Donnerstag, 30. Oktober 2014

Am Morgen und am Abend

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Zweimal täglich hält das Breviarium Romanum den Beter dazu an, mit dem Daumen ein kleines Kreuz zu zeichnen. Das erste Mal tagfrüh (zu Beginn des Stundengebetes mit der Matutin) auf den Mund mit Worten:
Domine, labia mea aperies. * Et os meum annuntiabit laudem tuam.
Tu auf, Herr, meine Lippen, * damit mein Mund dein Lob verkünde (Ps 50, 17).
Das zweite Mal zur heraufbrechenden Nacht. Ein weiterer Psalmvers leitet hier vom vorgeordneten Bußakt zur eigentlichen Eröffnung der Komplet über, und dabei ist ein kleines Kreuz auf die Brust zu zeichnen:
Converte nos, Deus, salutaris noster. * Et averte iram tuam a nobis.
Kehre uns zu dir, Gott, unser Heil, * und wende ab von uns deinen Zorn (Ps 84, 5).
Seit einigen Tagen versuche ich mir anzugewöhnen, morgens den oberen Vers zu sprechen und meinen Mund mit dem Kreuz zu bezeichnen, ehe ich ihn zu irgendeinem Alltagsgeschäft öffne. Das Sprechen, ob nun einem Gegenüber vernehmlich oder nur als innerer Monolog, ist ja die gängigste Art und Weise, unseren Geist, unser Denken und unser Wesen auszudrücken. Rufe ich nun zu Gott, er möge mir sozusagen über die Lippe kommen, dann geht es mithin keineswegs nur um all die Dinge, über die ich konkret sprechen werde, sondern es geht auch um die Haltung, aus der heraus ich rede, und es geht um den Geist, der hinter dieser Rede steht. All das empfehle ich Gott und bitte ihn: Öffne, ja: führe du mir den Mund, wie es recht ist und deiner Ordnung entspricht, damit ich dein Lob verkünde, indem ich aus dem Wesen heraus meiner Umwelt deine Herrlichkeit zu erschließen versuche, anstatt sie zu verdunkeln. 
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Der Schlüssel nun zu diesem Tagwerk ist das Kreuz, welches ich mir auf den Mund zeichne - es ist uns Symbol, das davon spricht, den eigenen Willen und das eigene Dünken zurückzustellen, um sich der Fügung, fast möchte man sagen: dem Schicksal Gottes anheim zu geben und seinem Weg, seiner Wegleitung zu vertrauen. Der heraufziehende Tag wird mit vielen Momenten aufwarten, in denen wir einen Weg wählen können; darunter gewiß Entscheidungen, die wir nur mit Gottes Hilfe treffen können, weil erst sein Licht den rechten Weg weisen kann. Daneben stehen Augenblicke an, in denen es geradezu auf der Hand liegt, wo entlang der Weg des Kreuzes verläuft und wo jener der Welt - trotzdem tun wir uns schwer mit der Entscheidung, wählen womöglich den für uns bequemeren, verlockenderen ... falschen Weg.
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Der Vers aus der Komplet ist mir vertrauter als der Eröffnungsvers der Matutin. Diese bete ich selten, jene umso öfter. Der Bußakt, an den sich das Verslein anschließt, führt mir dabei vor Augen, daß ich dem Anspruch meines Christsein oft nicht genüge: Ich sündige Tag um Tag in Gedanken, in Worten und - daraus resultierenden - in Werken. Im Wissen um meine Schuld, in der Reue meiner Sünden wegen und indem ich gewahr werde, immer neu auf die Gnade Gottes angewiesen zu sein, bitte ich ihn, er möge mich zu ihm bekehren und mit Zürnen innehalten. Und ich weiß, daß ich zu meinem Vater spreche, und ich höre, daß dessen Barmherzigkeit größer ist als meine Sünde, wie es in eben jenem Psalm 84 einige Verse später heißt: "Lauschen will ich, was Gott, der Herr, zu uns redet: Wahrlich, er redet Frieden zu seinem Volk und seinen Frommen, denen, die sich von Herzen zu ihm kehren" (9).
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Wieder bezeichne ich mich mit dem Kreuz, diesmal auf die Brust, in der das Herz sitzt. Ich schließe mit dem Kreuz den Tag darin ein - das Gute wie das Mißratene. Denn beides kann ich annehmen, das eine in Dankbarkeit, das andere im Wissen um die Liebe Gottes, die sich durch das Kreuz in der Hingabe Gottes an uns Menschen ... an mich ... größer erwiesen hat.

1 Kommentar:

Tarquinius hat gesagt…

Eine sehr schöne Erwägung, die man vielleicht Nachahmen sollte...