Montag, 1. September 2014

Von Ruth, der Moabiterin

Ruth begegnet Boaz - Wallfahrtskirche St. Märgen im Schwarzwald
Der Kalender kennt keinen Tag, an dem nicht diverser Heiliger gedacht würde - so wird heute u. a. an den hl. Ägidius erinnert, einen der Vierzehn Nothelfer, und an die hl. Verena, die Patronin der Pfarrhaushälterinnen. Immer wieder begegnet man aber auch Heiligen des Alten Bundes - gleich drei Gestalten aus der Richterzeit werden uns am 1. September ins Gedächtnis gerufen: Josua, Gideon und - Ruth. Um sie geht es hier.
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Das Buch Ruth umfasst gerade einmal vier Kapitel und ist rasch gelesen. Die Exposition dieses Buches, das gelegentlich mit einer Novelle verglichen wird, zieht die Vorgeschichte in wenigen Versen zusammen und legt dar, wie die Moabiterin Ruth den Weg nach Israel findet:
Als einst die Richter noch regierten, kam eine Hungersnot ins Land. Da machte sich ein Mann aus Betlehem in Juda auf, in das Gefilde von Moab auszuwandern, er und sein Weib und seine beiden Söhne. Des Mannes Name war Elimenek, der seines Weibes Noëmi. Machlon und Kiljon hießen seine beiden Söhne, aus Betlehem in Juda, Ephratiter. Und sie gelangte ins Gefilde Moabs, und ließen sich dort nieder. 
Da starb Elimelek, der Gatte Noëmis. Sie aber blieb mit ihren beiden Söhnen dort. Und diese nahmen moabitische Weiber. Orpa hieß eine, die andere Ruth. Sie weilten ungefähr zehn Jahre dort. Da starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. So blieb das Weib allein von ihren beiden Söhnen und ihrem Manne übrig. Darauf erhob sie sich mit ihren Schwiegertöchtern und kehrte aus dem Lande Moab heim (Rt 1, 1-6).
Die noch junge Ruth, wie ihre Schwiegermutter Noëmi selbst bereits Witwe, kommt als Fremde nach Israel; ihren Stand macht dies nicht leichter. Noëmi hatte ihr zuvor geraten, in Moab zu bleiben und sich neu zu vermählen, Ruth aber "hängte sich an sie" und sprach:
Dring nicht in mich, dich zu verlassen, von dir fortzugehen! Wohin du auch gehst, da gehe auch ich und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk mein Volk. Dein Gott mein Gott! Und wo du stirbst, will ich auch sterben. Da will auch ich begraben sein. Der Herr tu mir, was er nur will! Der Tod allein scheide zwischen mir und dir! (Rt 1, 16 f.).
So wandert Ruth mit Noëmi ins Land Juda, wo sie zur Zeit der Ernte eintreffen. Um der Not des Lebens ein wenig abzuhelfen (und um einen Mann zu finden, der sie ehelichen könnte), sammelt Ruth hinter den Schnittern jene Ähren ein, welche die Feldarbeiter übersehen haben:
Nun sprach die Moabiterin Ruth zu Noëmi: Ich will aufs Feld hinaus und Ähren lesen hinter dem, in dessen Auge ich wohl Gnade finde. Sie sprach zu ihr: Geh, meine Tochter! Da ging sie hin und sammelte dort auf dem Felde hinter Schnittern her (Rt 2, 2 f.).
Sie kam an das Feld des Boaz, der auf Ruth aufmerksam wird. Er erkundigt sich nach ihr und tritt danach an Ruth heran:
Man hat mir erzählt, was du an deiner Schwiegermutter tatest nach deines Mannes Tod, daß du den Vater und die Mutter, dein Heimatland verließest und daß du dann zu einem Volke zogst, das du niemals vorher gekannt. Der Herr vergelte dir dein Tun! Es wird dir voller Lohn zuteil vom Herrn, dem Gotte Israels, von ihm, in dessen Fittichen Zuflucht zu suchen du gekommen bist (Rt 2, 11 f.).
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Boaz' Segenswunsch wird sich erfüllen - nicht nur, daß er Ruth von der Ernte abgibt, was zum Leben nötig ist, und sie mit "geröstet Korn in Fülle" stärkt - er wird sie später auch zur Frau nehmen. Noëmi hilft dabei ein wenig nach. Auch die letzte Hürde kann genommen werden, denn ehe Boaz Ruth heimführt, muß jener Mann auf sie verzichten, der nach dem Gesetz das erste Recht hätte, sie zu heiraten. Was gelingt.
Und Boaz nahm die Ruth. Sie ward sein Weib. Und als er zu ihr ging, gewährte Segen ihr der Herr. Sie schenkte einem Sohn das Leben. (...) Darauf nahm Noëmi das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward ihm eine Wärterin. Da gaben ihm die Nachbarinnen einen Namen: "Ein Sohn ist Noëmi geboren". Sie nannten seinen Namen also Obed. Das ist der Vater Isais, des Vaters Davids (Rt 4, 13, 16 f.).
Ruth wird zu einer Ahnfrau Davids - und damit des Kyrios selbst; Matthäus erwähnt Ruth, die Mobabiterin, im Stammbaum Christi: "Boaz zeugte Obed von der Ruth. Jobed zeugte den Isai. Isai zeugte den König David" (Mt 1, 5). Man könnte nun den heilsgeschichtlichen Wert dieses Buches dabei bewenden lassen. Man könnte aber auch fragen, ob die Geschichte von Ruth uns nicht mehr bedeuten kann; und wie diese Geschichte aus der Schrift des Alten Bundes den Neuen - wenngleich in Ahnung nur und Schatten - ankündigt ...
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In Ruth können wir die Ekklesia aus den Heiden sehen. Sie verlässt ihr Volk und ihr Land; der Gott Noëmis soll fortan auch ihr Gott sein. 
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Noëmi trägt Züge Unserer Lieben Frau: "Ein Sohn ist Noëmi geboren" nennen die Nachbarinnen nach der Niederkunft den Knaben, den Ruth gebar. Noëmi - der Name bedeutet: die Liebliche - ist es auch, die wie Maria große Freude und tiefes Leid teilt - nach dem Verlust ihres Mannes und ihrer Söhne spricht sie zu den Frauen Betlehems "Nennt mich nicht Noëmi! Nein, nennt mich Mara! Denn der Allmächtige hat über mich viel Bitteres verhängt" (Rt 1, 20). Doch Noëmis Los wird sich wenden. Wenn uns Noëmi aber an Maria erinnert, denn sehen wir auch hier die Ekklesia - nun die Ekklesia aus dem Volk Israel. 
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In Boaz sehen wir nun Christus, den Kyrios: Sproß Davids, Sproß Israels, der die Ekklesia in Ruth zur Braut nimmt, mit Korn beschenkt, mit geröstetem Korn nährt: der aus dem Paschamysterium sprießenden Eucharistie. Auch Ruths Name ist sprechend: Sie ist als Ekklesia "Freundin" und "Begleiterin" des Kyrios auf dem Weg zur Wiederherstellung von Davids Thron und Königtum im kommenden Gottesreich. Es vorzubereiten und zu gebären ist ihr aufgegeben.
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Bild: Ruth trifft im Gerstenfeld auf Boaz - dargestellt in einer Kartusche in der Wallfahrtskirche St. Märgen im Schwarzwald.

Kommentare:

Tarquinius hat gesagt…

Das nenne ich mal eine wirklich gelungene Exegese, danke dafür!

Andreas hat gesagt…

Sagen wir mal: Deo gratias ... und Tarquinio gratias ;-)