Mittwoch, 8. Oktober 2014

Die Stunde, da wir voneinander wissen

Darstellung im Tempel - St. Remigius, Merdingen
Es ist bereits einige Jahre her ... da eröffnete das Theater Freiburg seine Spielzeit mit dem Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten von Peter Handke. Gesprochen wird in diesem Stück kein Wort, es ist reines "Schau-Spiel": Schauspieler betreten die Bühne und gehen wieder ab, solch Rein und Raus und die Momente dazwischen beherrschen die Szene, Einzelne und Gruppen finden zueinander oder kommen nicht zusammen, alle Kommunikation bleibt nonverbal, ist buchstäblich Unter-Redung. Text und Subtext ergeben sich nur im Blick des Zuschauers.
.
Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben: In allem Kommen und Gehen etablierte sich allmählich eine Gruppe auf der Bühne. Und plötzlich hielt in deren Mitte ein alter Mann ein Kind in die Höhe und stöhnte auf - es war einer jener "Seufzer", die nicht Klage führen, sondern in denen Staunen, Wundern und Erfüllung nahe beieinander liegen: Das Bild des greisen Simeon, der Christus, den fleischgewordenen logos, auf den er so lange gewartet hatte, in seine Arme nimmt. Das Pneuma, so steht es in der Schrift, trieb den alten Mann an jenem Tag in den Tempel.
.
Die Ekklesia gedenkt heute dieses wartenden Alten. Überliefert ist von ihm ein kleiner Lobgesang, das Nunc dimittis (Lk 2, 29-32), das täglich in der Komplet, mithin fast am Ende des Stundengebetes steht:
.
Nun lässest Du, Herr, Deinen Knecht
in Frieden gehen nach Deinem Wort,
.
denn meine Augen haben Dein Heil geschaut,
das Du bereitet vor aller Völker Angesicht:
.
ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zur Verherrlichung Israels, Deines Volks.
.
Im Vergleich zu den beiden anderen Cantica, die Lukas rund um die Menschwerdung Gottes aufgezeichnet hat, dem Benedictus und dem Magnificat, scheinen die drei kurzen Verse selbst wie ein Aufseufzen, froh ebenso wie sich aufbäumend in reduzierter Knappheit. Letzte Kraft liegt in diesen Worten: die Kraft des Glaubens, der das Leben nun hinüberträgt zu jenem Gott, den Simeon gerade noch hält, und die Kraft eines Lebens, das zuletzt sich findet, ehe der Greis gehen kann in Frieden.
.
Wer hin und wieder die Komplet betet, der begegnet diesen Worten immer wieder. Wie beim Benedictus und beim Magnificat zeichnen wir zu den je ersten Worten über uns und über die Welt das Kreuz. In diesem Zeichen der Hingabe Gottes und in der daraus strömenden Gnade können auch wir davon sprechen, daß unsere Augen das Heil schauen - in der Stunde, da Gott und Mensch voneinander wissen.
.
Manchmal aber verdunkelt sich uns dieses Wissen, sei es durch die Sünde, sei es im Zweifel oder in einer anderen Anfechtung. Dann gilt es zu warten, wie Simeon gewartet hatte; seine Fürsprache erwirke uns die nötige Beharrlichkeit ... ora pro nobis!
.
Das Bild der Darstellung Jesu im Tempel ist ein Auschnitt einer Deckenmalerei in der Pfarrkirche St. Remigius, Merdingen am Tuniberg.

Kommentare:

Huppicke hat gesagt…

Ob er wohl vorher viel gejammert hat, wielange er schon wartet, wielange er noch warten muss?

Seine Worte in der Komplet ermutigen mich darauf zu vertrauen, dass am Ende alles gut sein wird. ALLES!
Aber ich kann das ja auch leicht annehmen, von meinem sicheren, ruhigen, satten, warmen Plätzchen aus.

Andreas hat gesagt…

Ich denke, liebe Huppicke, man sollte das sichere, ruhige, warme "Plätzchen" nicht zu gering schätzen: Denn ja, wir schauen Gottes Heil in Christus und dürfen uns darin geborgen wissen. Das "Plätzchen" mag uns das auch ein wenig verdeutlichen - es birgt allerdings auch die Gefahr, in Bequemlichkeit zu verfallen; so gesehen ist das "Plätzchen" garnicht so ohne ... ;-)

Tarquinius hat gesagt…

Plätzchen, Nunc dimittis...hier geht es ja schon richtig weihnachtlich zu! ;-)

Tarquinius hat gesagt…

Achja, und bin ich der einzige, der sich Sorgen um den greisen Simeon macht, so einen...ähm...mächtigen Christus zu tragen...?!?

Andreas hat gesagt…

Keine Bange, gestern habe ich einen Schoko-Osterhasen gefunden, den ich nachher bis Weihnachten noch niedermetzeln werde ... damit ich so groß und stark werde wie das Jesuskind im Bild ... ;-)