Sonntag, 14. September 2014

Vom "Zeichen des Alls"

Offenburg, Heilik-Kreuz, Hochaltar
Man solle es "recht" machen: "langsam, groß, mit Bedacht" - das Kreuzzeichen, von dessen Geste Romano Guardini schreibt:
Sammle dich recht; alle Gedanken und dein ganzes Gemüt sammle in dieses Zeichen, wie es geht von der Stirn zur Brust, von Schulter zu Schulter. Dann fühlst du es: Ganz umspannt es dich, Leib und Seele; nimmt dich zusammen, weiht dich, heiligt dich. Warum? Es ist das Zeichen des Alls, das Zeichen der Erlösung (Von heiligen Zeichen, Kapitel 1).
"Zeichen des Alls" ... ein sehr großes Wort! So mag man nun fragen, warum Guardini den Begriff "Zeichen des Alls" hier einfügt und "warum" ausgerechnet das Kreuz als "Zeichen des Alls" mit dem Einzelnen, der ein Kreuz schlägt, verknüpft und mithin für dieses einen Menschen Erlösung, Weihung, Heiligung so bedeutend sei, daß der Autor es eigens erwähnt? 
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Nun sind wir einerseits als Einzelne niemals der Heilsgeschichte, die auch Schöpfungsgeschichte ist, entlöst. Man kann aber noch einen anderen Grund anführen, der eine Schau aufgreift, die - von den Kirchenvätern aufgenommen - im hohen Mittelalter entfaltet worden ist: Der Mensch sei eine Welt im Kleinen, ein "Mikrokosmos", der die Welt im Großen, den "Makrokosmos", abbilde. So bedeute etwa unser Atem die Luft, die Wärme des Blutes das Feuer, das Fleisch die Erde.
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Solche Ideen lassen sich als vorwissenschaftlich belächeln. Doch die Gegenbezüglichkeit auf ein Schöpfungsganzes, wie sie hier formuliert ist, gehört zu den Urahnungen der Menschheit und feiert - aus christlichen Deutungshorizonten zwischenzeitlich oft herausrationalisiert - heute nicht zufällig Urständ in pantheistischen und esoterischen Zirkeln.
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Wenn wir uns bekreuzigen, so ist das also keineswegs ein rein "privater" Akt, sondern wir tun es im und für das Gesamt der Schöpfung, zeichnen das Kreuz über uns und alles Geschaffene, das in uns sich spiegelt. Wir bekräftigen damit zudem die Notwendigkeit, daß alles vom Kreuz erfasst werden soll, auf daß die Schöpfung von jener Wunde, welche die Sünde ihr eintrug, durch das Kreuz heil werde. 
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Wir erkennen es als jenes "Zeichen des Alls", das mit seinen Armen die Schöpfung umfasst und von Gott der Schöpfung als Grundstruktur eingeschrieben ist, und wir bekennen, daß der Felsen von Golgatha, um ein Wort des hl. Cyrill von Jerusalem aufzugreifen, "der Angelpunkt der Welt" (13. Katechumenen-Katechese, 28sei. Wir segnen uns selbst und das ganze Schöpfungswerk Gottes in diesem Zeichen, wenn wir uns bekreuzigen, und indem wir das Zeichen des Kreuzes über uns schlagen, erhöhen wir es: Über uns selbst und über die ganze Welt.
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 Guardinis Erwägung ist entnommen: Romano Guardini: Von heiligen Zeichen. Mainz o.J. [nach 1927]. S 11. Das Bild zeigt den Hochaltar der Heilig-Kreuz-Kirche zu Offenburg.

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