Schriften, in denen sich das Höchste im Alltäglichen in einer menschlich besonders ans Herz greifenden Weise spiegelt; fast möchte man sagen: eine Welt kleiner Leute, und mittendrin ein Engel. Ein großer, ein bedeutender Engel, der hier als Diener Gottes diesen Menschen dient und sich um deren Sorgen und Nöte kümmert. Aber auf der anderen Seite: Er trägt die Gebete der Heiligen empor und schreitet vor dem Heiligen einher!
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Der Canon Romanus, das Hochgebet der Eucharistia, bewahrt eine alte Bitte, in der ein namenloser Engel in unseren Blick tritt:
Supplices te rogamus, omnipotens Deus: iube hæc perferri per manus sancti Angeli tui in sublime altare tuum, in conspectu divinæ maiestatis tuæ ...
In tiefer Demut bitten wir dich, allmächtiger Gott: Heiße dieses Opfer durch die Hand deines heiligen Engels emporgetragen auf den himmlischen Altar in die Schau deiner göttlichen Erhabenheit ...
In diesem Gebet, das die Einheit der in diesem Aion gefeierten Mysterien mit der Leiturgia des Himmels ausspricht, und welches uns verdeutlicht, daß "unser Altar ... der Altar im Himmel" sei (Odo Casel OSB), in diesem Gebet also sehe ich den Erzengel Raphael als einen jener Engel des Opfers, der "hochempor der Heiligen Gebete" trägt, unsere Sorgen und Nöte, so wie er einst die Gebete, die Sorgen und Nöte von Tobit vor das Angesicht Gottes getragen hat. Nur enthüllt sich uns die Größe des göttlichen Geheimnisses völlig erst im Neuen Bund: Unsere Gebete sind hineingenommen in den Tod, die Auferstehung und die Herrlichkeit des Kyrios Christus, denn er ist dieses Opfer, das der Engel in die Schau der göttlichen Erhabenheit trägt, in den Blick des allmächtigen Vaters.
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Der heilige Erzengel Raphael, der des höchsten Dienstes vor dem Heiligen würdig und sich nicht des Dienstes an menschlicher Niedrigkeit zu schade ist, begleite unsere Pfade durch dieses Aion, wie er Tobias ehedem zur Seite stand auf dessen Reise, er führe uns an den Altar des Neuen und Ewigen Bundes und trage unser Beten, Loben und Bitten in der Feier der Eucharistia vor Gott ... ora pro nobis!
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Bild: Engelsdarstellung am Hochaltar der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zu Forchheim in Baden.

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